Von news.de-Redakteur Sebastian Haak - 28.12.2009, 08.35 Uhr

Arbeiten in Israel: «Wie viele Überstunden wollen Sie leisten?»

Etwa 150.000 Deutsche verlassen jedes Jahr das Land, viele auf der Suche nach einem neuen Job. Dabei gibt es aber etliche Stolperfallen. So auch in Israel, weiß Michel Weinberg.

Bauarbeiten in Jerusalem: Deutsche habe auch in Israel gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Bild: ap

Welche Chancen haben deutsche Bewerber auf dem israelischen Arbeitsmarkt?

Weinberg: Eigentlich recht gute. Sie genießen einen «Ausländerbonus» und von ihnen wird eine wesentlich bessere Arbeitsmoral erwartet. Zusätzliche Fremdsprachen, Branchenkenntnisse und Arbeitserfahrung erhöhen die Chancen beträchtlich.

Und welche bürokratischen Hürden gilt es zu überwinden, um dort arbeiten zu dürfen?

Weinberg: Ausländische Bürger und Bürgerinnen müssen eine Arbeitsgenehmigung und eine Aufenthaltserlaubnis beantragen, die - ähnlich wie in vielen europäischen Ländern - nur unter ganz bestimmten gesetzlichen Voraussetzungen und für bestimmte Branchen erteilt werden.

Unterscheiden sich Bewerbungen in Israel vom Aufbau her von denen in Deutschland?

Weinberg: Ja, es genügt ein Motivationsschreiben und der Lebenslauf, jeweils in hebräischer oder englischer Sprache. Eine ausführliche Bewerbungsmappe mit Zeugnissen ist nicht erforderlich.

Wie sieht es hier mit dem Lebenslauf aus?

Weinberg: Der bisherige Beschäftigungsverlauf sollte im Lebenslauf in umgekehrter chronologischer Reihenfolge aufgeführt werden. Israelische Firmen legen großen Wert auf Referenzen und in welchen Aufgabenbereichen bereits Erfahrungen gemacht wurden.

Und inhaltlich?

Weinberg: Kurze und schlagkräftige Sätze sind empfehlenswert, ein guter tabellarischer Lebenslauf sogar vorteilhaft, wenn möglich auch nur auf einer Seite. Hobbys müssen nicht angegeben werden.

Initiativbewerbungen können in Deutschland ja durchaus erfolgreich sein. Wie sieht es damit in Israel aus?

Weinberg: Grundsätzlich sind die nicht so üblich, natürlich kann man dabei aber auch mit Glück genau ins Schwarze treffen!

Angenommen, ein Bewerber wird zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Wo stehen hier die Fettnäpfchen?

Weinberg: Zu Beginn sollten sich die Bewerber in englischer Sprache dafür entschuldigen, dass sie der hebräischen Sprache nicht mächtig sind. Firmen erwarten vor allem, dass man sich schon vorab über das Unternehmen informiert hat. Man muss auch nicht alles wissen oder auf alles eine perfekte Antwort haben, vieles sollte auf jeden Fall nachgefragt werden.

Unterscheidet sich der Dresscode von dem hierzulande?

Weinberg: Der Kleidungstil in Israel ist sehr viel legerer als in Deutschland, Männer tragen eher selten eine Krawatte. Auch für das Vorstellungsgespräch sollte man nicht zu formell auftreten.

Lesen Sie auf Seite 2, wie viel Geld in Israel zu verdienen ist

Was erwartet einen Bewerber sonst noch bei einem Vorstellungsgespräch? Welche Fragen kann er erwarten?

Weinberg: Die Unternehmen interessieren sich vor allem dafür, warum Deutsche gerade in Israel arbeiten möchten. Bewerber werden auf jeden Fall nach ihren Gehaltsvorstellungen und ihrer Bereitschaft, Überstunden zu leisten, gefragt. Gerne kontaktieren die Unternehmen den vorherigen Arbeitgeber, um Wissenwertes über den Bewerber zu erfahren.

Woher kann ein Bewerber erfahren, welche Gehälter in seiner Branche üblich sind?

Weinberg: Für Ausländer ist es äußerst schwierig, diesbezügliche Informationen zu erhalten, grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Bruttogehälter zirka 15 Prozent niedriger sind als in Deutschland. Man sollte mit möglichst vielen «Branchenkennern» sprechen oder sich einfach an die Außenhandelskammer wenden.

Und danach? Wie viel Zeit muss man bis zu einer Entscheidung einrechnen? Und sollte man zwischendurch nachfragen, was aus der Bewerbung geworden ist?

Weinberg: Entscheidungen werden relativ schnell getroffen. Sollte auch zehn Tage nach dem Bewerbungsgespräch kein Feedback kommen, kann der Gesprächspartner natürlich nochmals kontaktiert werden. Mehrfaches Nachhaken wird sehr negativ bewertet, keine Antwort ist auch eine Antwort...

Michel Weinberg ist stellvertretender Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Industrie- und Handelskammer in Tel Aviv.

ham/reu/news.de

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