Die Codes der Chefs: Was in Arbeitszeugnissen wirklich steht

Wer den Job wechselt, kommt nicht umhin, seiner Bewerbung ein Arbeitszeugnis beizulegen. Doch oft klingen die Bescheinigungen besser, als sie es tatsächlich sind. News.de zeigt, was hinter den Formulierungen steckt und erklärt die Rechtslage.

Das Arbeitszeugnis - für viele ein Buch mit sieben Siegeln. Bild: dpa

Zwischen den Zeilen lesen ist gefragt, wenn es darum geht, was in Arbeitszeugnissen steht. Hinter rosiger Sprache verbirgt sich häufig leise Kritik. Das trifft insbesondere auf qualifizierte Arbeitszeugnisse zu. Im Unterschied zu einfachen, die lediglich Dauer und Art der Beschäftigung nachweisen, bewerten sie die Leistungen des ehemaligen Mitarbeiters sowie sein Auftreten im Betrieb.

Einer Studie der Personalmanagement Service GmbH aus dem Jahr 2010 zufolge bescheinigen 35 Prozent von insgesamt 1000 analysierten Arbeitszeugnissen ihren Adressaten gute, 33 Prozent sogar sehr gute Leistungen. Zugleich wurde jedoch festgestellt, dass die Qualität vieler Zeugnisse zu wünschen übrig lässt, weshalb sie nach Ansicht von Experten an Aussagekraft einbüßen.

Die Formalia: Das Arbeitszeugnis verlangt eine gedruckte, nicht handschriftliche Form auf einer bis zwei Seiten. Es wird in der Regel vom Vorgesetzten oder Personalchef unterschrieben und auf einen Firmenbogen gedruckt. Letzteres ist kein Zwang, wirkt aber offizieller. Personenangaben wie Vor- und Zuname, Geburtsdatum und Adresse müssen korrekt sein, Dauer der Tätigkeit und Position genau bezeichnet werden.

Stichwort Individualität: Wird das Zeugnis abgeschrieben, kann der Arbeitnehmer ein neues verlangen. Gleiches gilt für Schreiben, die nach einer Werbeveranstaltung für das Unternehmen klingen. Es sollte stattdessen detailliert darlegen, welche Aufgaben der Mitarbeiter im Betrieb übernommen und wie er diese erledigt hat. Hier spielen unter anderem Motivation, Fachwissen, Arbeitsweise und -erfolg eine Rolle. Auch das Sozialverhalten des Arbeitsnehmers gegenüber Kollegen und Vorgesetzten wird bewertet.

Am Ende des Arbeitszeugnisses folgt in der Regel der Kündigungsgrund. Sein Bedauern über den Weggang des Mitarbeiters auszudrücken, ihm für die Zusammenarbeit zu danken und alle Gute für die Zukunft zu wünschen, ist gesetzlich kein Muss, gehört aber mittlerweile zum guten Ton.

Die Codes: Oft sind kleine Füllwörter das Zünglein an der Waage. Ein fehlendes «stets» oder eine Steigerung zu wenig können die Bedeutung eines ganzen Satzes verändern. Die gängigsten Formulierungscodes, mit denen die Leistungsbewertung des Mitarbeiters in der Regel zusammengefasst wird, lassen sich laut arbeitszeugnis.de in folgender Notenskala abbilden.

Note 1 «stets zu unserer vollsten/größten/äußersten Zufriedenheit»
Note 1-2 «zu unserer vollsten Zufriedenheit»
Note 3 «stets zu unserer vollen Zufriedenheit»
Note 4 «zu unserer vollen Zufriedenheit/stets zu unserer Zufriedenheit»
Note 5 «zu unserer Zufriedenheit»
Note 6 «insgesamt/im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit»

 

 

 

 

 

 

 


Wohlklingende Wendungen wie «ein gesundes Selbstvertrauen» verheißen nichts Gutes, derjenige hatte schlichtweg eine große Klappe. Werden deutsche Tugenden wie Pünktlichkeit ausdrücklich erwähnt, ist das nicht etwa ein Lob, sondern impliziert, dass der Arbeitnehmer sonst nicht viel geleistet hat. Gleiches gilt für Sätze wie: «Frau Meier war immer mit Begeisterung bei der Arbeit.» Begeisterung schön und gut, doch das Ergebnis ließ meist zu wünschen übrig.

