Jobs in Deutschland Vom Mitarbeiter zum störrischen Esel

Bis zur Rente im Unternehmen bleiben? Für mehr als 60 Prozent der deutschen Arbeitnehmer ist das keine Option. Weil die Firmen Irrenhäusern gleichkommen, meint Karriereberater Martin Wehrle. Er hat Schreckensszenarien gesammelt und Tipps für die Rettung.

Arbeiten im Irrenhaus (Foto)
Unzufriedenheit, Überlastung, Zweifel: In so manchem deutschen Unternehmen herrscht nicht nur organisatorisches Chaos. Bild: iStockphoto

Bis zu fünf Mal haben Beschäftigte laut Europäischer Kommission bereits ihren Arbeitgeber gewechselt. Und das liegt nicht nur an den Arbeitnehmern. Geht es nach Karriere-Coach Martin Wehrle, liegt in deutschen Firmen einiges im Argen. In seinem Buch Ich arbeite in einem Irrenhaus. Vom ganz normalen Büroalltag hat Wehrle Beispiele seiner Klienten gesammelt, die manches ungläubige Kopfschütteln verursachen.

Doch einige Leser dürften sich an die eigene Situation erinnert fühlen: Chefs, die Gehaltserhöhungen nur zulassen, wenn sie selbst vollkommen betrunken sind; Bewerber, die eingestellt wurden, ohne die Belegschaft darüber zu informieren; Mitarbeiter, die erst aus dem Intranet erfahren, dass für ihre Position ein neuer Bewerber gesucht wird; oder Unternehmen, die die Ideen ihrer Mitarbeiter als Schnapsideen bewerten und diese erst genial finden, wenn die Konkurrenz sie bereits umsetzt.

Erfolg im Job: So klappt's mit dem Chef

Auch wenn die Fälle oft abstrus und manchmal bösartig erscheinen, sie machen deutlich, weshalb 41 Prozent der Deutschen laut Gesellschaft für Konsumforschung allein zwischen Februar und April 2011 aktiv nach einem neuen Job suchten. Der Karriereberater ist überzeugt: Der Irrsinn der Unternehmen färbt auf die Mitarbeiter ab.

Erkenntnis ist der erste Schritt zur Änderung

Allerdings scheint Wehrle überzeugt, dass absolute Irrenhäuser selten seien, die relativen hingegen verbreiteter. Bei letzteren handele es sich um Unternehmen, die aus der Wahrnehmung der Mitarbeiter als problematisch eingestuft werden.

Ein deutliches Warnsignal könne hohe Mitarbeiterfluktuation sein. In absoluten Irrenhäusern sei der Leidensdruck der Kollegen deutlich sichtbar: Mobbing, häufiger auftretende psychische Erkrankungen, unglückliche Mitarbeiter. Beinahe lakonisch wirkt da der Rat: «Lesen Sie mal eine Stellenanzeige Ihrer Firma. Ich wette, in dieser Eigenlob-Hymne erkennen sie alles Mögliche wieder - nur nicht den Laden in dem Sie arbeiten.»

Wehrle rät in seinem Buch, negative Eigenschaften des Arbeitgebers aufzulisten und diese engen Bekannten vorzulegen. Diese sollten dann ankreuzen, welche Eigenschaften sie an der Person schon wahrgenommen haben. Denn: Die Spielregeln der Unternehmen würden oft auch unbewusst ins Privatleben übernommen. Das mache unzufrieden.

Gleiches gelte für Entscheidungen. Chefs, die Warnungen ihrer Mitarbeiter nicht ernst nehmen, stellen sich selbst ins Abseits: «Der sicherste Weg, einen Mitarbeiter in einen störrischen Esel zu verwandeln, ist eine schwachsinnige Entscheidung über seinen Kopf hinweg», gibt Wehrle zu bedenken.

Die Flucht sorgfältig angehen

Jedes Unternehmen habe seine Macken, deshalb müssten Mitarbeiter auch an sich selbst arbeiten. Diesen, in vielen Ratgeberbüchern verbreiteten Tipp, hält der Karriere-Coach für zwiespältig. Immerhin sei das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer keine Liebesbeziehung auf Augenhöhe, Gleichwertigkeit nicht vorhanden. Die Beziehung basiere lediglich darauf, dass Arbeitnehmer dafür bezahlt werden, sich an die «Spielregeln der Firma» zu halten.

Jobs in Deutschland: Erteilen Sie dem Irrenhaus eine Lektion
Video: news.de

Wer sich als Insasse erkennt, wie es Wehrle zuspitzt, könne sich natürlich anpassen oder das zumindest vortäuschen. Doch am Ende sei das keine Lösung. Hält das Unwohlsein im Unternehmen an, helfe nur, die Suche nach einem neuen Arbeitgeber. Vielen Betroffenen falle das allerdings nicht leicht: «Leider sitzen viele Arbeitnehmer in ihren Firmen wie Pinguine in der Wüste fest», resümiert der Karriereberater in seinem Buch.

Am Ende vom Lied stünden Verzweifelung, psychische Erkrankungen und mitunter sogar Selbstmord, wenn Menschen den Mut zu wechseln nicht aufbrächten. Doch wie gehen Betroffene auf Nummer sicher, das beim nächsten Job nicht alles wieder genauso endet? Für den Karriereberater ist klar: Jeder muss seine persönlichen Werte kennen. Ein Patentrezept gibt es nicht: «Es ist wichtig zu reflektieren, worauf es jemandem im Leben persönlich ankommt», verrät Wehrle im news.de-Interview. Entscheidend sei das Wohlgefühl, der eigene Instinkt.

Lesetipp: Ich arbeite in einem Irrenhaus. Vom ganz normalen Büroalltag, Martin Wehrle, Econ-Verlag, 288 Seiten

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som/rzf/news.de

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Orwellhatterecht
  • Kommentar 1
  • 30.09.2011 19:34

Ein solches Buch war m.E. lange schon fällig, der Titel hätte nicht treffender sein können ! Vor knapp 30 Jahren begann es in deutschen Unternehmen zunehmend ungemütlich zu werden! Es hatte wohl etwas zu tun mit der vom damaligen Kanzler Kohl versprochenen geistig moralischen Wende. Aus dem Modell Deutschland wurde das Modell Irrenhaus Deutschland ! Fortan zählte nicht mehr Können und Leistung sondern die optimierte Benutzung der Ellenbogen. Junge Schnösel, gerade den Windeln und der Uni entwachsen, schwadronierten über Mitarbeiter als "Kosten auf 2 Beinen", die es zu reduzieren gilt.

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