Bildung 2.0 Heute schon gebloggt, Herr Lehrer?

Lehrer als Blogger (Foto)
Unterrichtsvorbereitung am Computer gehört für viele Lehrer bereits zur Routine. Mit dem Bloggen tun sie sich oft noch schwer. Bild: ddp

Juliane ZiegengeistVon news.de-Mitarbeiterin , Stuttgart
Blogs, Chats, soziale Netzwerke: Nie waren die Möglichkeiten, im Internet selbst aktiv zu werden, so groß wie heute. Und nie war es so nötig, diese zu nutzen. Das gilt auch für Schüler und Lehrer. Doch die Bildung braucht ein Update in puncto Web 2.0.

Jede Minute werden mehr als 24 Stunden Videomaterial online hochgeladen. Der Suchindex von Google umfasst eine Billion Begriffe. Das Onlinelexikon Wikipedia verzeichnet 17,6 Millionen Artikel in 260 Sprachen. Und Facebook ist gemessen an 500 Millionen aktiven Nutzern der drittbevölkerungsreichste Staat der Welt.

Thomas Bernhardt von der Universität Bremen wirft mit beeindruckenden Zahlen um sich. Auf der Didacta 2011 hat der Diplom-Medienwissenschaftler Potenziale des Internets für den Bildungsbereich vorgestellt und erklärt, warum sich Schulen und Lehrer damit auseinandersetzen müssen.

«Schüler haben Lehrern, was das Internet angeht, oft einiges voraus», sagt Bernhardt im Gespräch mit news.de. Das ließe sich in erster Linie aus der Anzahl derer, die online sind, und an der Zeit, die sie online verbringen, ablesen. Laut ARD/ZDF-Onlinestudie 2010 nutzen unter den 14- bis 19-Jährigen im Schnitt hundert Prozent zumindest gelegentlich das Internet. In der Gesamtbevölkerung trifft das nur auf etwa 67 Prozent zu. «Das sollte gerade für Lehrkräfte interessant sein», so Bernhardt.

Lernen im Netz
Wenn Schüler und Lehrer zu Bloggern werden

Zudem sind die Jugendlichen im Durchschnitt 110 Minuten am Tag online. «Sie verbringen damit mehr Zeit mit dem Internet als mit jedem anderen Medium», sagt Bernhardt. Natürlich sei diese Nutzung nicht immer medienkompetent und habe in den wenigsten Fällen etwas mit Schule zu tun. Dennoch, so glaubt der Wissenschaftler, schlummern darin unentdeckte Chancen für den Unterricht.

Jugendliche nutzen das Netz, erstellen aber kaum selbst Inhalte

Dass diese bisher nur sehr vereinzelt genutzt werden, liege nicht daran, dass sich Lehrer generell verweigern. «Sie müssen sich nur trauen», so Bernhardt.  Dazu gehört, sich auch mal etwas von den Schülern beibringen zu lassen. «Der Lehrer muss aus seiner Rolle als Lehrender heraustreten», erklärt er.

Ihm komme im Umgang mit digitalen Medien ohnehin eine neue Aufgabe zu: Der Lehrer werde zum Lotsen, der Wegweiser aufstellt und Ressourcen aggregiert. Er könnte seinen Schülern zum Beispiel Internetseiten empfehlen oder Newsfeeds anlegen und sie damit ermuntern, selbst aktiv zu werden.

Das sei auch nötig, denn bei den Schülern selbst besteht hier Aufholbedarf, so Bernhardt. Die Idee, nicht nur Informationen abzurufen, sondern auch selbst zu produzieren, lebt den Zahlen zufolge noch auf sehr kleinem Fuße.

Bei Wikipedia etwa rufen 97 Prozent der Jugendlichen Inhalte zwar ab, doch kaum einer verfasst selbst Beiträge. Lediglich drei Prozent nutzen Wikipedia, um sich selbst zu informieren als auch ihr Wissen mit anderen zu teilen. Ähnlich verhält es sich mit Videoplattformen. Nur bei Fotocommunitys und Weblogs ist der Anteil der Aktiven mit 10 und 32 Prozent höher.

Als positiv bewertet Bernhardt die Tatsache, dass 13 Prozent der Internetnutzer ab 14 Jahren daran interessiert sind, selbst Inhalte zu erstellen. Vor dem Hintergrund, dass 59 Prozent gar nicht bereit sind, dies zu tun, wirkt der Anteil der potenziell Aktiven jedoch mager.

Schulblogging ist ein guter Anfang

Um so wichtiger sei es, als Lehrer die Initiative zu ergreifen und die Möglichkeiten des Web 2.0 auch im schulischen Bereich gezielt einzusetzen, sagt Bernhardt. Vor allem junge Lehrer zeigten sich hier als Pioniere - solche, die frisch aus dem Referendariat kommen und selbst sehr medienaffin sind.

«Natürlich hängt es immer von der Idee ab, die Methode allein bringt noch keinen Lernerfolg», weiß der Wissenschaftler. Er vergleicht das mit einem Polylux: Dieser mag technisch funktionieren, doch auch er müsse erst mit Leben gefüllt werden, um seinen Zweck als Lehrmittel zu erfüllen.

Wie es richtig geht, zeigt eine Reihe gut gemachter Schulblogs. Diese Form sei der beste Einstieg, um mit wenigen Vorkenntnissen und einem verhältnismäßig geringen Aufwand das Web 2.0 schulisch zu nutzen. «Das kann damit anfangen, dass der Lehrer Unterrichtsmaterialien online zur Verfügung stellt», sagt Bernhardt.

Im Unterschied zur üblichen Schulhomepage, die meist nur dem Abruf von Informationen dient, hat ein Blog den Vorteil, dass sich Schüler mit dem Lehrer und ihren Mitschülern darüber austauschen können, Beiträge kommentieren und selbst verfassen, eigene Daten hochladen, Links posten und die Seite so mitgestalten. «Das macht den Schüler nicht nur zum Teilhaber, sondern zum Beteiligten. Und darum geht es in der Schule», betont Bernhardt gegenüber news.de. Lernen werde von einem privaten zu einem öffentlichen Prozess und ein Stück weit vom Ort der Schule entkoppelt.

Erfahrungsgemäß seien Kinder und Jugendliche motivierter und könnten sich für Themen leichter begeistern, wenn Lehrer mit digitalen Medien arbeiten, sagt der Wissenschaftler. Oft entwickelten Projekte wie Blogs oder auch Podcasts mit der Zeit eine Eigendynamik, die vor allem durch die Schüler getragen werde. Dem Lehrer bleibe dann vor allem eines: sie zu lenken und zu überwachen. Wie ein Webmaster seine Homepage.

sis/sgo/reu/news.de

Leserkommentare (4) Jetzt Artikel kommentieren
  • Marilee
  • Kommentar 4
  • 16.06.2011 12:01

AFAICT you've covreed all the bases with this answer!

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  • Hanspeter Füllemann
  • Kommentar 3
  • 25.02.2011 09:04

Es geht da nicht nur darum, sich zu trauen. Sehr häufig passen Schulstrukturen mit starr vorgegebenen, engen Zeitgefässen in Form von Lektionen einfach nicht zur Art, wie mit Blogs und anderen Möglichkeiten des Web 2.0 umgegangen werden sollte. Die sture Aufteilung in einzelne Schulfächer erschwert die Umsetzung zusätzlich. Das Blog von Lisa Rosa ist übrigens sehr empfehlenswert :-)

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  • Helmut2008
  • Kommentar 2
  • 24.02.2011 15:10

Ich glaube, dass Lehrer (besonders Ältere) lernfähig sind und sich diese Chance, auf eine digitale Nähe zu ihren Schülern, nicht entgehen lassen.

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