Auch Schlussformeln, die darauf verweisen, man habe sich in gegenseitigem Einvernehmen getrennt, lassen den Mitarbeiter in einem schlechten Licht erscheinen. Dahinter steckt, dass ihm angeraten wurde, den Betrieb zu verlassen. Unproblematisch: «Herr Müller hat das Unternehmen auf eigenen Wunsch verlassen.» Hieraus geht eindeutig hervor, dass der Arbeitnehmer gekündigt hat. Wird viel Glück oder Gesundheit gewünscht, heißt das, derjenige ist kein Erfolgsmensch, muss auf Glück hoffen und war zudem oft krank. Erfolg für die Zukunft bedeutet, dass dieser in der früheren Position ausblieb. «Weiterhin viel Erfolg» ist die günstigere Formulierung.

Wer ganz genau wissen will, was in seinem Arbeitszeugnis steht, kann es hier für 19,90 Euro professionell testen lassen. Oder er hilft sich per iPhone-App. Mit einem Dienst des Haufe Verlags lässt sich der Text nach häufigen Codes abscannen. Einzelne Formulierungen können manuell eingegeben werden. Dank eines findigen Übersetzungssystems ist es außerdem möglich, ein ausformuliertes Zeugnis allein auf der Basis von Noten zu erstellen. Wie aussagekräftig dieses ausfällt, bleibt dem Urteil des Nutzers überlassen.

Die Rechtslage: In Deutschland hat grundsätzlich jeder Arbeitnehmer, dessen Arbeitsvertrag aus welchen Gründen auch immer endet, gesetzlichen Anspruch auf ein einfaches Arbeitszeugnis. Der Anspruch endet drei Jahre nach der Trennung vom Unternehmen.

Laut Gewerbeordnung (§ 109) kann ein scheidender Mitarbeiter auch ein qualifiziertes Arbeitszeugnis anfordern. Dieses unterliegt vier allgemeinen Grundsätzen: Vollständigkeit, Klarheit, Wahrheit und Wohlwollen. Das heißt, die Angaben müssen lückenlos, eindeutig und nachprüfbar sein. Sie dürfen die berufliche Zukunft des Adressaten nicht erschweren, offene Kritik verbietet sich. Vor allem zwischen Wahrheit und Wohlwollen herrscht häufig ein Konflikt, der sich in den genannten Codes niederschlägt.

Wer die Codes seines Arbeitszeugnises als negativ idenfiziert, kann rechtlich dagegen vorgehen. Bei Zeugnisprozessen ist die Beweislast jedoch unterschiedlich verteilt: Werden Leistungen unterdurchschnittlich bewertet, steht der Arbeitgeber in der Pflicht, diese zu belegen. Sind sie lediglich durchschnittlich, liegt es am Arbeitnehmer zu beweisen, dass er besser gearbeitet hat. Vorher gilt, mit dem ehemaligen Vorgesetzten zu reden - vielleicht steckt hinter den Formulierungen gar keine böse Absicht. Aber Vorsicht: Eine zu lobende Beurteilung ist in etwa genauso gefährlich wie ein schlechtes Arbeitszeugnis.

Bewerbungstipp: Wer sich den Gang zum Gericht spart und auf einem schlechten Zeugnis sitzen bleibt, sollte dieses einem potenziellen neuen Arbeitgeber keinesfalls vorenthalten - das macht ihn nur unnötig skeptisch. Außerdem kann jede Personalabteilung fehlende Unterlagen nachträglich anfordern oder das Ex-Unternehmen unter Umständen direkt kontaktieren. Das kann schlimmer enden, als es sein muss. Besser ist es, sich im Bewerbungsgespräch zu erklären und auf Verständnis zu hoffen.

Um Zeugnisproblemen einen Riegel vorzuschieben, gehen immer mehr Arbeitnehmer dazu über, die Bescheinigungen selbst zu schreiben und sie vom Ex-Chef nur noch unterschreiben zu lassen. Das muss mit der Personalabteilung abgesprochen werden. Jene, die ihr Arbeitszeugnis in Eigenregie verfassen, sollten sich der Stolperfallen bewusst sein. Positivformulierungen sind willkommen - allerdings nur solange sie die Grenze zur Glaubwürdigkeit nicht sprengen. Versteckte Kritik am Unternehmen verbietet sich. Der Arbeitgeber behält immer das Änderungsrecht.

som/ham/news.de

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