Finanzkrise Leben wir doch einfach ohne Geld!

Die Finanzkrise lässt uns um unser Geld fürchten. Ohne finanzielles Polster fühlen wir uns verloren. Doch es gibt Menschen, die anders leben. Sie verzichten auf Konto, Kaufen, Sparen - und kommen trotzdem über die Runden.

Wie glücklich macht Geld? (Foto)
Wie glücklich macht Geld? Bild: dpa

Im November 2008 begann der Brite Mark Boyle mit seinem Experiment, ein Jahr nicht an der Konsumwelt teilzunehmen und ohne Geld zurecht zu kommen. Er lebte in einem geschenkten Wohnwagen. Statt WC gab's ein Plumpsklo, alte Zeitungen dienten als Toilettenpapier. Zahnpasta stellte Boyle aus wilden Fenchelsamen selbst her. Den Stellplatz auf dem Gelände eines Biobauernhofes «verdiente» er sich, indem er dreimal die Woche dort mit anpackte.

Sein Fazit: «In einer Welt ohne Geld braucht man vor allem Geduld. Man braucht Stunden, um seine Wäsche zu waschen, in eiskaltem Wasser mit flüssigem Waschmittel, das man zuvor selbst hergestellt hat, indem man Seifennüsse auskocht. Mit dem Fahrrad 40 Kilometer in die Stadt zu fahren dauert eben länger als mit dem Bus oder mit dem Auto. Aber man gewöhnt sich an alles. Das finde ich sehr beruhigend.»

Janson, Reim & Co.: Berühmt aber pleite

Für den Briten bedeutete Leben ohne Geld gleichsam ein Leben in Armut, ein Auskommen mit den einfachsten Mitteln. Doch Boyles Experiment zeigt nur eine Seite des Lebens ohne Finanzen. Andere beweisen: Der Mensch muss ohne Geld nicht zwangsläufig auf einen kargen Lebensstandard zurückfallen.

Geld lässt sich ableiten vom indogermanischen ghel «gold» und dem althochdeutschen gelt «Vergeltung», «Vergütung». Geld ist dazu da, den Wert von Dingen zu bemessen und das, was man zum Leben braucht, dafür einzutauschen.

Doch ist es möglich, ohne Finanzen auf hohem Niveau zu leben? Und inwieweit sind wir bequem geworden und haben uns an unsere Tauschware gewöhnt? Inwieweit lassen wir uns von ihr unser Leben und unsere Befindlichkeiten diktieren?

Schnorren Deluxe

Der Aktionskünstler Peter Kees ist einer, der diese Fragezeichen gezielt in den Raum setzte. Vor einigen Jahren gründete er das Projekt Unternehmen Zukunft - Leben ohne Geld. «Wir sind in einer Situation, wo selbst Leute, die Arbeit haben, Schwierigkeiten haben, zu überleben», erklärt Kees auf YouTube.

Für zehn Euro Bearbeitungsgebühr nimmt er sich der Wünsche von Menschen an, die diese ohne Geld erfüllt haben wollen. Dann setzt er auf Schnorren Deluxe. «Wenn Sie sagen, wir wollen ein paar Schuhe haben, dann gehen wir gut gekleidet in einen Schuhladen, und involvieren die Leute, versuchen denen also zu sagen, wir leben ohne Geld, wollen ein Paar Schuhe, wie geht das jetzt?» Kees geht es darum, Fragen zu stellen, die Moral der Bevölkerung unter die Lupe zu nehmen.

Auch Aktivisten wie die Dumpster Diver, die Container-Taucher, kritisieren mit ihren Aktionen den Umgang mit Geld und das damit verbundene Konsumverhalten. Das nächtliche Tauchen in Supermarktcontainern schien für einige Zeit gar zum Trend zu werden. Die Diver fischen sich gute und frische Waren aus dem Müll, die die Märkte aus verschiedenen Gründen nicht mehr verkaufen können.

Indes: Aktivisten wie Künstler brauchen für ihren Protest die Geldverdiener. Schnorren Deluxe funktioniert nur, wenn es Menschen gibt, bei denen sich etwas erschnorren lässt. Supermärkte mitsamt Containern existieren nur, weil andere konsumieren.

Geld bedeutet oft auch Macht. Mehr noch: Geld übt Macht aus. Wer einmal Geld hat, will immer mehr. Der Mensch fühlt sich besser, je mehr er besitzt. Und andersherum: Wer viel besitzt, kann viel verlieren. Mit dem Besitz von Geld gehen auch oft Verlust- und Existenzängste einher.

