Jobs in Deutschland Arbeiten im Irrenhaus

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Personalwechsel wie in einem Durchlauferhitzer und zunehmend psychisch bedingte Krankheitstage: Warum deutsche Firmen wie die Vorhölle erscheinen, was gegen Betonköpfe in Chefetagen hilft und wie der ideale Bewerber aussieht, verrät Karriereberater Martin Wehrle bei news.de.

Herr Wehrle, ihr Buch Ich arbeite in einem Irrenhaus besteht zu zwei Dritteln aus Negativbeispielen aus dem Büroalltag. Ist es um deutsche Unternehmen tatsächlich so schlimm bestellt?

Wehrle: Es ist äußerst schlimm bestellt. Von zehn Mitarbeitern sagt nur einer laut der Motivationsstudie der Unternehmensberatung Gallup «Ich bin wirklich motiviert». Neun sind entweder innerlich emmigriert oder arbeiten gar gegen die Firma. Es gibt eine ganz große Fehlorganisation, eine ganz große Frustration in den Unternehmen.

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Warum geraten Arbeitnehmer an Irrenhäuser?

Wehrle: Die Mitarbeiter werden von den Firmen nicht ernst genommen. In großen Unternehmen sind sie heute oft nur Ballast, den man, sobald es geht, über Bord wirft, um Kosten zu sparen. Die Unternehmen haben vergessen, dass sie nicht aus Gebäuden und Bilanzen bestehen, sondern aus Mitarbeitern. Aus Menschen, die das Unternehmen ausmachen, die den Kontakt zum Kunden pflegen. Mitarbeiter spüren diese Missachtung.

Zugespitzt formuliert, fühlen sich die meisten Mitarbeiter wie Kostenstellen auf zwei Beinen?

Wehrle: Das ist wunderbar auf den Punkt gebracht. Es gibt einen Management-Vordenker, Peter F. Drucker, der gesagt hat: «Mitarbeiter müssten eigentlich in der Bilanz nicht auf der Soll-Seite auftauchen als Kostenpunkt, sondern auf der Haben-Seite.» Das Einzige, was Unternehmen in der Wissensgesellschaft von der Konkurrenz positiv abheben kann, sind die kreativen Köpfe der Mitarbeiter, aber nicht das Geschäftsmodell.

Jobs in Deutschland
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Wenn sie eine Diagnose stellen müssten: Woran kranken die deutschen Unternehmen am meisten?

Wehrle: Sie kranken sehr an Führungsschwäche. Es werden nicht die befördert, die sozial die Kompetentesten sind, sondern jene, die die härtesten Ellenbogen haben. Wenn ungelernte Führungskräfte an der Spitze stehen, die ihren Job nicht gelernt haben, dann stinkt der Fisch vom Kopf her. Das pflanzt sich nach unten fort und macht den Mitarbeitern ihre ursprünglich vorhandene Motivation madig.

Viele Unternehmen würden sagen «Das ist nicht allein unsere Schuld». Was ist denn die schlimmste Krankheit der Arbeitnehmer?

Wehrle: Die schlimmste Krankheit der Arbeitnehmer ist, sich einfach in den Regen zu stellen und zu jammern, dass es regnet. Ohne zu überlegen «Kann ich einen Regenschirm aufspannen oder kann ich unter ein anderes Dach gehen?». Übertragen heißt das, ich muss überlegen: Was kann ich dazu beitragen, dass die Arbeitsverhältnisse besser werden? Dass ich meinen Chef, wenn er schon schlecht führt, dazu bringe mich besser zu führen?

Wie stellt man das an?

Wehrle: Ich mache es an einem Beispiel konkret: Ich kann mich fürchterlich ärgern, dass mein Chef mich niemals lobt. Dass er mir keine Rückmeldung gibt und nur, wenn mal ein Fehler passiert, kritisiert. Ich kann aber auch auf den Chef zugehen und sagen «Ich habe gerade ein Projekt abgeschlossen, sie haben das verfolgt, geben Sie mir bitte mal eine Rückmeldung, wie hat ihnen das gefallen?» Das heißt, ich hole aktiv das, was ich brauche, statt dazustehen und zu warten, dass der Chef mir entweder ein Lob spendet oder es verweigert.

Die Negativhaltung führt dazu, dass man sehr schnell frustriert wird, was psychisch krank machen kann. Die Deutschen waren 2010 rund 29 Tage krank geschrieben. Welchen Anteil hat der Irrsinn in Unternehmen daran?

Wehrle: Die Zahl der Krankheitstage durch psychische Erkrankungen hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Der Irrsinn der Firmen färbt auf die Mitarbeiter ab, macht sie psychisch krank, treibt sie in eine Haltung, in der es sich nicht mehr angenehm arbeiten und leben lässt. Ich bin ganz sicher, und das kann man auch in Statistiken nachlesen, in Betrieben, wo ein produktives Klima herrscht, wo die Mitarbeiter menschlich geführt werden, sie sich einbringen können, dort ist die Krankheitsquote um ein vielfaches niedriger als in irrsinnigen Firmenkulturen.

Können Sie ein Beispiel geben?

Wehrle: Bei Recherchen für ein neues Buch habe ich von einem Betriebsleiter in Hamburg gehört, der die Produktion für eine Firma leitet. Ihm wurden immer mehr Mitarbeiter gestrichen - aus Sparwahn. Das ging so lange, bis die Mitarbeiter sich körperlich verletzt haben, sich die Unfälle in der Produktion versechsfachten. Mit der Vervielfachung haben sich immer mehr Mitarbeiter krankschreiben lassen, obwohl sie nicht verletzt waren, sondern weil sie diesen Druck nicht mehr ausgehalten haben. Es ist ein riesiges Problem, dass die Leute heute ungeheuer unter Druck stehen, immer weniger Leute immer mehr Arbeit schultern sollen.

Was sie da beschreiben, sind Extremfälle. Bei welchen Anzeichen kann man sich sicher sein, dass man in einem Irrenhaus gelandet ist?

Wehrle: In meinem Irrenhaus-Test geht es unter anderem darum, ob die Firma das, was sie nach außen verkündet, nach innen lebt. Wenn eine Firma nach außen sagt, wir sind demokratisch, wir wollen Mitarbeiter, die mitreden, im Haus herrscht aber eine richtige Diktatur und der Mitarbeiter hat nur zu gehorchen, sieht man schon, dass eine Schizophrenie vorliegt. Dass die Firma etwas anderes darstellt als sie ist. Daraus wie eine Firma ihre Kunden behandelt, können Sie interessante Rückschlüsse ziehen. Geht es nur darum, an das Geld der Kunden zu kommen, behandelt eine Firma ihre Mitarbeiter sehr wahrscheinlich ähnlich rücksichtslos. Was auch wichtig ist: Wie ist der direkte Vorgesetzte? Kann ich mal es mir erlauben, wenn ich wirklich krank bin, auch zu Hause zu bleiben? Oder muss ich bei ein paar Tagen Krankheit fürchten, dass das negative Konsequenzen für mich hat? Wenn ich auf solche Fragen mit einem «Ja» antworte, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass eine ungesunde Firmenkultur oder, um es zugespitzt zu sagen, ein Irrenhaus vorherrscht.

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Leserkommentare (42) Jetzt Artikel kommentieren
  • gehtnicht
  • Kommentar 42
  • 03.10.2011 18:12
Antwort auf Kommentar 34

ACH unser RAGNA der DAUERINSASSE des IRRENHAUSES, meine nicht das Job-Irrenhaus-Deutschland sondern,schon das Irrenhaus wo User mit unterirdischen Beiträgen hingehören! FÜR ALLE NEHMT DIE BEITRÄGE VON RAGNA.NICHT FÜR VOLL DEN ER WEIß ,NICHT WAS ER MACHT ER ERINNERT MICH AN DEN KANZLERAMT-HOFNARR PORFALLA!

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  • loddel
  • Kommentar 41
  • 03.10.2011 11:54
Antwort auf Kommentar 4

Ein riskanter Weg, nur mit Rechtsschutz.

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  • Ralf
  • Kommentar 40
  • 03.10.2011 09:45

Was solls ,wir leben in dem Irrenhaus dies heißt Deutschland .

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