Studis im Seniorenstift Wohnungsnot? Im Altenheim ist noch Platz!

Ein außergewöhnliches Projekt: Studenten in Niedersachsen ziehen in den Seniorenstift, weil der Wohnungsmarkt überlaufen ist. News.de hat eine von ihnen gefragt, wie es sich als Jungspund unter Rentnern lebt.

Studenten ziehen ins Seniorenheim (Foto)
Im Hannoveraner Eilenriedestift sind 15 Studenten untergekommen, das GDA Göttingen hat Zimmer an zwei Stundenten vermietet. Bild: dapd

Doppelte Abiturjahrgänge in Bayern und Niedersachsen und die Abschaffung der Wehrpflicht lassen die Unis aus allen Nähten platzen. Vorlesungen werden in Kinos und Kirchen verlegt, auf den Unifluren ist kaum ein Durchkommen. Nicht besser sieht es auf dem Wohnungsmarkt der Unistädte aus. Viele Erstsemester mussten ihr Nachtlager in Turnhallen und Notunterkünften aufschlagen. Fieberhaft suchen sie nach einer Bleibe.

Fast verzweifelt ist auch Ina Krieger bei ihrer Wohnungssuche in Göttingen. Bis sie das Angebot sah: «Zimmer im Seniorenstift an Studenten zu vermieten.» So oder so ähnlich dürfte die Anzeige gelautet haben. Ina hat nicht lange gezögert und zum Telefon gegriffen. Wenige Wochen später ist die 24-Jährige in ihr neues Domizil gezogen. Im GDA Seniorenstift in Göttingen. Auf einer kleinen Anhöhe liegt das Heim, direkt neben einem kleinen Wäldchen. Auf dem Grundstück gibt es einen kleinen Teich und viel Grün. 583 Apartments hat die Einrichtung, das Durchschnittsalter der Bewohner liegt bei 84 Jahren.

Studentenwohnheime: Außergewöhnliches Studentenleben
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Ein ungewöhnliches Projekt. Doch Ina fühlt sich wohl. «Es ist hier mehr wie in einem Hotel», sagt sie im Gespräch mit news.de. «Nur, dass mir auf dem Flur hauptsächlich alte Menschen entgegenkommen.» Ina ist gelernte Krankenschwester und hat zum Wintersemester ein Medizinstudium in Göttingen begonnen. Bis zur Uni sind es sieben Kilometer mit dem Fahrrad. «Zurück geht es ordentlich bergauf. Aber da bekommt man gut den Kopf frei», sagt sie. Wenn die Studentin abends nach Hause kommt, sind die Senioren meist schon in ihren Zimmern verschwunden.

Großes Wohnen für kleines Geld

Nur am Wochenende ist der Kontakt zu den älteren Bewohnern intensiver. Denn der Deal lautet: Ina zahlt 160 Euro pro Monat für ihr 25 Quadratmeter großes Apartment und leistet dafür monatlich 30 Arbeitsstunden in der Demenzgruppe des Stifts. Gemeinsam Kaffee trinken, Gedichte lesen, Gesellschaftsspiele spielen und spazieren gehen - so sieht Inas Wochenende aus, wenn sie arbeitet.

Ähnliche Projekte gibt es auch andernorts. Unter dem Motto «Wohnen für Hilfe» leben Studenten in verschiedenen Städten direkt in den Häusern älterer Menschen und helfen im Haushalt, statt Miete zu zahlen. Im Hannoveraner Eilenriedestift haben zum Wintersemester 15 Studenten eine neue Bleibe für wenig Geld gefunden.

«Generationsübergreifendes Zusammenleben ist viel mehr als nur Unterstützung und Dienstleistung der Jungen für die Alten», sagt Cornelia Rundt vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Niedersachsen, bei dem sowohl das Eilenriedestift Hannover als auch der GDA-Stift Göttingen Mitglieder sind. Während junge Menschen günstig wohnen können und von der Lebenserfahrung der Älteren profitieren, nehmen die Rentner deutlicher als vorher an den Veränderungsprozessen der Gesellschaft teil. «Sie hören, was ‹in› ist und wie sich die Welt um sie verändert», sagt Rundt zu news.de.

Bohrzeiten und verwirrte Mitbewohner

Sie glaubt an die Zukunft solcher Projekte. Und auch Ina möchte ihr Apartment im Stift nicht mehr missen. Sie hat bereits in Wohngemeinschaften gewohnt, kennt also beide Seiten des Studentenlebens. «Die Senioren sitzen ja nicht in meinem Zimmer», sagt sie. Für jedermann ist diese Form des Wohnens aber nicht gedacht. Die Heime schauen genau, wer sich für ein Zimmer eignet. Zwei Studenten leben derzeit im GDA-Stift Göttingen, beide studieren sie Medizin. Es ist also schon klar, dass die jungen Menschen auch künftig mit Älteren zu tun haben.

«Ich höre ganz normal Musik und telefoniere in normaler Lautstärke - das war bisher nie ein Problem», sagt Ina. Nur eine Sache hat sie anfangs verwundert: Im Seniorenheim gibt es Bohrtage, nur dienstags und freitags darf zu bestimmten Zeiten gebohrt werden. «Als ich eingezogen bin, durfte ich meine Schränke und Lampen nicht aufhängen.» Ina musste einen Termin mit dem Hausmeister vereinbaren, der an einem der Bohrtage kam und half.

Und auch die Mitbewohner sind etwas anders als im Studentenwohnheim: «Es gibt hier eine Frau, die einem jeden Tag ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. Da muss man sehen, dass man schnell den Absprung schafft», erzählt Ina. Sonst fühlt sie sich aber rundum wohl in ihrem neuen Heim. Und Party machen kann sie schließlich auch woanders.

rzf/som/news.de

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Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Harald
  • Kommentar 3
  • 15.03.2012 18:09

Hervorragend gute idee , da würde ich auch sofort bei bedarf einziehen allerdings wird nichts über die kosten gesagt das sollte nachgeholt werden .

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  • Didi
  • Kommentar 2
  • 19.11.2011 13:51
Antwort auf Kommentar 1

dem kann ich nur beipflichten. eine super Idee, die hoffentlich viele Anhänger finden wird.

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  • gundi
  • Kommentar 1
  • 19.11.2011 13:27

ENFACH KLASSE !!! Dieses Angebot, dieser Gedanke sollte sich absolut verbreiten u. in der "Wohnungssuche" für Studenten unbedingt mit aufgenommen / angeboten werden. Beiden Seiten ist damit geholfen u, bringt Vorteile - junge Leute bleiben und/oder lernen gleichzeitig wichtigen Sozialumgang und die älteren Herrschaften fühlen sich evtl. auch ein bisschen nützlich (Selbstwertgefühl), wenn sie Auskunft für Lebensfragen geben können. Weiter so :))

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