Nach OECD-Studie Armes Deutschland

OECD-Studie (Foto)
In Deutschland werden die Reichen reicher - und die Armen ärmer. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Andrea Schartner
Kein Grund zur Freude - in Deutschland wird die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer. Vor zehn Jahren war die Bundesrepublik noch ein ausgeglichener Staat, jetzt liegen Extreme vor. Soziale Unruhen werde es dennoch nicht geben, sagt Experte Stefan Liebig news.de

Reichtum und Armut in Deutschland driften immer weiter auseinander. Die obersten zehn Prozent der deutschen Einkommensbezieher verdienten 2008 mit 57.300 Euro jährlich etwa achtmal so viel wie die untersten zehn Prozent, wie eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ergab.

Der Bielefelder Soziologieprofessor und Experte auf dem Gebiet soziale Ungleichheit, Stefan Liebig, sagt im Gespräch mit news.de: «Die Ungleichheit nimmt zu, das zeichnet sich bereits seit Mitte der 1990er Jahre ab. Sie ist aber nicht so extrem, dass es zu sozialen Unruhen kommen wird. In anderen Ländern – z.B. Italien, Großbritannien oder Israel – ist die Ungleichheit der tatsächlich verfügbaren Einkommen deutlich größer – und: bis in die Mitte der 1990er Jahre hatte Deutschland eine im OECD Vergleich sehr niedrige Einkommensungleichheit.»

Liebig betont, dass sich nicht nur Marktprozesse für die Entwicklung verantwortlich zeichneten, sondern auch veränderte Lebenskonzepte und Verhaltensweisen. Das Heiratsverhalten zum Beispiel ändere sich, weil zunehmend mehr Partner gleiche Bildung und ähnliche Einkommenssituationen hätten: «Das Modell ‹Arzt heiratet Krankenschwester› hat ausgedient. Das heißt in der Konsequenz, in einem Haushalt haben entweder beide Partner ein hohes Einkommen oder eben beide ein niedrigeres. Dies ist auch eine Ursache wachsender Ungleichheit», sagt Liebig. 

Zwangsläufig sei die Entwicklung nicht: «Aber sie ist einmal das Ergebnis weiter Märkte und der Tatsache, dass einzelne Berufsgruppen sehr hohe Einkommenszugewinne in den letzten Jahren hatten. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt waren.»

Dazu kämen - vor allem in den oberen Einkommensegmenten - die Vermögenserträge. Das sei historisch zu sehen, sagt Liebig. «Deutschland hat seit 60 Jahren keinen Krieg mehr erlebt. Die ‹Aufbaugeneration› hatte so die Chancen, Kapital zu bilden. Dadurch haben jene einen Vorteil, deren Eltern und Großeltern mehr Erträge erwirtschaftet haben. Innerdeutsch gibt es hier auch große Unterschiede. In Westdeutschland hatten die Menschen mehr Möglichkeiten Kapital zu bilden, davon profitieren jetzt die Kinder- und Enkelgenerationen.»

Im OECD-Schnitt stiegen die verfügbaren Haushaltseinkommen in den beiden Jahrzehnten vor der Finanz- und Wirtschaftskrise um 1,7 Prozent jährlich. Die größten Gewinne machten dabei den Erhebungen zufolge meist Gutverdienerhaushalte. In Deutschland ist diese Entwicklung laut der Studie besonders ausgeprägt: Die realen Haushaltseinkommen seien zwar um 0,9 Prozent jährlich gestiegen, bei den Niedriglöhnen seien davon allerdings lediglich 0,1 Prozent angekommen, während die oberen zehn Prozent ihr Einkommen um 1,6 Prozent steigern konnten.

Die umverteilende Wirkung von Steuern und Sozialtransfers sei in Deutschland mit 29 Prozent (OECD-Mittel: 25 Prozent) zwar groß, konnte aber das Auseinanderdriften nicht komplett verhindern, wie die Wissenschaftler ermittelten.

