Bildung «Lesen ist wie Ein- und Ausatmen»

Lesen gehört zur elementaren Bildung eines jeden Menschen. Kindern wie Erwachsenen bereitet es jedoch oft Probleme. Die Kleinen müssen das Lesen erst lernen, die Großen müssen es wieder lernen. Für beide gibt es Hilfe.

Lesendes Kind (Foto)
Bitte nicht stören. Diese kleine Lesende befindet sich gerade in einer anderen Welt. Bild: news.de

Eltern sollten ihren Kindern viel vorlesen. Das rät Kinderbuchautorin Cornelia Funke. «Ich glaube, es ist eine wunderbare Einstiegsdroge fürs Lesen», sagte die 49-Jährige Readers Digest Deutschland. Freilich will die Nordrhein-Westfälin ihre eigenen Kinderbücher verkaufen. Falsch liegt sie mit ihrer Überzeugung aber nicht.

Forscher der amerikanischen Universität Yale wiesen nach: Kinder, die viel lesen, gehen mit ihren Spielsachen kreativer um. Jene, die häufiger fernsehen, spielen nach einem festen Schema. Betroffen von diesem Phänomen sind auch Erwachsene. Je weniger sie lesen, desto weniger kreativ sind sie – und neigen obendrein zum sekundären Analphabetismus. Erwachsene können die Fähigkeit, gedruckten Texten einen Sinn zu entnehmen, verlieren. Was in Handy- oder Arbeitsverträgen geschrieben steht, bleibt ihnen dann verborgen.

Wie viele sekundäre Analphabeten es gibt, ist unklar. «Sie gehören zu den funktionalen Analphabeten, Menschen also, denen es sehr schwer fällt, Schrift und Verstehen so zu nutzen, wie es die Gesellschaft erwartet», sagt Katja Klose vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung. Vier Millionen Deutsche sind betroffen. Die Dunkelziffer liegt höher, schätzt die Mitarbeiterin im Projekt Chancen erarbeiten – auf Ausbildungs- und Arbeitswelt vorbereiten.

Doch Lesen ist wichtig: «Lesen ist das Eintrittstor ins Wissen», hat der im Ruhestand befindliche Leseforscher Bodo Franzmann einmal gesagt. Daran rüttelt auch Christoph Schäfer von der Stiftung Lesen nicht. Er sagt: «Lesen macht schlau. Eindeutig.» Viele hirnphysiologische Forschungen hätten deutlich gezeigt, wie positiv Vorlesen und Lesen auf die Entwicklung wirken, würde dadurch doch die Verknüpfung von Neuronen im Kopf gefördert.

Gerade bei Kindern sei das wichtig – und müsse schon sehr früh losgehen. «Leseerziehung ist eine fundamentale Chancenvermittlung», macht Schäfer klar. «Kinder, die nicht lesen, sind nicht automatisch dumm. Doch einem Kind, das nicht die Chance bekommt, lesen zu lernen, entgeht ein entscheidender Teil der Entwicklung.»

Lesen Sie auf Seite 2, wie sie Kinder schon früh für Bücher begeistern

Eltern sollten deshalb auf Frühförderung setzen. «Bereits ab dem ersten Geburtstag kann man Kindern tolle Leseerlebnisse bereiten», sagt der Stiftungsvertreter. «Dann lassen sie sich nämlich schon für einfache Papp- und Beißbücher begeistern.» Das habe zwar weniger mit dem eigentlichen Lesen zu tun. Doch in diesem Alter entwickeln sich Kinder schnell. «Mit zwei Jahren haben sie einen Wortschatz von 300 Wörtern, sind in der Lage, in einem Bilderbuch einen Hund als solchen zu erkennen, wenn die Mutter danach fragt; können den Hund zeigen, auch wenn sie statt Hund eher Wau-Wau sagen», sagt Schäfer.

Doch Eltern müssen nicht immer nach den neusten Kinderbuchhits greifen. Der Blick auf eigene Interessen und ansprechende Buchgestaltungen ist erlaubt. «Man kann nicht sagen, diese 50 oder 100 Bücher müssen Kinder kennen. Es geht eher darum, die persönlichen Interessen des Lesenachwuchses aufzuspüren. Das kann man schon daran erkennen, welche Spielsachen sie bevorzugen», erklärt Schäfer.

