Burnout Arbeiten bis zum Umfallen

Wenn das Arbeitsklima krank macht: Burnoutexperte Dr. Jörg-Peter Schröder erklärt im news.de-Interview, wie Sie erkennen, ob Ihr Kollege Burnout-gefährdet ist. Und er warnt: Burnout ist ansteckend.

Burnout (Foto)
Wirkt ein Kollege erschöpft und ist er unkonzentriert, sollte man ihn darauf ansprechen. Bild: dpa

Herr Dr. Schröder, Sie sind Arzt, Burnoutexperte und seit Jahren als Führungscoach in diesem Bereich tätig. Burnout, Stress und Depressionen nehmen zu. Psychische Störungen haben schon im Jahr 2006 Herz-Kreislauf-Erkrankungen als häufigsten Behandlungsanlass abgelöst und der Trend geht weiter. Häufig werden Arbeitsverdichtung und wirtschaftlicher Druck als Ursachen genannt. Welche Erfahrungen haben Sie in Ihren Coachings gemacht?

Dr. Jörg Schröder: Viele Mitarbeiter arbeiten mittlerweile am Limit der eigenen Leistungs- und Belastungsfähigkeit. Sie klagen darüber, dass sie zu viel in Meetings sitzen und E-Mails beantworten müssen, aber gar nicht zum Arbeiten kommen. Dann wird die eigentliche Arbeit mit preußischer Disziplin in den Abendstunden erledigt. Tendenz weiter steigend. Bis zum Umfallen.

Burnout: Ausgebrannte Promis

Haben sich die Anspüche an die Führungskräfte in den vergangenen Jahren gewandelt? Und wenn ja, in welche Richtung?

Schröder: Die Ansprüche haben sich gewandelt - und zwar in doppelter Hinsicht: Einerseits haben sich die Rahmenbedingungen geändert. Zielanforderungen, Druck und Arbeitsgeschwindigkeit wurden erhöht. Andererseits sind aber auch die Erwartungen an sich selbst extrem gestiegen. Burnoutgefährdet sind sehr engagierte, ehrgeizige und hart arbeitende Menschen, die ihre Höchstleistungsgrenzen dauerhaft mit einer Marathon-Arbeitsliste überschreiten. Viele laufen immer schneller und funktionieren nur noch. Ohne zu spüren, was ihnen selbst gut tut.

Woran liegt das?

Schröder: Viele fokussieren sich nur noch auf Feuerwehrlöschaufgaben, weil angeblich die Hütte brennt. Hauptaspekte sind fehlende Abstandsfähigkeit, Perfektionismus, unrealistische Erwartungen, Wunsch nach Anerkennung und nicht Nein sagen zu können. Wenn diejenigen es dann noch allen recht machen möchten, können sie nur verlieren.

Was sind erste körperliche Warnsignale einer Überlastung - und wie kann ich eine Abwärtsspirale unterbrechen?

Schröder: Die Selbstausbeutung über die Grenzen der Gesundheitsschädigung, die sich schleichend vollzieht, hat viele Facetten. Je nach Phase des Burnouts reicht das Spektrum von Erschöpfung und Konzentrationsstörungen, über Ein- und Durchschlafstörungen bis zu depressiven Verstimmungen. Ohrgeräusche, Schmerzen in den Muskeln und Gelenken, Magen- und Darmprobleme, Sehstörungen, Schwindel und Herzprobleme sind ebenfalls häufig benannte Symptome. Diese SOS-Signale sind die Voraussetzung für eine notwendige Veränderung der eingeschliffenen Verhaltenspfade. Wenn diese Hinweise als eine Art Bewusstseinsanspitzer in sinnvolle Handlungen münden, besteht eine wirkliche Chance zu einer Veränderung. Die Wahrnehmungsschärfung und das Akzeptieren, dass es so nicht weitergehen kann, kann die Wende einleiten.

Wo verläuft die Grenze zur Depression?

Schröder: Medizinisch geht es darum, eine depressive Verstimmung von einer echten Depression zu unterscheiden. Dies ist Aufgabe von Fachärzten und nicht Gegenstand des Coachings.