Vom Tauschen zum Teilen

Die Psychologin Heidemarie Schwermer ist eine, die über den bloßen Protest hinausgeht. Sie lebt seit 15 Jahren ohne Geld. Sie gab die Wohnung auf, verschenkte alles was sie hatte und kündigte die Krankenversicherung. «Ich habe mir immer Gedanken gemacht, was könnte man mit dieser Welt machen. Ich grübel immer, wie kann man etwas Neues in die Welt bringen und es geht nicht, dass Millionen hinten runter fallen und nichts mehr wert sind, weil sie nichts leisten können», sagte sie in Menschen bei Maischberger.

Schwermer ist die Mutter der Tauschringe, in denen eine Leistung gegen eine andere angeboten wird. Psychotherapie gegen Haarschnitt, Gartenarbeit gegen Kost und Logis. Doch dieser Ansatz geht ihr nicht weit genug. «Ich möchte das Tauschen überwinden und etwas Neues entwickeln, das Teilen», bekennt Schwermer.

Damit knüpft sie an den Ansatz der Peer Economy oder Peer Production an, eine Produktionsweise, die in den vergangenen Jahrzehnten entstanden ist und die auf Kooperation und Teilen beruht. Momentan ist Peer Production allerdings auf Informationsgüter beschränkt. Softwaresysteme wie GNU/Linux, die Blogosphäre oder Wissenssysteme wie Wikipedia sind daraus hervorgegangen.

Indes: Geld ist kein reines Teufelswerk. Shoppen bringt Lebenslust. Geldausgeben macht glücklich. Und so bemerkt ein User in seinem Kommentar zu den Experimenten von Heidemarie Schwermer und Aktionskünstler Peter Kees zurecht: «Nicht das Geld an sich müssen wir abschaffen. Wir müssen vielmehr unsere Einstellung dazu ändern. Erst wenn es wieder das Instrument wird, das wir als soziale Wesen zum Tausch, Austausch, Geben-und-Nehmen nutzen, wird es uns wieder zufriedenstellend dienen.»

kra/news.de

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (21) Jetzt Artikel kommentieren
  • Mara
  • Kommentar 21
  • 22.05.2012 16:49

Die Abschaffung der Zinsen wäre der erste Schritt- die Abschaffung des Geldes möglicherweise der nächste. Aber Vorsicht- Die Regulierung des Lebens über persönliche Wertkarten und die Überwachung des Einzelnen ist dann auch nicht mehr weit. Daraus ergeben sich neue Machtstrukturen-die noch schlimmer sein können als die Menschheit bisher erlebt hat.,Wenn schon ein Umdenken, dann aber nicht zu Lasten der persönlichen Freiheit !Außerdem muß Kreativität und Leistung auch in Zukunft eine besondere Anerkennung finden. Unsere Kinder brauchen positive Vorbilder, keine irrealen Computerspiele

Kommentar melden
  • Sabine
  • Kommentar 20
  • 25.08.2011 01:25

Ohne Geld! Geht auf jeden Fall und in der Zukunft wird es auch so sein! Es bedarf jedoch des Umdenkens unserer Gesellschaft und der Machtentthronung derer, die daran kein Interesse haben. Zum Glück gibt es Energien, die zu diesem Ablauf ihren Beitrag leisten. Wenn der Mensch verstanden hat, seine Erfüllung im innen zu finden (in sich selbst) anstatt im außen zu suchen (Konsum, Geld, ICH, Ego). Dann ist Geld kein Thema mehr. Es ist viel in Bewegung. Bewege auch DU dich. Beginne mit dem Umdenken bei Dir selbst und investiere dieses in unsere Zukunft, die KINDER.

Kommentar melden
  • woodlander
  • Kommentar 19
  • 17.08.2011 14:33
Antwort auf Kommentar 11

genau so ist es . Das bestereben aus Geld ohne Wertschöpfung mehr Geld zu machen ist die Saat des Bösen . Wo soll es den herkommen ? Von wem soll es kommen? Es wird doch nur denen abgenommen die denken, sie könnten Ihr Kapital nur dadurch mehren in dem sie hoffen das es noch andere Verrückte gibt die genauso denken und deshalb noch mehr für etwas ausgeben was es letztendlich nicht Wert ist. Sprüche wie lass dein geld doch im Schlaf vermehren usä. sind Bullshit . Demnach sind Aktien und Börsen unötig und gehören abgeschafft.

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig