Studie Immer mehr Deutsche werden zu Arbeitsmuffeln

Nur jeder zweite Arbeitnehmer ist zufrieden (Foto)
Zwei Drittel der deutschen Arbeitnehmer sind von ihrem Job gefrustet. Bild: dpa

Zwei von drei deutschen Arbeitnehmern machen nur noch Dienst nach Vorschrift, haben keinen Spaß mehr an ihrer Arbeit, sind demotiviert und unzufrieden. Das hat der aktuelle «Engagement Index 2008» ergeben, für den 2000 Menschen befragt wurden.

Neun von zehn Beschäftigten in Deutschland fühlen sich kaum an ihr Unternehmen gebunden. Dies zeigt eine gestern in Berlin veröffentlichte Studie der Beratungsfirma Gallup. Danach sind 67 Prozent der Arbeitnehmer emotional nur gering an ihre Firma gebunden und machen lediglich Dienst nach Vorschrift. Zwanzig Prozent haben sogar innerlich bereits gekündigt.

Der Weg dorthin ist meist lang. «Das ist ein schleichender Prozess», sagt die Karriereberaterin Svenja Hofert aus Hamburg. Oft ließen sich die Mitarbeiter ab einem bestimmten Punkt nicht anmerken, wie unzufrieden und demotiviert sie sind. Spätestens dann seien sie von der «inneren Kündigung» nicht mehr weit entfernt. Generell sei die Neigung gering, mit den Vorgesetzen über die Gründe für nachlassende Motivation zu reden. Angesichts der schwierigen Konjunkturlage werde die Bereitschaft dazu sogar noch abnehmen.

Lediglich 13 Prozent der Beschäftigten verspüren dem «Engagement Index 2008» zufolge eine echte Verpflichtung gegenüber ihrem Unternehmen und arbeiten hoch engagiert. Im internationalen Vergleich belegt Deutschland damit nur einen Platz im unteren Mittelfeld, wie der Gallup-Berater Marco Nink erläuterte. «In Großbritannien haben 20 Prozent der Arbeitnehmer eine hohe emotionale Bindung zu ihrem Unternehmen, in den USA sogar 29 Prozent.» Anderswo herrscht aber noch mehr Gleichgültigkeit im Job: In Frankreich und Japan ist der Anteil emotional hoch gebundener Mitarbeiter mit zwölf Prozent beziehungsweise sieben Prozent geringer als in Deutschland.

Die Folgen sowohl für die Leistungsfähigkeit der Unternehmen als auch für die Volkswirtschaft sind messbar, sagte Nink. So kämen Beschäftigte mit geringer beziehungsweise ohne emotionalen Bindung auf zwei bis vier Fehltage mehr im Jahr als emotional hoch gebundene Mitarbeiter. Einem Unternehmen mit 1000 Mitarbeitern entstehen der Studie zufolge so jährliche Mehrkosten von 485.000 Euro. Die volkswirtschaftlichen Kosten belaufen sich nach den Berechnungen von Gallup auf eine Summe zwischen 81,2 und 109 Milliarden Euro pro Jahr.

Der Abschwung wird nach der Erfahrung der letzten Jahre kaum zu nennenswerten Verschiebungen zwischen den unterschiedlich motivierten Gruppen führen. Nink sagte, die Probleme in Deutschland seien hausgemacht und gingen auf Defizite in der Personalführung zurück. Schuld seien oft die direkten Führungskräfte, die kein offenes Ohr für ihre Mitarbeiter haben. An diesem Punkt mache sich bemerkbar, dass in Deutschland Führungskräfte in erster Linie nach fachlicher Kompetenz ausgewählt würden und nicht mit Blick auf ihre sozialen Fähigkeiten. Viele merkten gar nicht, wenn ihre Untergebenen die Motivation verlieren.

Eine Chance dazu bieten Svenja Hofert zufolge regelmäßige Zielvereinbarungsgespräche - allerdings werde sie selten genutzt: «Dabei werden oft nur Checklisten abgehakt.» Solche Gespräche, bei denen Mitarbeiter Gelegenheit haben, ihre Vorstellungen über den weiteren Berufsweg zu formulieren, könnten jedoch ausgesprochen positiv für deren Motivation sein.

«So ein Vier-Augen-Gespräch muss es nicht nur einmal im Jahr geben», sagte die Karriereberaterin. «Das kann ruhig öfter sein, muss aber keinen festen Rhythmus haben.» Viele Chefs seien außerdem nicht besonders talentiert darin, ihre Mitarbeiter zu motivieren. Sehr häufig zeigten sie wenig Anerkennung für deren Leistungen - was das Engagement der Mitarbeiter hemmt.

Motivationsdämpfer seien in vielen Unternehmen auch die formalistischen Regelungen zum Einstieg in den Beruf oder zum Wechsel zwischen verschiedenen Positionen. Deutsche Arbeitgeber seien da oft strikt. «Das fängt damit an, dass Personalentscheider häufig sehr geradlinige Lebensläufe bevorzugen und geht damit weiter, dass man oft nicht einmal vom Marketing ins Controlling wechseln kann», sagte Hofert. Mehr Flexibilität dabei könne auch mehr Motivation bedeuten.

Gallup-Berater Marco Nink rät zudem: «Führungskräfte müssen sich zunächst ihrer Stärken und Schwächen bewusst werden und erkennen, wie ihr Führungsverhalten von den Teammitgliedern wahrgenommen wird.»

Seit 2001 erhebt Gallup jährlich die Studie zum Engagement und zur Motivation deutscher Arbeitnehmer. Für die jüngste repräsentative Untersuchung wurden von Ende Oktober bis Ende November 2008 knapp 2000 zufällig ausgewählte Arbeitnehmer ab 18 Jahre telefonisch interviewt.

mas

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