Wohin nach der Grundschule? «Tiefstapeln ist nicht angebracht»

Die Grundschule ist Meilenstein einer Bildungskarriere. Sie soll den Weg zu weiterfĂŒhrenden Schulen ebnen. Die Entscheidung, ob ein Kind danach aufs Gymnasium geht, die Realschule oder eine Hauptschule besucht, entscheidet ĂŒber Bildungserfolge.

In der Grundschule entscheidet sich, wie erfolgreich Kinder auf ihrem weiteren Bildungsweg sind. Bild: ap

Forscher des Wissenschaftszentrums Berlin fĂŒr Sozialforschung (WZB) zeigten in einer Stichprobe: Jungen Menschen bleiben Bildungs- und Berufschancen verbaut, wenn sie nach den ersten vier Schuljahren eine Schule besuchen, die unterhalb ihres Leistungsniveaus liegt. Mancher geht zur Realschule statt aufs Gymnasium, andere nur auf die Hauptschule. Das fĂŒhre zu Bildungsungleichheit.

Ausschlaggebend sind Eltern und Lehrer. «PrimĂ€r spielt die Leistung der SchĂŒler eine Rolle. Und auch die BildungswĂŒnsche der Eltern entscheiden», sagt Jan KrĂŒsken von der FakultĂ€t fĂŒr Psychologie und PĂ€dagogik an der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen.

Die Geister scheiden sich an der Laufbahnempfehlung. Doch welchen Einfluss haben die Lehrerbewertungen tatsĂ€chlich? «Die Forschungslage in Deutschland ist sehr unterschiedlich», rĂ€umt KrĂŒsken ein. «Manche Kollegen sagen, bis zu 50 Prozent der Empfehlungen seien falsch.» Zwei Studien der LMU hĂ€tten hingegen gezeigt: Zumindest fĂŒr Bayern und Sachsen trifft das nicht zu. «Lehrerentscheidungen sind nicht perfekt, aber deutlich angemessener als die ElternwĂŒnsche», bescheinigt der Sozialisationsforscher. Und: «In der Regel wollen Lehrer ein Scheitern auf dem weiteren Bildungsweg verhindern.»

Doch es geht weder um Einser-SchĂŒler, noch um diejenigen im unteren Notenspektrum. «Problematisch wird es bei Kindern, deren Durschnittsnoten bei 2,5, der Grenze fĂŒr das Gymnasium, oder 3, der Grenze fĂŒr die Realschule, liegen», betont Gabriele Faust, Professorin am Lehrstuhl fĂŒr GrundschulpĂ€dagogik der Otto-Friedrich-UniversitĂ€t Bamberg.

«Eine schwierige Entscheidung», bestĂ€tigt KrĂŒsken. Gerade bei GrenzfĂ€lle sei eine gute Prognose schwierig. Die Richtlinien der Kultusministerkonferenz seien, so Faust, als Entscheidungshilfe eher vage. Es geht dann nicht nur um Noten. Begabungen und sprachlichen FĂ€higkeiten, wie Kinder lernen, wie sehr sich anzustrengen sie bereit sind und auch, welche WĂŒnsche die Eltern haben, fließen ein.

Gesellschaft muss fĂŒr höhere Schulen werben

Statuserhalt, gerade in Familien mit hohem Bildungsniveau, spiele auch eine Rolle. Da werde der Besuch eines Gymnasiums auch mal gegen die Empfehlung des Lehrers durchgedrĂŒckt. «Wer familienseitig auf höhere Leistung programmiert ist, bringt sie meist auch. Sogar auf dem zweiten Bildungsweg», so die Bildungsdatenforscherin.

Bildungsfernere Familien oder solche mit Migrationshintergrund ließen Potenzial hĂ€ufig brachliegen. Der Druck fehle, oft aber auch der Kontakt zu höheren Schulen. Faust meint: «Will die Gesellschaft etwas Ă€ndern, muss sie stĂ€rker fĂŒr Schulformen werben.» Initiativen, wie in den 1950er Jahren in Hessen unter dem Motto «Schick dein Kind lĂ€nger auf bessere Schulen», seien auch heute ein Ansatz. Selbst Werbesendungen auf in Deutschland zu empfangenden fremdsprachigen Sendern hĂ€lt die Wissenschaftlerin fĂŒr sinnvoll. «Wir mĂŒssen die Eltern erreichen, die Idee ins Bewusstsein rĂŒcken, dass ihre Kinder unausgeschöpfte Begabungen haben.»

