Expertenrat zum Thema Kindergesundheit: Der ideale Impfschutz für Ihr Kind

Oft sind frischgebackene Eltern verunsichert, welche Impfungen für ihr Kind wirklich nötig sind. Neben den klassischen Kinderkrankheiten wie Masern, Röteln oder Mumps gibt es für Kleinkinder auch Impfungen gegen Rotaviren. Wann die Impfung verabreicht werden sollte und welche Impfungen besonders wichtig sind, erklärten Experten am Lesertelefon.

Eltern wollen für ihre Kinder immer nur das Beste – und stehen beim Thema Impfung häufig vor einem Problem: Einerseits gelten Impfungen heute als sicherer und wirkungsvoller Schutz unter anderem gegen Masern, Mumps, Röteln, Keuchhusten und Windpocken. Andererseits haben Eltern Fragen, die sie geklärt wissen möchten: Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Impfung? Warum wird gegen welche Erkrankungen geimpft? Muss ich Nebenwirkungen befürchten? Sind wirklich alle Impfungen notwendig? Was ist dran an Gerüchten zu negativen Impffolgen? Und wer trägt die Kosten für empfohlene Impfungen?

Expertentipps zu Kinderimpfungen

Antworten auf alle Fragen rund um die Impfung gaben die Experten am Lesertelefon. Die Mediziner Dr. med. Michael Horn, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in einer Praxis für Kinderheilkunde in Berchtesgaden, Dr. med. Stephan von Landwüst, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in einer Praxis für Kinderheilkunde in Leverkusen und Taner Uguz, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in einer Kinder- und Jugendärztlichen Praxis in Köln-Mülheim, nahmen sich Zeit, um Fragen von interessierten Anrufer zu beantworten und Tipps zum Thema Impfungen bei Kindern zu geben. Die spannendsten Fragen und Antworten der Lesertelefon-Aktion haben wir für Sie zum Nachlesen zusammengefasst.

Warum sollen Kinder schon so früh gegen Rotaviren geimpft werden?

Dr. med. Stephan von Landwüst: Weil Säuglinge und Kleinkinder bis zum zweiten Lebensjahr besonders gefährdet sind. Bei ihnen kommt es auch am häufigsten zu schweren Verläufen, weil ihr Organismus empfindlich auf den massiven Flüssigkeits- und Salzverlust reagiert. Die Folge: Ein nicht unerheblicher Teil der Kinder, die an Rotaviren erkranken, muss zur Behandlung ins Krankenhaus. Bis zu seinem fünften Lebensjahr muss in der Regel jedes ungeimpfte Kind mindestens eine Rotavirus-Infektion durchmachen. Deshalb empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die Impfung ab der vollendeten sechsten Lebenswoche.

Wie wird die Impfung gegen Rotaviren verabreicht?

Dr. med. Michael Horn: Bei der Rotavirus-Impfung handelt es sich um eine Schluckimpfung, die für das Kind vollkommen schmerzfrei ist.

Wie umfassend ist der natürliche Nestschutz?

Taner Uguz: In den letzten Monaten der Schwangerschaft und beim Stillen überträgt die Mutter Antikörper auf das Kind – aber nur gegen Krankheiten, die die Mutter selbst durchgemacht hat oder gegen die sie geimpft ist! Anderen Krankheitserregern ist das Kind also schutzlos ausgesetzt. Die von der Mutter übertragenen Antikörper werden zudem abgebaut, spätestens zwischen dem sechsten und neunten Lebensmonat endet der Nestschutz. Und er bietet auch keine umfassende Sicherheit: Bei Keuchhusten beispielsweise werden fast keine Antikörper übertragen und es besteht kein Nestschutz. Deshalb ist es auch so wichtig, selbst gegen Keuchhusten geimpft zu sein, um Säuglinge und Kleinkinder nicht anzustecken.

Mit dem Sechsfachimpfstoff wird auch gegen Hib geimpft. Was ist das?

Dr. von Landwüst: Die Sechsfach-Kombinationsimpfung gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Kinderlähmung, Hepatitis B und Hib ist eine der wichtigsten Standard-Impfungen für das Säuglings- und Kleinkind-Alter. Hib steht dabei für Haemophilus influenzae Typ b, eine bakterielle Infektion, die zu einer Hirnhaut- oder Kehlkopfentzündung führen kann und vor allem bei Kindern im ersten Lebensjahr sehr schnell lebensbedrohlich werden kann. Seit der Einführung der Impfempfehlung in den 1990er Jahren ist die Zahl der Erkrankungen stark zurückgegangen – ein gutes Beispiel dafür, welchen Schutz eine Impfung bieten kann.

VIDEO: Experten raten zur Impfung

Überfordern Mehrfachimpfstoffe nicht das Immunsystem von Säuglingen und Kleinkindern?

Dr. Horn: Kombinationsimpfstoffe werden angewendet, um einen ausreichenden Schutz vor der Erkrankung mit möglichst wenigen Injektionen, ohne größere Nebenwirkungen und einer langandauernden Wirksamkeit zu erreichen. Der kindliche Organismus ist von Geburt an ohnehin mit einer gigantischen Menge an Fremdstoffen in Kontakt. Schon wenn ein Kleinkind den Finger in den Mund steckt, nachdem es ein auf dem Boden liegendes Spielzeug angefasst hat, muss sich sein Organismus gegen eine Vielzahl von Erregern wehren. Dagegen befinden sich in vielen modernen Totimpfstoffen nur noch sehr wenige, maßgeschneiderte Strukturen, nicht zuletzt, weil die Impfstoffe stetig verbessert wurden. Sie enthalten heute nur noch einzelne Bestandteile der Krankheitserreger, gegen die geimpft wird. Diese Impfstoffe schützen gegen mehr Krankheiten als in den Jahren zuvor.

Besteht das Risiko, dass die Krankheit ausbricht, gegen die geimpft wird?

Taner Uguz: Das ist in der Regel nicht der Fall. Die Sechsfach-Impfung erfolgt beispielsweise mit einem so genannten Totimpfstoff. Dieser kann die Erkrankung, gegen die er wirkt, nicht auslösen. Es gibt aber auch Impfstoffe, die lebende, aber abgeschwächte Erreger enthalten, zum Beispiel der Masernimpfstoff. Hier kann es bei bis zu fünf Prozent der Geimpften zur Bildung eines abgeschwächten Masernausschlags und Fieber kommen. Diese Impf-Masern sind aber im Vergleich zur echten Masernerkrankung harmlos.

Wann sollen Frühchen geimpft werden? Zum gleichen Zeitpunkt wie reif geborene Kinder?

Dr. von Landwüst: Bei Frühgeborenen ist das Immunsystem noch nicht ausgereift und sie haben noch keinen mütterlichen Nestschutz, weil dieser erst etwa ab der 32. Schwangerschaftswoche von der Mutter auf das Kind übertragen wird. Frühchen sind also anfälliger für Infektionskrankheiten und sollten deshalb früh- und bestmöglich geschützt werden. Die STIKO empfiehlt, Frühgeborene unabhängig von ihrem Reifealter und aktuellen Gewicht entsprechend ihrem Lebensalter zu impfen. Selbst sehr kleine Frühgeborene sind keinem erhöhten Impfrisiko ausgesetzt, wie eine Studie der Universitäts-Kinderklinik Würzburg zeigt.

Warum wird bei der MMRV-Impfung noch gegen Windpocken geimpft? Die sind doch nun wirklich harmlos...

Dr. Horn: Zum einen sind Windpocken extrem ansteckend – fast jeder Kontakt mit einem Infizierten führt zur Ansteckung. Zum anderen beinhalten Windpocken Risiken, die alles andere als harmlos sind und sogar zur Krankenhaus-Einweisung führen können. Die Bläschen, die sich mit dem Hautausschlag bilden, können sich entzünden und zu einer bakteriellen Infektion führen. Doch was die wenigsten bedenken, ist die Gefahr einer späteren Zweiterkrankung: Die Gürtelrose, eine äußerst schmerzhafte Nervenentzündung, ist nichts anderes als eine reaktivierte frühere Windpockenerkrankung.

Der Impfkalender listet eine Menge Impfungen in den ersten beiden Lebensjahren auf. Warum so viele und wie viele Piekser sind das?

Taner Uguz: Waren bis zur Jahrtausendwende noch 18 Einzelimpfungen nötig, um Kinder und Jugendliche vor neun schwerwiegenden Infektionskrankheiten zu schützen, sind heute zum Schutz gegen 13 Erkrankungen nur noch 16 Piekser nötig. Da es Kombinationsimpfstoffe gibt, hält sich die Anzahl der Piekser also in Grenzen. Um eine Grundimmunisierung zu erreichen, sind aber immer mehrere Impfungen notwendig. Die Sechsfach-Impfung gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Kinderlähmung, Hib und Hepatitis B wird beispielsweise im Alter von zwei, drei und vier Monaten sowie zwischen elf und 14 Monaten durchgeführt. Das macht vier Piekser für die Grundimmunisierung gegen sechs Krankheiten. Mit einem Kombinationsimpfstoff wird auch gegen Masern, Mumps, Röteln und Varizellen geimpft. Hier sind es zwei Piekser für die Grundimmunisierung. Die Rotavirus-Impfung dagegen ist eine Schluckimpfung, die dem Baby einfach mit einem Applikator in den Mund geträufelt wird.

Warum werden schon kleine Kinder gegen Hepatitis B geimpft? Ich dachte, die Hepatitis B ist eine sexuell übertragbare Krankheit.

Dr. von Landwüst: Hepatitis B wird meistens, aber nicht ausschließlich über den Sexualkontakt übertragen. Die Hepatitis B-Viren befinden sich im Blut des Infizierten. Dass die Hepatitis B-Impfung zu den Standardimpfungen für Säuglinge und Kleinkinder zählt, hat zwei Gründe: Wenn sich ein Kleinkind ansteckt, wird die Krankheit fast immer chronisch – und kann zu einer schweren Schädigung der Leber führen. Zweitens sind die Kinder dann schon geimpft, wenn sie das Jugendalter erreichen und vor einer Infektion geschützt. Denn Jugendliche sind fürs Impfen häufig schwerer motivierbar und sind schlechter zu erreichen.