Für Lesefreude sorgen übrigens nicht nur Geschichten, sondern auch Sachbücher. Die würden vielfach unterschätzt, seien aber prima für Kinder geeignet. Christoph Schäfer erklärt warum: «Sachbücher bereiten spezielle Themengebiete auf, können beispielsweise Fragen über Autos oder Schiffe viel besser klären als eine Geschichte.»

Immer gut für Leseanfänger sind speziell abgestimmte Erstlesebücher. Die konfrontieren nicht mit einer Buchstabenflut. «Komplizierter zu lesende Wörter werden durch kleine Bilder ersetzt. So können Kinder Texte schneller lesen und verstehen», sagt Schäfer. Wer auf Nummer sicher gehen wolle, könne zu den bewährten Klassikern von Erich Kästner und Astrid Lindgren greifen.

Ab der dritten Klasse gehen die Steppkes in Sachen Lesestoff ohnehin ihren eigenen Weg, finden es uncool, wenn Mama vorlesen will. Zudem zwingt die Schule oft Lesestoff auf, der nicht den Lektürenerv der Kinder trifft. «Um trotzdem die Begeisterung zu erhalten, sollten auch Comics oder Zeitschriften als Medien ernst genommen werden. Denn auch die dienen der Leseförderung», betont der Fachmann von der Stiftung Lesen.

Lesen Sie auf Seite 3, warum das Lesen so wichtig ist

Greift Sohn oder Tochter trotzdem nicht zum Buch, sollten Eltern nicht gleich in Panik verfallen. «Wer frühkindlich viel vorgelesen hat, der hat eine gute Basis geschaffen. Es kommt eben mal die Zeit, da Kinder nicht gern tun, was sie sollen», gibt Schäfer Entwarnung. Die Erfahrungen von Leseforschern und Pädagogen würden zeigen: Ist die Basis gelegt, ist eine Durststrecke von zwei bis drei Jahren kein Problem. Eltern, die darauf nicht bauen wollen, sollten ein gutes Vorbild abgeben, ihre Begeisterung fürs Lesen zeigen, über Bücher reden und mal einen gemeinsamen, ungeplanten Abstecher in eine Buchhandlung machen, um zu stöbern. Das motiviere.

Für Schäfer steht fest: «Lesen ist wie Ein- und Ausatmen und fundamental für das Lernen.» Wer im Unterricht oder beim Erlernen einer Fremdsprache erfolgreich sein will, muss lesen und inhaltlich verstehen können. «Man muss lesen, um neue Erkenntnisse für sich zu strukturieren », stimmt Katja Klose zu. Lesen verknüpfe vieles miteinander und sei deshalb elementar für das Lernen.

Die nötigen Chancen dazu finden sich jedoch nicht in jeder Kinderstube. Kinder, deren Eltern von Analphabetismus betroffen sind, haben es schwer: «Lesevorbilder sind wichtig für die Lese- und Schreibentwicklung. Wird der Stellenwert von Schriftsprache im Familienleben nicht erkannt, überträgt sich das auf den Nachwuchs», erklärt die Mitarbeitern des Bundesverbandes Alphabetisierung.

Pisa habe deutlich gezeigt: Das Bildungsniveau der Eltern hängt eng mit dem der Kinder zusammen. In der Arbeit des Bundesverbandes habe sich aber auch gezeigt, dass gerade Analphabeten sehr darauf achten, dass es ihre Kinder einmal besser haben.

Ansonsten können nur Außenstehende helfen. Lehrer beispielsweise, die stärker darauf achten müssen, ob jemand vom Unterricht ausgegrenzt werde, weil er häufig stört. Das könne auf Schwierigkeiten mit der Schriftsprache hindeuten. Klose rät: «Wer Klarheit will, muss behutsam vorgehen. Kinder haben oft Probleme, sich einem Lehrer anzuvertrauen.» Erwachsene fühlen sich gar stigmatisiert, werden sie darauf angesprochen. «Das kann genauso ein Schock sein, wie die Selbsterkenntnis, etwas nicht mehr tun zu können, obwohl es eigentlich alltäglich ist. Gerade am Arbeitsplatz, an dem sich die Anforderungen schnell ändern, ist das hart», verweist Klose auf die Erfahrungen Betroffener.

cvd/news.de

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