Welche anderen Krankheiten sind auszuschließen?

Schröder: Die Symptome des Burnouts sind vielfältig. Je nach Stadium des Burnouts variieren auch die Ausprägungen. Eine sorgfältige Diagnostik sollte von einem erfahrenen Facharzt betrieben werden.

Welche Persönlichkeitstypen sind besonders gefährdet?

Schröder: Perfektionistische Menschen, die nicht Nein sagen können und immer für alle da sein wollen, sind am stärksten gefährdet.

Wann sollte ich den Kollegen ansprechen?

Schröder: In dem Moment, in dem ich feststelle, dass sich der Kollege verändert hat, kann ich meine Beobachtungen als Feedback geben. Dies sollte aber nicht festschreibend erfolgen, in dem ich mitteile: «Du hast einen Burnout.»

Muss ich den Betriebsarzt einschalten?

Schröder: Das kommt ganz auf die Ausprägung der Symptome an. Grundsätzlich muss im Unternehmen festgelegt werden, wer wen zu informieren hat. Eine Einschaltung Dritter sollte nur unter Einbezug des Betroffenen erfolgen.

Gefährde ich den Arbeitsplatz des Kollegen, wenn ich seine Überforderung melde?

Schröder: Ich sollte es nicht Dritten melden, sondern den Betroffenen selbst darauf ansprechen, was ich beobachtet habe. Die nächsten Schritte müssen gemeinsam mit dem betroffenen Mitarbeiter erfolgen.

Wie kann ich «Erste Hilfe» leisten?

Schröder: Es geht nicht um Erste Hilfe, sondern darum, die Wahrnehmung für die eigenen Symptome zu schärfen. Und auch wachsam zu sein, wie es anderen Mitarbeitern, Kollegen und Vorgesetzten geht. Feedback ist daher wichtig.

Was muss sich in der Abteilung ändern, wenn Burnout zum Thema wird?

Schröder: Wenn sich Burnoutfälle in der Abteilung häufen, sind dies möglicherweise Hinweise auf einen «Klimawandel» in der Kultur des Teams. Die Führungskultur, die Kommunikation und der Umgang miteinander müssen besprochen werden.

Kann Burnout «ansteckend» werden? Welche Rolle spielt das Betriebsklima?

Schröder: Auf jeden Fall! Wenn die Angst umgeht, kommt es schnell zu einer Verunsicherung ganzer Teams. Mobbing und Burnout sind dann häufig die Folgen schlechter Führung und mangelhafter Teamkultur.

Wie können das Unternehmen und ich als Kollege vorbeugen?

Schröder: Die Prävention von Burnout und dessen Vermeidung im Unternehmen sind mein persönliches Hauptanliegen. Im Rahmen eines Konzepts zur Unternehmensgesundheit sind strategische abteilungsübergreifende Maßnahmen zu entwickeln, wie sich die Führungskultur ändern muss, damit es in dem Unternehmen nicht zu einem organisatorischen Burnout kommt.

Folgende Dinge sind wichtig:

- Orientierung geben

- Eine gemeinsame Vision entwickeln

- Sinn vermitteln

- Wertschätzung und Anerkennung leben

- Gemeinsam Verantwortung übernehmen

- Klare Regeln etablieren

- Vertrauen etablieren

- Commitment übernehmen

- Umsetzung in kleinen konkreten Schritten.

Hat sich die Thematik durch die veränderten Kommunikationsmöglichkeiten noch verschärft?

Schröder: «Always on» ist ein Hauptproblem. Die elektronischen Fußfesseln in Form von mobilen Endgeräten erwecken ein Verhaltensmuster, auch noch nachts zu jeder Zeit erreichbar sein zu müssen. Oder E-Mails auch im Urlaub zu beantworten. Meist handelt es sich um unausgesprochene Erwartungen. Aus Pflichtgefühl wird häufig im vorauseilenden Gehorsam mehr gemacht, als tatsächlich erwartet wird und der eigenen Gesundheit gut tut. Aber wenn der Chef am Wochenende E-Mails schreibt, werden diese auch bis Montagmorgen beantwortet. Es geht aber nicht darum, in kürzerer Zeit noch mehr zu machen - sondern sich die Frage zu beantworten: Was ist wirklich wichtig? Was kann ich weglassen, um meine Ziele zu erreichen?

