Analphabetismus Versteckspiel mit dem Buchstabenproblem

Es könnte der Nachbar sein, die Frau an der Kasse, der Arbeiter am Fließband: Rund 7,5 Millionen Deutsche sind Analphabeten. Doch was heißt das eigentlich - und wo gibt es Hilfe für Betroffene und Angehörige? News.de klärt auf.

Problem Analphabetismus (Foto)
Buchstaben können Analphabeten lesen. Doch Sinn in Wörter und Sätze zu bringen, fällt 7,5 Millionen Deutschen schwer. Bild: dpa

Trotz langjährigem Schulbesuch: Viele Deutsche haben bis ins Erwachsenenalter nie richtig Lesen und Schreiben gelernt. Dennoch gilt Analphabetismus als gesellschaftliches Tabuthema, was auch daran zu erkennen ist, dass es bis März 2011 nur Schätzungen zu den Betroffenenzahlen gab. Diese gingen von vier Millionen Menschen aus.

Wie viele Betroffene gibt es in Deutschland?

Rund 7,5 Millionen Menschen (14 Prozent) in Deutschland gelten laut der aktuellen Leo-Studie der Universität Hamburg, die mehr als 8000 Menschen befragt hat, als funktionale Analphabeten. Das heißt, sie können rudimentärverkümmert, schlecht ausgebildet lesen und schreiben - also einzelne Sätze, aber keine zusammenhängenden Texte. Rund 40 Prozent davon sind Frauen. Unter den funktionalen Analphabeten haben 4,4 Millionen laut der Uni Hamburg Deutsch als Erstsprache gelernt.

Als Analphabeten im engeren Sinn gelten laut Leo-Studie knapp vier Prozent der Deutschen. Diese Betroffenen können einzelne Wörter lesen und verstehen, aber keine ganzen Sätze. Oft müssten die Wörter zudem Buchstabe für Buchstabe zusammengesetzt werden.

Ein Prozent aller Erwachsenen erreichen beim Lesen und Schreiben nicht die Wortebene.

Wie ist die Lage in anderen Ländern?

Die Hamburger Studie verweist darauf, dass in Frankreich etwa drei Millionen Menschen als funktionale Analphabeten gelten. In Großbritannien seien es 5,2 Millionen Menschen.

Europaweit beträgt die Quote der Analphabeten laut statista.de 2,5 Prozent. Zum Vergleich: In Afrika sind es 37,6 Prozent. Weltweit gelten rund 900 Millionen Menschen als Analphabeten.

Welchen Bildungsstand haben die funktionalen Analphabeten?

Keinen Schulabschluss haben laut der Leo-Studie 19,3 Prozent. 49,8 Prozent haben ein unteres Bildungsniveau erreicht, 12,3 verfügen über eine höhere Bildung. In der Gruppe der Schüler sind es 0,6 Prozent. Rund 57 Prozent der Betroffenen sind berufstätig, 6,5 Prozent durchlaufen eine Ausbildung.

Was ist die Ursache von Analphabetismus?

Die eine Ursache gibt es nicht. Wissenschaftler gehen davon aus, dass soziale Bedingungen eine Rolle spielen. Das kann bedeuten, dass Eltern sich nicht genügend um die Bildung ihrer Kinder kümmern, dass Lesen stigmatisiert wird. Es kann aber auch auf lange Krankheiten in der Schulzeit zurückgehen, durch die Kinder nicht beim Lernstoff mithalten können.

In Familien, in denen viel gelesen wird, Bücher und Zeitungen zum alltäglichen Umgang gehören, ist funktionaler Analphabetismus kaum zu finden.

Analphabetismus ist nicht mit LegasthenieLeseschwäche zu verwechseln. Laut Bundesverband Legasthenie und DyskalkulieIst eine Störung beim Erlernen des Rechnens. leiden etwa fünf Prozent aller Menschen an der Lese-Rechtschreibschwäche. Auffällig: Betroffene haben in der Regel Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben, sind in der Schule sonst aber recht gut.

Wohin können sich Analphabeten wenden?

Bundesweit bieten Volkshochschulen Alphabetisierungskurse an. Anonyme Hilfe ermöglicht das Alfa-Telefon des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung, das auf Lese- und Schreibkurse in der Nähe der Betroffenen verweist. Zudem gibt es eine interaktive Karte, auf der Kursangebote in den einzelnen Bundesländern vermerkt sind. Als mobile Anlaufstelle dient das Alfa-Mobil des Bundesverbands.

Für alle, die selbst lernen wollen, stehen das Lernportal ich-will-lernen.de und das Lerncomputerspiel Winterfest zur Verfügung.

Finanzielle Unterstützung für Erwachsene, die die Kosten für Lese- und Schreibkurse nicht selbst aufbringen können, bietet die Alfa-Stiftung.

Wo finden Freunde und Angehörige Informationen?

Die Aktivitäten der bundesweiten Volkshochschulen im Schwerpunkt «Alphabetisierung und Grundbildung» sind auf der Internetseite grundbildung.de verfügbar. Lehr- und Lernmaterial gibt es beim Alphabund.

Aktuelle Informationen im Bereich der Alphabetisierung gibt es im Rahmen der Leo-Studie der Universität Hamburg.

sca/rzf/news.de

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