30.03.2019, 13.18 Uhr

Zeitumstellung 2019: Eine Stunde geklaut! Das sind die gesundheitlichen Folgen

Wer hat an der Uhr gedreht? Bald ist Schluss damit. Doch dieses Wochenende steht uns die Zeitumstellung auf die Sommerzeit erneut bevor. Diese wird einige Menschen wieder gehörig durcheinander bringen. Was hilft Betroffenen?

Eine Stunde geklaut: Die Umstellung auf Sommerzeit sorgt bei vielen Menschen für Müdigkeit und sogar Gereiztheit. Bild: Christin Klose/dpa

Trotz der aktuellen Debatte um die Zeitumstellung werden die Uhren in Deutschland an diesem Wochenende wieder auf Sommerzeit gestellt. In der Nacht zum Sonntag rücken die Zeiger von 2.00 Uhr auf 3.00 Uhr vor. Nach der jüngsten Abstimmung im EU-Parlament rückt ein Ende der halbjährlichen Umstellung aber näher: Eine Mehrheit der Abgeordneten hatte für eine Abschaffung plädiert.

Wann kommt endlich das Ende der Zeitumstellung?

Auch bei der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig, die für die Verbreitung der gesetzlichen Zeit zuständig ist, wird mit einem baldigen Ende der Zeitumstellung gerechnet. "Es wird im März 2021 in Deutschland die Umstellung auf Sommerzeit geben, und im Oktober wieder zurück. Das war's dann", meint Andreas Bauch, Leiter der Arbeitsgruppe Zeitübertragung bei der PTB. Die Entscheidung im Straßburger Parlament sei für ihn keine Überraschung mehr gewesen.

Ursprünglich sollte dank der Zeitumstellung und der damit verbundenen besseren Ausnutzung des Tageslichts Energie gespart werden. Ein Trugschluss. Darum besteht nun Einigkeit über die Abschaffung. Für die tatsächliche Abschaffung müsste allerdings noch ein Kompromiss mit den Mitgliedstaaten erzielt werden. Als ein zentrales Ziel wird dabei oft die Vermeidung eines Flickenteppichs mit verschiedenen Regelungen genannt.

Hat die Umstellung auf die Sommerzeit Folgen für die Gesundheit?

Es gibt wissenschaftliche Anhaltspunkte dafür, dass die Anpassung des Biorhythmus besonders im Frühjahr nicht so einfach ist. Der natürliche Schlafrhythmus wird gestört. Die innere Uhr gerät aus dem Takt. Die Umstellung auf Sommerzeit ist nach Angaben der Professorin Kneginja Richter, Leiterin der Schlafsprechstunde an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU) Nürnberg, schlimmer als die auf Winterzeit.

"Das kann man mit einer Flugreise nach Osten vergleichen, nach Japan zum Beispiel", erklärt sie. "Diese Zeitumstellung ist ja für den Körper auch schwieriger als bei der Reise nach Westen." Die Folgen: Müdigkeit und Erschöpfung, Konzentrationsprobleme und Gereiztheit. Mehr noch:

Die Krankenkasse DAK etwa hat in einer Langzeitbeobachtung festgestellt, dass in den ersten drei Tagen nach der Zeitumstellung 25 Prozent mehr Patienten mit Herzbeschwerden ins Krankenhaus kamen als im Jahresdurchschnitt.

Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages zitierten 2014 Studien aus Schweden und den USA, die ein leicht erhöhtes Infarktrisiko nach der Zeitumstellung im Frühjahr belegten.

Eine australische Studie zeigte einen Zusammenhang zwischen Zeitumstellung und Suizidrate: Auch kleine Veränderungen im Biorhythmus könnten demnach bei gefährdeten Menschen destabilisierend wirken.

Weitere Studien haben einen Anstieg der Rate von Verkehrsunfällen nach der Sommerzeitumstellung festgestellt und machen sowohl den relativen Schlafmangel, der durch die 'geklaute' Stunde auftritt, als auch vermehrte Fahrten bei Dämmerung oder im Dunkeln verantwortlich.

Doch von einer allgemeingültigen Gefährdung der Gesundheit aufgrund der Zeitumstellung kann keine Rede sein. So gaben beispielsweise in einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK (2018) 72 Prozent der Befragten an, sie können sich nicht erinnern, dass ihnen die Zeitumstellung schon einmal Probleme bereitet hätte.

Welche Tipps gegen den Mini-Jetlag nach der Zeitumstellung gibt es?