Und wenn die Kinder doch ĂŒberfordert sind? «Ich bin skeptisch, dass man sie herab stufen sollte.» Besteht der Wunsch nach einem hohen Bildungsabschluss, sei es effektiver, Defiziten mit Zusatzangeboten wie Nachhilfe oder Nachqualifikation in Ferienkursen zu begegnen. Kinder nach zweimal Sitzenbleiben nach unten durchzureichen, sei im deutschen Schulsystem aber leider ausgeprĂ€gter.

KrĂŒsken glaubt, Fehleinstufungen ließen sich verhindern, wenn Familien und Lehrer frĂŒhzeitig ĂŒber die Zukunft beraten. Wie in Sachsen. Dort ist der weitere Bildungsweg schon nach der dritten Klasse Thema.

Kinder mit unterschiedlichem Leistungsniveau lernen besser

Trotzdem gebe es DissenzfĂ€lle. In solchen FĂ€llen rĂ€t Gabriele Faust zu bedachtem Handeln. «BeratungsgesprĂ€che mit Lehrern sollte man auf keinen Fall umgehen. Zudem kann man Schulpsychologen zu Rate ziehen.» Die Wissenschaftlerin plĂ€diert dafĂŒr, Kinder herauszufordern. «Die Überlegung bei der Wahl der weiterfĂŒhrenden Schule eher zu tief zu stapeln, ist nicht angebracht.» Allerdings dĂŒrften die Erfolgschancen auch nicht total aussichtslos sein.

Das andere Extrem seien Eltern, denen der Bildungshintergrund fehle, deren Kinder aber hohe Begabung zeigen. «Ohne vernĂŒnftige Beratung gehen diese Kind nur selten aufs Gymnasium», sagt Jan KrĂŒsken. Zudem könnten MĂŒtter und VĂ€ter nur schwer einschĂ€tzen, wie sich Kinder im Klassenverband entwickeln. Wer dem Rat der Grundschullehrer nicht traut, könne sein Kind einer EignungsprĂŒfungen unterziehen lassen. Zudem sollten die SchĂŒler selbst an der Wahl beteiligt werden.

Heikles Thema ist zudem die Zusammensetzung der Klassen. Das ResĂŒmee der WZB-Forscher: In SchĂŒlergruppen mit Kindern des gleichen Lernniveaus bleibe Lernpotenzial ungenutzt. Gabriele Faust plĂ€diert ebenfalls dafĂŒr, die Lerngruppen erst spĂ€t zu homogenisieren: «In der Öffentlichkeit und partiell noch in einiger Literatur herrscht die Meinung, dass der Lernprozess durch schwĂ€chere SchĂŒler beeintrĂ€chtigt wird.» Das Gegenteil sei jedoch bewiesen worden.

SchwĂ€chere erzielten bessere Fortschritte. Das Bildungssystems auf heterogenes Lernen umzustellen, sei deshalb nötig. «Bislang fehlen jedoch geeignete Diagnose- und Fördersysteme. Die Lehrer haben keine geeigneten Hilfestellungen, um gut erkennen zu können, welche Schwierigkeiten und FĂ€higkeiten es bei einzelnen SchĂŒlern gibt und wie sie gegenwirken können.» DarĂŒber hinaus fehlten Programme mit spezialisierten Lehrern und zusĂ€tzliche Stunden. «Wir gehen immer davon aus, dass viel im Klassenunterricht passieren muss. Aber auch Lehrer können nicht alles.»

kat/news.de

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1 Kommentare
  • Franz Josef Neffe

    07.05.2010 21:50

    Die Grundschule ist zunĂ€chst einmal nichts als Schulzwang. Du lernst nicht rechnen dort sondern rechnenMÜSSEN. Und keiner bemerkt den gigantischen QualitĂ€tsunterschied. Mit Lehrplan & ArbeitsblĂ€ttern wird Stoff so oft durchgewurstelt, dass keiner ohne Neurose davonkommt. Und das nĂ€chste Drama ist nicht Gymnasium oder Realschule sondern die Tatsache, dass es in den nĂ€chsten Schulen noch neurotischer weitergeht. Als Ich-kann-Schuzle-Lehrer wĂŒrde ich da erst einmal der Schule selbst dringendst Bildungserfolge ans Herz legen, wenn sie ernst genommen werden will. Herzlich grĂŒĂŸt Franz Josef Neffe

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