Agrar Aigner warnt vor «Geiz-ist-geil-Mentalität»

Nach dem Dioxin-Skandal wollen Bauern, Industrie und Regierung auf der Grünen Woche verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) nahm auch Verbraucher in die Verantwortung und warnte vor einer «Geiz-ist-geil-Mentalität».

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Aigner warnt vor «Geiz-ist-geil-Mentalität» Bild: dpa

Berlin (dpa) - Nach dem Dioxin-Skandal wollen Bauern, Industrie und Regierung auf der Grünen Woche verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) nahm auch Verbraucher in die Verantwortung und warnte vor einer «Geiz-ist-geil-Mentalität».

«Ich weiß, dass sehr viele Menschen in Deutschland wirklich jeden Cent umdrehen müssen», sagte sie am Donnerstag vor Eröffnung der Agrarmesse in Berlin. Trotzdem sollten einige über ihre Schwerpunkte nachdenken. Sie wolle für Qualität werben. Lebensmittel müssten sicher und bezahlbar sein. Die Debatte über konventionelle und Öko-Landwirtschaft bekommt neuen Schwung.

Aigner geht wie Bauern und Ernährungswirtschaft davon aus, dass Lebensmittel weiter teurer werden. Die Nahrungsmittelpreise waren bereits im vergangenen Jahr kräftig gestiegen. «Das wird sich wohl auch fortsetzen», sagte sie. Bauernpräsident Gerd Sonnleitner erwartet eine Preissteigerung um zwei Prozent. «Unsere Kosten für Energie, für Düngemittel, für Betriebsmittel sind enorm gestiegen», sagte er in der ARD. Unabhängig vom Dioxin-Skandal seien die Zeiten billiger Lebensmittel vorbei.

Im Jahresdurchschnitt mussten Verbraucher 2010 nach Zahlen des Statistischen Bundesamts 1,6 Prozent mehr bezahlen als 2009. Butter wurde um fast ein Viertel teurer, spürbar mehr wurde auch für Obst (plus 5,2 Prozent) und Gemüse (plus 6,3 Prozent) fällig. Für Fisch mussten Verbraucher 3,6 Prozent mehr ausgeben.

Die Agrarministerin will sich dafür einsetzen, preistreibende Spekulationen mit Agrarrohstoffen einzudämmen und schlug eine Limitierung von Preis oder Menge vor. «Nahrungsmittelmärkte dürfen nicht zum Objekt von Zockern werden.» Die Preise würden in die Höhe getrieben ohne Rücksicht auf die ärmsten Regionen der Welt.

Die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung und das Katholische Hilfswerk Misereor verlangten sofortige Maßnahmen. Sonnleitner will das Wetten auf Preise verbieten lassen, lehnt aber Obergrenzen für Warenterminbörsen ab. Rund 50 Ländervertreter beraten an diesem Samstag beim Berliner Agrarministergipfel über Ernährungssicherung und Spekulationen.

Die genaue Ursache für die Dioxinbelastung von Tierfutter und Lebensmitteln ist immer noch offen. «Wir wissen noch nicht genau, wo es herkommt», sagte Aigner. Der Verdacht auf Pflanzenschutzmittel habe sich nicht bestätigt. Die Zahl der gesperrten Betriebe geht weiter zurück. In Niedersachsen waren es nach Angaben von Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) noch 584 Betriebe, bundesweit über 600 Höfe.

In Sachsen-Anhalt gab das Gesundheitsministerium nach der Feststellung von verbotenem Antibiotikum in Tierfutter endgültig Entwarnung. Milch und Fleisch von Rindern und Schweinen von Höfen, die das verunreinigte Futter bekommen hatten, dürften in den Handel gehen, teilte das Ministerium in Magdeburg mit.

Die betroffenen Landwirte sollen wegen der Millionenschäden durch gesperrte Höfe und Umsatzeinbrüche zinsgünstige Kredite der Landwirtschaftlichen Rentenbank bekommen. Bundeshilfen für die Entschädigung sind laut Aigner nicht geplant.

Ein Agrarbündnis von 24 Verbänden aus Landwirtschaft, Tierschutz, Umweltschutz und Entwicklungspolitik forderte die Abkehr von der industrialisierten Landwirtschaft. Der aktuelle Dioxin-Skandal könne nicht auf schwarze Schafe abgewälzt werden. «Hier liegt ein Systemfehler vor.» Massentierhaltung und intensive Landwirtschaft lassen nach dem «Kritischen Agrarbericht» immer mehr Tier- und Pflanzenarten verschwinden.

Aigner ging auf die Frage einer Agrarwende nicht direkt ein. «Es ist egal, wie und wo sie produziert werden - die Lebensmittel müssen sicher sein», sagte die CSU-Politikerin. Sonnleitner nahm die Bauern in Schutz. «Vorwürfe, unsere Landwirtschaft würde industrialisiert und wir hätten «Massentierhaltung», sind mit den Fakten nicht in Einklang zu bringen.»

Grüne Woche

news.de/dpa

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