Der soziale Wandel vergrößert die Kluft

Entscheidend sei die Entwicklung der Löhne und Gehälter, die laut Studie etwa 75 Prozent des Haushaltseinkommens ausmachen.  Aber auch zunehmende Teilzeitbeschäftigung trage zur Einkommensungleichheit bei. Dazu sei eine Verringerung der Arbeitszeiten gekommen: Im Vergleich zu vor 20 Jahren arbeiten Geringverdiener in Deutschland heute weniger, -  900 statt 1000 Stunden pro Jahr. Menschen aus den oberen Einkommensklassen hingegen arbeiteten weiter rund 2250 Stunden. Auch sozialer Wandel, etwa hin zu Alleinerzieher- und Single-Haushalten oder zu immer mehr Paaren in der gleichen Einkommensgruppe, vergrößere die Kluft.

Die Untersuchung widerlegt die Annahme, dass Wirtschaftswachstum automatisch allen Bevölkerungsgruppen zugutekommt und Ungleichheit soziale Mobilität fördert.

Den sozialen Zusammenhalt sieht Experte Liebig derzeit nicht gefährdet. Zu news.de sagt er: «Zustände wie in England gibt es in Deutschland sicherlich nicht. Das deutsche Sicherungssystem ist viel ausgeprägter, der deutsche Wohlfahrtsstaat funktioniert noch. Natürlich haben wir mit Hartz IV nicht mehr die komfortable Absicherung, wie in den alten Bundesländern in den 70/80er Jahren. Das macht vor allem der Mittelschicht Angst. Wichtig ist, dass die Menschen das Gefühl und die konkrete Aussicht haben, an ihrer Situation etwas ändern zu können.»

Im internationalen Vergleich stehe Deutschland gut da, weil es einem zunehmend größeren Teil der Menschen gelänge, ihre Einkommenssituation positiv zu verändern. Liebig sagt: «Deutschland ist so gesehen viel ‹durchlässiger› als andere Länder, die Chancen zur Verbesserung der eigenen Lage sind – gerade in den letzten Jahren relativ gut gewesen.»

Die OECD-Wissenschaftler haben sich Lösungen zum Problem der sozialen Ungleichheit überlegt. Mehr Menschen in Lohn und Brot zu bringen und hochwertige Arbeitsplätze mit echten Karriereaussichten zu schaffen, verspreche die größten Erfolge. Voraussetzung seien Investitionen ins Potenzial der Arbeitskräfte.

san/beu/roj/news.de/dapd

Leserkommentare (11) Jetzt Artikel kommentieren
  • Pazifiko
  • Kommentar 11
  • 23.05.2012 21:08

"Soziale Unruhen werde es dennoch nicht geben..." Dieses Thema sollte nicht allzu leicht genommen werden. Wäre die Situation in Deutschland die gleiche wie z.B. die Situation in Griechenland, so hätten wir hier längst wieder Krieg!

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  • anno1950
  • Kommentar 10
  • 13.12.2011 15:57
Antwort auf Kommentar 9

... nehmen wir einmal an es würde tatsächlich eine *ausländische Unterschicht* geben, was immer auch damit zum Ausdruck gebracht werden soll, dann müsste es doch volklich auch eine *deutsche Unterschicht* geben! … und genau darin wäre nicht nur Deine geschriebene Meinung platziert!

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  • ausländische Unterschicht
  • Kommentar 9
  • 06.12.2011 18:01

Die Einkommensunterschiede kommen vor allem durch die Einwanderung bildungsferner Unterschichten OHNE Bildung, Geld und Ausbildung, die (fast) reine Transferempfänger sind. 1-Tag-Pro-Woche Regale einräumen reicht nicht um eine Familie mit sieben Kindern zu ernähren, so wie in unserem Supermarkt mit einem Iraker. Verdienst 8 Std pro Woche mit 6,50 € Std.Lohn, verheiratet (sie ist vollkommen verschleiert und arbeitet nix) und seit einigen Wochen haben sie das siebte Kind. Und ich muss - Kassiererin in Vollzeit - diese Faulenzer durchfüttern. 2013 wähle ich RECHTS Schmarotzer raus!!!

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