Arbeiten in der Türkei «Im Zweifel overdressed»

Etwa 150.000 Deutsche verlassen jedes Jahr das Land, viele auf der Suche nach einem neuen Job. Bei der Arbeitssuche aber gibt es viele Stolperfallen. So auch in der Türkei, sagt Personalberaterin Sabine Caliskan.

Türkei (Foto)
Am Bosporus sind deutsche Fachkräfte willkommen. Bild: ap

Welche Chancen haben deutsche Bewerber auf dem türkischen Arbeitsmarkt?

Caliskan: Hier gilt es, zwischen deutsch-türkischen und deutschen Bewerbern zu differenzieren. Für die meisten Unternehmen, seien es lokale türkische Unternehmen oder Unternehmen, die in die Türkei expandieren, sind Marktkenntnisse eines der wichtigsten Erfolgskriterien. Demnach werden Bewerber, die bereits seit mehreren Jahren am türkischen Markt tätig sind, bevorzugt. Dazu kommt noch, dass sie dadurch über ein vorhandenes Netzwerk an Kontakten in der Branche verfügen, welches für erfolgreiche Geschäfte in der Türkei Grundvoraussetzung ist. Zurückkommend auf Ihre Frage, welche Chancen deutsche Bewerber auf dem türkischen Arbeitsmarkt haben, kann ich wie folgt antworten: Wenn es sich bei der Position um eine Tätigkeit handelt, die nichts mit dem Marktaufbau zu tun hat, wie etwa technische Fachkräfte ohne Führungsfunktion oder Know-How-Träger für bestimmte Verfahren, dann sind Bewerber jeden Landes am türkischen Arbeitsmarkt willkommen.

Und welche bürokratischen Hürden gilt es zu überwinden, um dort arbeiten zu dürfen?

Caliskan: Grundsätzlich sind eine Arbeits- sowie eine Aufenthaltsgenehmigung notwendig, die wegen der vielen Ausnahmen für unterschiedliche Tätigkeiten am besten fallbezogen mit einem Juristen im Vorfeld zu untersuchen sind.

Unterscheiden sich Bewerbungen in der Türkei vom Aufbau her von denen in Deutschland?

Caliskan: Bewerbungsschreiben sind in der Türkei sehr selten. Aufbau? Was ist das? Und falls doch eines geschickt wird, dann bitte kurz. Drei aussagekräftige Sätze, die sich auf jemanden beziehen, den der Leser kennt und die dadurch Interesse wecken weiterzulesen.

Wie sieht es hier mit dem Lebenslauf aus?

Caliskan: Zuerst wir immer die letzte Position aufgeführt und zuletzt die erste Position der Karriere. Manchmal sind konkrete Referenzen mit Telefonnummern dabei, manchmal nur der Hinweis, dass Referenzen jederzeit nachgereicht werden können.

Und inhaltlich?

Caliskan: Hier genügt eine Kurzbeschreibung der Position, des Unternehmens und der Tätigkeit mit Betonung der erzielten Ergebnisse. Zum Beispiel: 45 Prozent Umsatzzuwachs, zehn Prozent weniger Produktionsausfälle und so weiter.

Initiativbewerbungen können in Deutschland ja durchaus erfolgreich sein. Wie sieht es damit in der Türkei aus?

Caliskan: Wenn Sie auf eine gut strukturierte Personalabteilung stoßen, die viel Zeit übrig hat, kann eine Initiativbewerbung womöglich Punkte machen. Erwarten Sie allerdings keine Reaktion darauf.

Angenommen ein Bewerber wird zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Wo stehen hier die Fettnäpfchen?

Caliskan: Grundsätzlich empfehlen wir, sich mit der Landeskultur auseinanderzusetzen. Diese Vorbereitung wird dem Bewerber bei einem Vorstellungsgespräch zu Gute kommen. Klassische Fettnäpfchen für Bewerber aus Deutschland sind nicht in «Dos und Don’ts» auszumachen.

Unterscheidet sich der Dresscode von dem hierzulande?

Caliskan: Die Türken legen großen Wert auf Äußeres. Besonders im Businessleben ist ein gepflegtes Erscheinungsbild sehr wichtig. Der Friseurbesuch unmittelbar vor dem Interview ist empfehlenswert. Es gilt die Devise: Im Zweifel overdressed.

Was erwartet einen Bewerber sonst noch bei einem Vorstellungsgespräch? Welche Fragen kann er erwarten?

Caliskan: Das Bewerbungsgespräch erfolgt sehr oft im Verhörstil und manchmal auch nicht sehr wertschätzend. Fragen zu Referenzen werden oft gestellt. Die meisten Bewerber kommen in der Türkei unvorbereitet zum Interview – aber auch viele Personalmanager sind unvorbereitet. Unser Tipp: Darauf gefasst sein und es nicht persönlich nehmen.

Woher kann ein Bewerber erfahren, welche Gehälter in seiner Branche üblich sind?

Caliskan: Es gibt Gehaltsstudien zu unterschiedlichen Positionen und Branchen – allerdings für teures Geld käuflich zu erwerben. Ansonsten ähnlich wie in Deutschland: In der Branche umhören.

Und danach? Wie viel Zeit muss man bis zu einer Entscheidung einrechnen? Und sollte man zwischendurch nachfragen, was aus der Bewerbung geworden ist?

Caliskan: Die Türken entscheiden sehr schnell und erwarten auch, dass der Bewerber sofort zur Verfügung steht. Die andere Seite der Medaille ist jedoch, dass diese schnellen Entscheidungen genauso schnell wieder revidiert werden können. Ein Feedback bei Absagen ist eher die Ausnahme. Wichtig ist allerdings zu beachten: Terminvereinbarungen für Bewerbungsgespräche gibt grundsätzlich das Unternehmen vor. Kurzfristige Terminverschiebungen und sogar Absagen kommen häufig vor. Bewerbungen aus dem Ausland sind daher schwierig umzusetzen. Große zeitliche Flexibilität ist hier gefragt.

Sabine Caliskan, Österreicherin mit türkischen Wurzeln, leitet seit 2005 die Dependance der Personalberatung Hill International in der Türkei. Sie begleitet Unternehmen bei ihrer Expansion nach Zentral-, Ost- und Südosteuropa und unterstützt Sie bei Personalfragen vor Ort. Mit 39 Büros in 19 Ländern gehört Hill zu den größten Personalberatungen der Welt.

ruk/news.de

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