Theoretisch hört sich das gut an. Schwierig wird es, die guten Vorsätze in die tägliche Arbeit zu transformieren und nachhaltige Veränderungen zu bewirken. Was raten Sie?

Schröder: Der Umgang mit Belastungen, Stress, Ambiguität und sich selbst werden zur Schlüsselkompetenz zur erfolgreichen Verhinderung eines Burnouts. Auch die Stärkung der Resilienz, also der erfolgreiche Umgang mit Niederlagen, ist wichtig. Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst ist eine der Grundvoraussetzungen, die Dinge wahrzunehmen, die schief laufen im Leben. Der Umgang mit Burnout bedeutet auch eine Verhaltensänderung und damit einen Mind-Change. In einem gesunden Mix aus An- und Entspannung lassen sich konkrete Maßnahmen für das eigene Selbstmanagement aufsetzen, damit sich Mitarbeiter fair-ändern können. Alte Muster sind wie starke Magneten. Ein wichtiger Hebel für Veränderungen im täglichen Alltag sind: Pausen machen, Nein sagen, Entspannungsübungen, Sport, Freundschaften pflegen und Zeit für sich selbst. Ein mobiles Telefon kann man auch abschalten. Das geht ganz einfach. Man muss es sich nur trauen.

Der Hamburger Dr. Jörg-Peter Schröder arbeitet als Arzt und Führungscoach seit 1987 im Gesundheitsmanagement. Er begleitet Teams und Führungskräfte an der Nahtstelle von Führung, Gesundheit, Performance und Persönlichkeitsentwicklung. Er ist Autor des Buches Die Anti-Burnout-Fibel.

Lesetipp: Wege aus dem Burnout, Dr. Jörg-Peter Schröder, Cornelsen Verlag Scriptor, 2006, 128 Seiten, ab 6,99 Euro.

Die Anti-Burnout-Fibel, Dr. Jörg-Peter Schröder, Cornelsen Verlag Scriptor, 2010, 168 Seiten, 14,95 Euro.

rzf/eia/news.de

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Leserkommentare (6) Jetzt Artikel kommentieren
  • andyb113
  • Kommentar 6
  • 09.11.2011 18:49

Das mit dem Umfallen habe ich vor 2 Jahren erlebt: Bluthochdruck,keine Zeit für Sport, dann : Schlaganfall: Eine Ader platzte im Gehirn ! Ich hatte "Glück" NUR: Aphasie, und alle Wörter musste ich neu lernen, ein Horror. Hundertprozentig werde ich nie wieder.. danke .... nun kann ich wieder arbeiten, aber deutlich reduziert, es soll nicht wieder passieren. Leider, es hat sich nichts geändert in dieser Firma. Also in vielen Konzernen und Firmen ist Gesundheitsmanagement ein Fremdwort. andy

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  • moebius
  • Kommentar 5
  • 09.11.2011 17:35

Das Arbeitsumfeld ist nur ein Teil, der zu einem Burnout beiträgt. Die Hauptursache ist an einem selber zu suchen. Wie im Artikel beschrieben geht es oft um das nicht Nein sagen können, dem Streben nach Perfektionismus und dem Wunsch, das Gefühl zu haben, unersetzlich und wichtig zu sein. Dabei verliert man die Ansprüche des eigenen Körpers aus den Augen: Zeit für sich selber zu haben, zu seiner eigenen inneren Mitte zu finden, mal wieder durchzuatmen und den Moment genießen. Das ist schiffbar, bedeutet aber hier harte Arbeit an sich selbst. Als Betroffener weiss ich wovon ich rede....

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  • Ritchi
  • Kommentar 4
  • 09.11.2011 15:12

Ganz wichtig ist die Perspektive, die einem der Vorgesetzte gibt. Wenn dieser einen am ausgestreckten Arm verhungern lässt (Ich kann da nichts für Sie tun... Sein Sie froh, dass...), ist der Burnout nicht mehr weit.

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