Überarbeitung Treten Sie auf die Jobbremse

Höher, schneller, weiter. Viele Menschen fühlen sich in ihrem Beruf wie in einem Laufrad und sind unzufrieden. Da hilft nur eines: kürzer treten. Der Weg vom Workaholic zum sogenannten Downshifter kann sich auszahlen.

Downshifting (Foto)
Wenn alles zu viel wird, sollte man einen Gang zurückschalten. Bild: dpa

Jüngst haben Forscher der australischen Nationaluniversität in Canberra herausgefunden: Ein schlechter Job belastet die Psyche mehr als gar kein Job. Schlechte Arbeitsbedingungen - miese Bezahlung, Jobangst, Stress - ersticken jede Motivation und machen krank. Bevor ein Burnout droht, der die Betroffenen meist für mehrere Monate arbeitsunfähig macht, gilt es, Warnzeichen rechtzeitig zu erkennen und «downzushiften».

In den USA ist das Runterschalten bereits Trend: Dort befreien sich zahlreiche gestresste Amerikaner von unnötigem Ballast im Job, indem sie sich eine Auszeit nehmen, nur noch halbtags arbeiten oder sich einen Beruf mit weniger Verantwortung suchen. Um mehr Zeit für sich und die Familie zu haben, nehmen sie auch ein geringeres Gehalt in Kauf.

Downshifting: Die Auszeiten der Promis

Ganz so etabliert ist die Bewegung in Deutschland noch nicht. «Das wird mehr werden», ist sich Dr. Wiebke Sponagel sicher. Seit zehn Jahren beschäftigt sich die Karriereberaterin mit dem Phänomen Downshifting und berät Berufstätige, die Unterstützung dabei brauchen. Aus ihren Erfahrungen ist ein Buch entstanden: Runterschalten. Selbstbestimmt arbeiten - gelassener leben.

Quer durch alle Gehalts- und Altersklassen

Genau darum geht es: den eigenen Weg zu finden, runterzuschalten von allgemeinen auf eigene Ziele, Stress abzubauen. Viele Menschen hätten verlernt, wie das geht. «Der Trend geht dahin, dass Arbeitsplätze verringert werden und auf wenigen Schultern immer mehr Arbeit landet», sagt Sponagel. WorkaholismusArbeitssucht werde von der Gesellschaft und den Betrieben forciert und unterstützt.

Gerade begabte, kluge Menschen gerieten in eine Tretmühle, in der sie vergessen, auf sich selbst zu achten. Viele planten selbst ihre Freizeit durch, überfrachteten sie mit Terminen und wüssten nicht, wie sie die Zeit einfach mal vergehen lassen können. Das treffe nicht nur auf Führungskräfte zu, weiß die Beraterin: «Das geht querbeet.» Nur 10 bis 20 Prozent derer, die zur ihr kommen, stammten aus der Chefetage. Die meisten Kunden kommen aus dem mittleren Management.

Als tragisch schätzt Sponagel die Tatsache ein, dass Kunden mit dieser Anfrage immer jünger werden. Als sie anfing, seien sie um die 40 Jahre und älter gewesen. Heute, zehn Jahre später, seien sie im Schnitt um die 30. Der Druck von außen wachse vielen immer früher über den Kopf. Das bestätigen auch jüngste Studien, die psychische Erkrankungen, ausgelöst durch Stress im Job, auf einem neuen Rekordhoch sehen und entsprechende Symptome bei jedem Zehnten zwischen 15 und 29 Jahren verorten.

Burnout: Ausgebrannte Promis

Wenn der Körper die Grenzen aufzeigt

Hauptgründe für ein Downshiften seien folglich Belastung, aber auch Sinnentleerung. «Wenn jemand keine selbstgestaltete Zeit mehr hat, die Kontrolle darüber verliert oder sich fragt, warum und wofür er den ganzen Tag im Büro sitzt, sind das deutliche Anzeichen dafür, dass sich etwas ändern muss», so die Expertin. Gewinnmaximierung, Markenwert, Erfolgsquote - damit könnten viele irgendwann nichts mehr anfangen.

Der Punkt, ab dem die Notbremse gezogen werden müsste, sei schwer zu erkennen. «Wenn Sie erst mal im Hamsterrad stecken, gibt es kaum einen Weg zurück», weiß Sponagel. Workaholics hätten meist eine Art Tunnelblick und die Fähigkeit verloren, über ihr eigenes Leben zu bestimmen und Abstand zur Arbeit zu gewinnen, die sie vereinnahmt. Zurufe von außen würden oft nicht mehr wahrgenommen.

Fehlt die eigene Einsicht, werde sie spätestens durch einen Burnout erzwungen, weiß die Beraterin: «Irgendwann streikt der Körper. Da wird das Sprichwort ‹Arbeiten bis zum Umfallen› traurige Realität.» Bei ihr durchläuft jeder potenzielle Kunde zunächst einen Burnout-Test. «Leuchtet da die rote Lampe, rate ich den Leuten erst mal zu einer Therapie.» Für ein Coaching seien solche Menschen nicht belastbar genug.

