Bildungsdebatte Was kann Schule für Migranten tun?

Juliane ZiegengeistVon news.de-Mitarbeiterin
Jeder fünfte Schüler hat ausländische Wurzeln - eine Herausforderung für deutsche Schulen. Noch verhindern übervolle Klassen und straffe Lehrpläne eine individuelle Förderung von Einwandererkindern. Patentlösungen gibt es nicht.

«Niemand wird in der Lage sein, uns von unserer Kultur loszureißen. Unsere Kinder müssen Deutsch lernen, aber sie müssen erst Türkisch lernen.» Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat mit seinen Worten bei einer Rede am Sonntagabend in Düsseldorf für reichlich Zündstoff gesorgt. Auch was die Integrationsdebatte an deutschen Schulen angeht.

Gerade Sprachdefizite von Migrantenkindern gelten als Hauptverursacher dafür, dass diese schlechtere Lernerfolge erzielen und früher als deutsche Mitschüler aus dem Bildungssystem ausscheiden. Zwar haben Schüler mit Migrationshintergrund aufgeholt. Nach dem Pisaschock von 2001 hat die aktuelle Studie gezeigt, dass vor allem ihre Sprach- und Lesekompetenz besser geworden ist. Von Chancengleichheit kann dennoch keine Rede sein. Jedes zehnte Migrantenkind verlässt die Schule ohne Abschluss, fast 50 Prozent besuchen eine Hauptschule.

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Gründe dafür scheinen schnell gefunden: Das deutsche Bildungssystem benachteiligt Kinder aus Einwandererfamilien. Es gilt als wenig durchlässig, das heißt, die Wirkung von Status und Herkunft auf schulische Leistungen ist groß. Die Defizite, die in ausländischen Elternhäuser in Bezug auf die deutsche Sprache und Bildungsressourcen häufig bestehen, kann Schule nicht hinreichend kompensieren. Wie muss Schule aussehen, um das zu leisten? Ist es überhaupt ihre Aufgabe?

Bildungseinrichtungen können Erziehung allein nicht übernehmen

«Es ist eine Illusion, dass Schulen als Reperaturbetriebe der Gesellschaft funktionieren können», sagt Gertrud Junghans vom Verband Bildung und Erziehung im Gespräch mit news.de. Sie beschreibt den Alltag an deutschen Schulen als Spagat: «Wir haben bereits sehr heterogene Klassen. Das fängt schon in der Grundschule an.» Hier müssten Fünfjährige mit Siebenjährigen unterrichtet werden, die jeweils grundverschiedene Voraussetzungen mitbringen. Noch durchmischtere Klassen, in denen alle gemeinsam und länger lernen, seien kaum zu unterrichten.

Dem Lehrer dürfe als Vorbild, Elternersatz, Kompensator für allerlei Defizite nicht zu viel zugemutet werden. «Auch sein Tag hat nur 24 Stunden», sagt Junghans. Dass lernschwache und Migrantenkinder besonderer Aufmerksamkeit bedürfen, sei unbetreitbar. Nur sei das mit den vorhandenen Mitteln oft gar nicht zu bewerkstelligen. «Der Unterricht muss anders werden», sagt Stefan Padberg vom Zentrum für Lehrerfortbildung in Koblenz. Individuelle Förderung funktioniere bei 15 Schülern besser als bei 30. Letzteres sei an den meisten Schulen aber Realität, genauso wie strenge Lehrpläne.

Bisher gibt es kein Förderungssystem, das den Bedarf einer Schule an den Problemen der Kinder bemisst. In der Lehrerausbildung finden Themen wie Migration und Integration kaum statt. Und dennoch gilt: Wo Sozialpädagogen und zusätzliche Erzieher fehlen, weil die Ressourcen knapp sind, muss der Lehrer zum Alleskönner werden. Er muss Dinge in der Schule auszugleichen, die Eltern mit Migrationshintergrund oder aus bildungsfernen Schichten nicht leisten können.

Experten fordern frühkindliche Förderung und Ganztagsschulen

Um den Lehrer ein Stück weit zu entlasten, hält Sozialwissenschaftler Hartmut Esser eine Kindergartenpflicht ab einem Alter von zwei Jahren für sinnvoll. «Je früher Kinder zusammenkommen mit anderen Kindern aus anderen Kulturkreisen, umso nachhaltiger und effektiver sind alle Integrationsmaßnahmen», sagte er auf einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Bildungsmesse Didacta in Stuttgart. Sie in jungen Jahren aus dem häuslichen Umfeld herauszunehmen und «ins Sprachbad zu schmeißen», könne Defizite beseitigen, die später nur schwer zu korrigieren seien, so Esser.

Heinz-Wilhelm Brockmann (CDU), Staatssekretär am Hessischen Kultusministerium, reicht das nicht aus. «Viele Migrantenfamilien wollen die Erziehung ihrer Kinder selbst übernehmen und begreifen solche Bildungsangebote nicht als Hilfestellung», wendet er ein. Sinnvoller als eine Kindergartenpflicht sei eine stärkere Zusammenarbeit mit Grundschulen, etwa in Form von Vorlaufkursen, wie sie in Hessen bereits erfolgreich stattfinden.

Zudem müsse in der Schule etwas passieren, betont Grünen-Politiker Cem Özdemir. Kinder aus bildungsfernen Familien bräuchten Vorbilder, Pädagogen, die sie motivieren: «Ich hatte das Glück, solche zu treffen. Sie haben mich wachgeküsst.» Um die Defizite des Elternhauses aufzuarbeiten, bedürfe es Ganztagsschulen, die mehr Zeit dafür lassen, glaubt Özdemir. Hier könnten Kinder Strukturen und Regeln lernen, die sie von zu Hause nicht mitbekommen, und individuelle Förderung erhalten.

Gleichzeitig müsse daran gearbeitet werden, Eltern stärker einzubeziehen und sie besser zu informieren. Gari Pavkovic, Leiter der Abteilung Integration in Stuttgart, empfiehlt, Mentoren einzusetzen, die Schüler und deren Familien bis zur ersten Klasse unterstützen und beraten. Lehrkräfte, die selbst Migranten sind, bezeichnet er als Gewinn. Sie könnten oft eine sehr viel persönlichere Beziehungsarbeit leisten und, wie Studien belegen, auch von Eltern häufig mehr Vertrauen genießen.

iwi/sis/news.de

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