Uni-Schützenhilfe Per Sollbruchstelle ins Ausland

Der Bachelor verhindert ein Auslandssemester? Das nehmen immer mehr Hochschulen nicht hin. Die ersten schaffen endlich Freiräume: mit Sollbruchstellen und Ehren-Bachelor.

Studieren im Ausland (Foto)
Mit neuen Studienmodellen sind Auslandssemester wieder ein Grund zur Freude. Bild: ddp

Wochenlang besetzte er den Tübinger Kupferbau, weil das Bachelorstudium ihn eingeengt hat: «In den drei Jahren ist es faktisch nicht möglich, ins Ausland zu gehen», sagt Daniel Kneip.  Zugeballert mit Lernstoff, andauernd Prüfung, Pflichtkurse am laufenden Band und ausländische Studienleistungen, die nicht anerkannt werden. «Wer geht denn schon ins Ausland, wenn einem die Kurse außer persönlicher Lebenserfahrung nichts für das Studium bringen?»

Ähnlich geht es dem Karlsruher Bachelorstudenten Noah Fleischner. Extrem spezialisierte Studiengänge hält der angehende Wirtschaftsingenieur für die größten Baustellen: «Da kann man nicht wechseln, geschweige denn ins Ausland gehen.»

«Ganz schwierig ist für viele, dass sie die Prüfungszeiten nicht einhalten können», sagt Sandra Hertlein vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Das Problem: In Karlsruhe liegen die Prüfungen meist in der vorlesungsfreien Zeit und damit in der Zeit, wo in anderen Ländern keine Semesterpause ist. Wer dadurch Prüfungen verpasst, muss oft ein ganze Jahr warten, um antreten zu können.

In vielen Hochschulleitungen wird das Problem inzwischen bewusst wahrgenommen, neue Studienmodelle werden gesucht. «Da ist sicherlich bei der Einführung des Bachelors etwas übersehen worden», räumt der Rektor der Stuttgarter Universität, Wolfram Ressel, ein. An seiner Hochschule waren zwischen 2007 und 2009 nur rund 6 Prozent der Bachelorstudenten im Ausland. Bei den Diplomstudenten waren es 36 Prozent, bei den Magisterstudenten 18.

Die Stuttgarter Uni hat deshalb eine «Sollbruchstelle» eingerichtet, wie es Ressel nennt. Bis zum vierten Semester sollen die Studenten bestimmte Module abgeschlossen haben, dann können sie das fünfte Semester als Pause für den Auslandsaufenthalt nutzen. Oder sie hängen zwei Auslandssemester an das eigentliche Bachelorstudium und machen in dieser Zeit den «Bachelor of honour», einen freiwilligen Abschluss «für die Ehre».

Mehr Zeit und neue Chancen

Tübingen hingegen hat in zwei Pilotstudiengängen das sogenannte «Mobilitätsfenster» eingeführt. In den Fächern Physik und Psychologie haben die Studenten acht Semester Zeit - ohne dass die Stofffülle zunimmt. «Das Modell haben wir entwickelt, weil den Studenten der Zeitplan zu eng war und sie nur noch den Prüfungen hinterhergehechelt sind», erklärt ein Uni-Sprecher.

In Heidelberg hat sich diese Idee schon bewährt. Im vierten und fünften Semester haben die Studenten viele Wahlmöglichkeiten. «Das erleichtert die Anerkennung von Studienleistungen, die im Ausland erbracht werden», sagt ein Mitarbeiter im Auslandsamt.

Die Mannheimer sind schon einen Schritt weiter: Die BWL-Studenten müssen ihr fünftes Semester im Ausland verbringen, so schreibt es die Studienordnung vor. Doch die Anerkennung ausländischer Leistungen ist einfacher als anderswo, denn die Studenten suchen sich mit Hilfe von Beratern passende Kurse aus und haben so die Garantie, dass die hineingesteckte Mühe in Deutschland nicht für die Katz' ist. «Der Studiengang hat Lokomotivwirkung», sagt ein Mitarbeiter des akademischen Auslandsamts. «Das hat einen Trend ausgelöst: In allen Studiengängen steigt die Zahl der Auslandsaufenthalte.» Seit 2004 habe sich diese mehr als verdoppelt.

An Universitäten, die solche Programme noch nicht bieten, sollten Studenten nicht den Kopf in den Sand stecken oder sich von Studienordnungen einschränken lassen, rät eine Mitarbeiterin des Auslandsamts in Ulm: «Wer wirklich ins Ausland will, geht auch als Bachelor.» Sandra Hertlein sieht das genauso: Unternehmen sei es viel wichtiger, dass ein Bewerber Auslandserfahrung habe, als dass er seinen Bachelor in sechs Semestern geschafft habe.

ham/kat/nbr/news.de/dpa

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig