Berufliche Zukunft im Visier «In Anschlüssen, statt Abschlüssen denken»

Praktikum (Foto)
Ist der Traumberuf wirklich die richtige Wahl? Das müssen schon Schüler gut einschätzen können. Bild: ddp

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Immer wieder wird Kritik laut, dass deutsche Schüler zu wenig praktisch lernen. Nordrhein-Westfalen sucht seine Patentlösung im Schulterschluss zwischen Schule, Wirtschaft und Bundesagentur für Arbeit. Vorgestellt wurde das Projekt auf der Didacta 2009.

Allein im Jahr 2006 brachen rund 120.000 Auszubildende ihre Lehre ab. Bei vielen erwies sich der Traumberuf als Reinfall, waren die Erwartungen zu hoch gesteckt. «Solche Abbruchquoten sind volkswirtschaftlicher Wahnsinn», macht Günter Wienands, Staatssekretär für Schule und Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen klar.

Doch mit sporadischer Berufsbildung ist dem nicht beizukommen. Im Bundesland setzt man deshalb auf Kooperation. Starke Stütze ist die Stiftung Partner für Schule, die mit speziellen Modulen auf intensive Berufsvorbereitung setzt. Das Ziel: Schüler sollen realistisch an die Berufsplanung gehen. Vorausgesetzt, sie lernen anhand praktischer Vorbilder, frühzeitig eigene Qualitäten und Fähigkeiten richtig einzuschätzen. Das soll dazu beitragen, die Abbruchquote zu halbieren.

Über die Module können an Schulen unter anderem Berufsorientierungsbüros eingerichtet oder für Schüler der achten Klassen Orientierungscamps veranstaltet werden. Darüber hinaus gehören Förderkurse, Praktika und Unterstützung bei der Gründung von Schülerfirmen zum Paket. Um derlei umsetzen zu können, stellt die Stiftung abhängig vom jeweiligen Modul Fördergelder von bis zu 7500 Euro bereit. «Allein in diesem Jahr werden rund 7,5 Millionen Euro in die Module investiert», gab Unternehmensberater und Stiftungsvorstand Roland Berger bekannt.

Bei den Modulen allein bleibt es nicht. Es werde Wert darauf gelegt, dass jede Schule im Bundesland ein Partnerunternehmen und einen direkten Ansprechpartner bei der Arbeitsagentur habe, betonte Christiane Schönefeld, Regionaldirektorin der Arbeitsagentur Nordrhein-Westfalen. Das sei Teil des Ausbildungskonsens im Land, der von Gewerkschaften, Arbeitgebern und Regierung mitgetragen werde.

Doch das sind zunächst nur Strukturen. Die Wissenspalette muss erweitert werden. Fast die Hälfte aller Azubis in Deutschland konzentriert sich auf zehn Berufe. Dabei bietet Deutschland etwa 370 Ausbildungsberufe. Sich da auszukennen, sei nicht nur Aufgabe der Berufsberater. «Auch Lehrer, die hier Ahnung haben, sind wichtig», stellt Wienands klar. Zudem müsse sich Bildungspolitik von ihrem Denken in Abschlüssen verabschieden. «Wir müssen heute über Anschlüsse nachdenken. Uns die Frage stellen ‹Was kommt nach dem Abschluss?›», betont der Staatssekretär. Damit der Übergang zwischen Schule und Beruf reibungsloser geschehe, muss aber noch einiges getan werden.

Berger stellt klar: Die in Deutschland etablierten Berufsorientierungskonzepte hätten ihr Ziel längst nicht erfüllt. Berufsorientierung müsse stärker an den Schulen verortet und im Unterricht integrieren werden. Projekte wie die Beratungsbüros, Berufsorientierungscamps, Bewerbungstraining und Sprachförderung zu starten, sei nur ein erster Schritt. «Solche Angebote müssen kontinuierlich geregelt werden, damit sie langfristig wirken können.»

Ohne engagierte Eltern stelle sich der Erfolg nur halb ein: «Die Hälfte aller Lehrstellen werden noch immer über Vitamin B vermittelt. Und dieses Vitamin Beziehung haben berufstätige Eltern», stellt Wienands klar. Kinder mit Migrationshintergrund, in Nordrhein-Westfalen jedes vierte, profitierten davon jedoch nur selten. «Ihnen und ihren Eltern muss man erst beibringen, dass Berufsbildung in Deutschland, oft im Gegensatz zu ihren Heimatländern, einen hohen Stellenwert hat.»

Insgesamt aber könne jedes Projekt, dass effektive berufliche Grundlagen schaffen wolle, den Schülern nicht übergestülpt werden. Berger: «Eine vernünftige Schulleitung wird ihre Schüler mit einbinden, wenn es darum geht Berufsbildung zu organisieren und zu integrieren.»

ruk

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Kommentar 1
  • 18.02.2009 13:54

Das ist mal wieder so eine klassische Diffamierung !!! Auch deutsche Jugendliche bekommen selbst durch Vitamin B keine Lehrstelle, wenn sie nicht die Voraussetzungen haben. Wenn 120000 (ca.20%)Lehrstellenabbrecher Volkswirtschaftlicher Wahnsinn ist, was sind dann die über 50%Studienabgänger ohne Abschluß ??? Jeder Studienplatz kostet pro Jahr 50000 Euro. Bei diesen Zahlen, will man noch die Zahl der STudierenden erhöhen ??? Wir haben seit 1970 die Zahlen der Studierenden mehr als Verdoppelt, wärend die Zahl der Abschlüsse nur um ca.10% zugenommen hat. Steuergeld Verschwendung !!!

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