Die Umstellung auf Sommerzeit kann also Stress für Geist und Körper bedeuten - ähnlich wie bei Reisen in eine andere Zeitzone. Und bis der Mini-Jetlag verdaut ist, können bis zu zwei Wochen vergehen. Zum Glück gibt es Methoden, mit denen sich die geklaute Stunde schneller und besser wegstecken lässt.

1.) Bewegung, Bewegung, Bewegung: "Alles, was tagsüber für Aktivität sorgt, hilft", sagt Richter. Dazu zählt zum Beispiel Bewegung an der frischen Luft. "Gleichzeitig sollte es nachts möglichst dunkel, ruhig und kühl sein." So ist der Kontrast zwischen Tag und Nacht besonders deutlich - der Körper gewöhnt sich schneller an den neuen Rhythmus.

2.) Mittagsschlaf aussetzen: Auf einen Mittagsschlaf verzichtet man zu Beginn der Sommerzeit am besten. Oder man begrenzt ihn zeitlich, auf höchstens eine halbe Stunde.

3.) Sich vorher eingrooven: Auch Vorbereitung hilft: Wer schon ein paar Tage vor der Zeitumstellung eine Stunde früher ins Bett geht und dafür auch eine Stunde früher aufsteht, kommt dann nach der Zeitumstellung besser klar. Das lohnt sich vor allem für Menschen, die mehr Probleme mit der Zeitumstellung haben. Denn der Jetlag trifft nicht alle gleichermaßen. "Die Langschläfer haben es mit der Umstellung auf Sommerzeit besonders schwer", sagt Richter. "Und auch die Eulen, die eher abends aktiv sind." Ihnen geht durch die Umstellung besonders viel kostbare Schlafzeit verloren. Ältere dagegen haben es nicht automatisch schwer mit der Zeitumstellung. Das ist eher eine Frage der Fitness, so Richter. "Wenn jemand sehr sportlich ist, kann sich der Körper schneller an neue Umstände anpassen. Das gilt auch für die Zeitumstellung."

4.) Stress vermeiden: Packen Sie zudem die Tage nach der Umstellung nicht zu voll mit Terminen und gehen Sie die ersten Tage der Sommerzeit ruhiger an. Und lassen Sie vielleicht das Auto einfach mal stehen, bis sich Ihre innere Uhr wieder eingependelt hat.

Was würde passieren, wenn wir nach dem Cloxit dauerhaft auf Sommerzeit umstellen?

Forscher warnen vor einer dauerhaften Einführung der Sommerzeit nach dem Cloxit, dem Ende der Zeitumstellung. Nach Umstellung auf die permanente Sommerzeit würde es im Winter morgens eine Stunde später hell. Mediziner weisen darauf hin, dass Menschen das blaue Licht der Sonnenstrahlung brauchen, um wach zu werden. Alfred Wiater, der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM), sagte dazu dem Deutschen Ärzteblatt, die Serotoninausschüttung werde durch Licht stimuliert - "so werden wir morgens wach und munter".

Der Münchner Chronobiologe Till Roenneberg sieht besonders viele Teenager betroffen. Ihr typischer Biorhythmus verschiebe ihre Innere Uhr und mache sie zu Langschläfern. Schon der Schulstart um 08.00 Uhr morgens sei für sie vergleichbar mit einem Arbeitsbeginn um 04.00 Uhr bei Erwachsenen. "Das sollen sich einfach mal Erwachsene vor Augen führen, (...) wie aufmerksam sie dann sind und wie gut sie dann lernen können", so Roenneberg in einem Podcast seiner Universität.

Die Zeitumstellung verschärfe dieses Problem noch: "Die Diskrepanz zwischen dem, was die Innere Uhr leben möchte, und dem, was wir leben müssen, (...) wird um eine Stunde noch vergrößert - mit allen Konsequenzen: Schlafmangel, mehr rauchen, mehr unter Stress stehen usw."

Für "Focus.de" bringt Roenneberg seine Vorbehalte gegen eine dauerhafte Sommerzeit noch deutlicher auf den Punkt: "Man erhöht die Wahrscheinlichkeit fürDiabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme - das heißt, wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger."

Folgen Sie News.de schon bei Facebook und Twitter? Hier finden Sie brandheiße News, tolle Gewinnspiele und den direkten Draht zur Redaktion.

pap/kad/news.de/dpa

Empfehlungen für den news.de-Leser