Von Auszeit bis Teilzeit ist alles möglich

Wer bereits ausgebrannt ist, könne erst nach entsprechender Behandlung mit der Beratung beginnen. Sie soll helfen, den Alltag neu zu sortieren, Zeit besser einzuteilen, die eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten zu hinterfragen. «Wodurch entsteht mein Stress? Was kann ich, was will ich, was brauche ich? Das sind Fragen, die man sich um seiner selbst willen beantworten sollte», sagt Sponagel. Nur so ließe sich feststellen, wohin der Weg gehen soll und welche Form des Downshiftings die meiste Entlastung bietet.

Oft helfe ein Urlaub, Abstand zu gewinnen und Wünsche und Ziele klar werden zu lassen. Downshifting kann unterschiedlich aussehen. Eine seltene Variante sind Sabbaticals. Bei diesem Arbeitszeitmodell wird der Arbeitnehmer von seiner Firma auf eigenen Wunsch für maximal ein Jahr beurlaubt. «Das betrifft etwa drei Prozent der Berufstätigen, meistens Führungskräfte», so Sponagel.

Gelegentlich werde für eine begrenzte Zeit auch auf Teilzeitarbeit umgestellt. Aber zu selten, meint die Beraterin: «Dieses Angebot wird vor allem Frauen gemacht. Oft aber nicht, um sie zu entlasten.» Dem Drang folgend, sich zu beweisen, leisteten sie meist fast so viel wie bei einer Vollzeitstelle. Deshalb sei Teilzeit keine Patentlösung. «Es müsste mehr nachgefragt werden, auch von Männern», so die Beraterin, die Handlungsbedarf bei Arbeitgebern sieht.

Offen damit umzugehen, kann helfen

Wer sich weder mit einer Auszeit noch mit Teilzeitarbeit anfreunden kann, für den bleibt nur der Schritt in eine andere Abteilung oder einen anderen Beruf. «Zweitkarrieren sind in anderen Ländern gang und gäbe. Geradlinige Lebensläufe werden seltener», weiß Sponagel. Doch in Deutschland seien viele Arbeitnehmer so sicherheits- und verantwortungsbewusst, dass sie lange zögern oder sich nicht trauen, runterzuschalten.

Berufstätige sollten sich immer vor Augen halten, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind. «Auch Chefs kennen diese Gedanken und gestehen sie sich unter Umständen nicht ein.» Außerdem sei Downshifting nicht zwangsweise ein Karriereknick. Alle Arbeitnehmer, die Sponagel beraten hat, arbeiteten nach wie vor: «Nur eben selbstbestimmter und zufriedener als vorher.» Das Klischee vom Manager, der jetzt Schäfer ist, könne sie nicht bedienen.

Um für die Kursänderung Rückenwind zu bekommen, sollten Downshifter ihr Umfeld bewusst ins Boot holen. Familie und Freunde erwiesen sich häufig als Stütze. Was potenzielle neue Arbeitgeber angeht, sei die Lage schwieriger. «Entweder rennen Sie offene Türen ein oder genau das Gegenteil passiert und Personaler denken, man sei auf ewig demotiviert», erklärt Sponagel. Das sei aber ein Trugschluss. Wer innerlich schon gekündigt habe und nur noch Dienst nach Vorschrift leiste, arbeite unproduktiver als jemand, der sich bewusst für einen Job entscheidet, auch wenn er nicht mit einem Karriereschritt verbunden ist.

Lernen Sie in unserer Bilderstrecke prominente Downshifter kennen.

sis/ham/reu/news.de

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Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Franz Peter
  • Kommentar 2
  • 24.03.2011 15:36

ABER - wir haben keine echten Führungskräfte mit Fach-Sachwissen und sozialer Kompetenz mehr ! wir arbeiten nur mehr Alle gegen Alle, statt Jeder für Jeden ! wir haben nur mehr Tagesumsätze, statt steigende Jahres-Umsätze mit Kunden-und-Gewinnorientierung ! wir haben nach Dienstschluss nur mehr Weg, statt gemeinsam in den Feierabend ! Niemand kann seinem Nächsten mehr Vertrauen, weil er sonst angeschwärzt wird um des Vorteils willen ! es gibt noch sehr viele solcher Ansätze, aber um auf den Punkt zu kommen-alle diese Ansätze sind ohne langfristigen Erfolg und machen jeden Betrieb KO !

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  • oliver
  • Kommentar 1
  • 24.03.2011 12:56

Wunderschöner Artikel, doch unsere Chefs hier im Land sind alle Sesselfurzer! Erstmal müssen sie einen Job überhaupt bekommen. Wenn es nicht gerade Bediener bei Bürger King sein soll hat man in eingen Berufsgruppen totale Schwierigkeiten. Also bei mir nix Downshifting, so einen Job habe ich noch nie in einem Jobportal gesehen. In meiner Berufsgruppe gilt:"Einmal draussen, ganz draussen." Selbst Job switching ist beinahe unmöglich bei diesen Chefs hier, obwohl ich etwas Studiert habe was angeblich händeringend gesucht wird. Ich suche derzeit etwas zum Upshifting.

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