Warum wird gegen Meningokokken geimpft?

Dr. Horn: Weil es sich dabei um weltweit vorkommende Bakterien handelt, die bei den meisten Erkrankten eine Hirnhautentzündung und bei mehr als einem Drittel Blutvergiftung verursachen können. Manchmal tritt sogar beides auf. Am häufigsten erkranken Kinder unter fünf Jahren. Der Verlauf der Krankheit ist fast immer sehr schnell und schwer, eine umgehende Einweisung ins Krankenhaus unumgänglich. Doch selbst dann sind schwere Komplikationen, Amputationen und tödliche Verläufe nicht auszuschließen. Gegen die in Deutschland am häufigsten vorkommenden Meningokokken Typen B und C sind wirksame und gut verträgliche Impfstoffe verfügbar. Die STIKO empfiehlt die Meningokokken-C-Impfung ab dem 12. Lebensmonat. Für die Grundimmunisierung reicht eine einmalige Impfung. Über eine Impfempfehlung gegen den Typ B wird bei der STIKO aktuell beraten. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte BVKJ empfiehlt die Impfung ebenso wie die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin. Immer mehr Krankenkassen übernehmen auch dafür die anfallenden Kosten.

VIDEO: Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs

Mein Kind ist häufig krank. Soll ich es gegen Grippe impfen lassen?

Taner Uguz: Die STIKO empfiehlt die Grippeimpfung als Schutz für Kinder, deren Gesundheit durch ein Grundleiden beeinträchtigt ist wie zum Beispiel eine chronische Erkrankung von Lunge, Herz-, Kreislauf-, Leber oder Nieren. Auch bei angeborenen oder später erworbenen Störungen des Immunsystems wird die Impfung empfohlen. Ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht zudem für Kinder, die in Gemeinschaftseinrichtungen wie Kindertagesstätten oder Krippen betreut werden. Die Impfung ist ab einem Alter von sechs Monaten möglich. Der beste Zeitpunkt für die Impfung ist vor Beginn der Grippe-Saison, also im Spätsommer oder Herbst. Ob die Impfung für Ihr Kind in Frage kommt, sollten Sie gezielt mit Ihrem Kinderarzt besprechen.

Ich habe gelesen, dass Impfungen Neurodermitis, Allergien oder sogar Autismus auslösen können. Stimmt das?

Dr. von Landwüst: In der ehemaligen DDR wurde sehr viel mehr geimpft als in den alten Bundesländern. Studien haben gezeigt, dass aber in Westdeutschland mehr Allergien auftraten. Wissenschaftliche Belege für einen Zusammenhang zwischen Impfung und Allergien – oder Neurodermitis – gibt es nicht. Dass die Masernimpfung bei Kindern Autismus auslösen kann, behauptete 1998 der britische Arzt Andrew Wakefield. Mehrere wissenschaftliche Studien haben dies zwischenzeitlich klar widerlegt. Wakefield wurde die bewusste Täuschung der Öffentlichkeit nachgewiesen und er verlor 2010 in England seine Zulassung als Arzt.

Wie hoch ist das Infektionsrisiko für Masern in Deutschland?

Dr. Horn: Das hängt vor allem davon ab, wie viele Menschen geimpft sind. Immer wieder kommt es zu regionalen Ausbrüchen, die auf eine niedrige Impfrate vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zurückgehen. Diese erkranken, weil sie als Kinder nicht oder nur einmal geimpft wurden. Um solche Masernausbrüche gänzlich zu verhindern, müssten 95 Prozent der Bevölkerung gegen Masern immun sein. Die Realität: Annähernd 95 Prozent werden nur in ganz wenigen Regionen erreicht – und dann auch nur bei der ersten Impfung. Bei der für die Immunisierung wichtigen Zweitimpfung sind es sogar nur zwischen 40 und 68 Prozent.

Ich bin 32 Jahre alt, nie an Masern erkrankt und habe keinen Masernimpfschutz. Soll ich mich nachimpfen lassen?

Taner Uguz: Wer nach 1970 geboren wurde und als Kind nur einmal oder gar nicht gegen Masern geimpft wurde, sollte sich unbedingt impfen lassen. Die STIKO empfiehlt die Impfung auch, wenn der Impfstatus unbekannt ist, weil zum Beispiel der Impfpass fehlt. Es geht bei der Impfung nicht nur um den eigenen Schutz: Jede geimpfte Person stellt eine Barriere in der Infektionskette dar und kann so Menschen schützen, die nicht geimpft werden können. Dazu zählen beispielsweise Säuglinge, die noch zu klein für eine Impfung sind. Gerade für sie ist eine Maserninfektion besonders gefährlich! Bei Kleinkindern ist die Masern-, Mumps-, Röteln- und Windpocken-Impfung eine Standard-Impfung, die möglichst frühzeitig, am Ende des ersten Lebensjahres, in zwei Dosen erfolgen sollte.

Wer trägt die Kosten für empfohlene Impfungen?

Dr. von Landwüst: Die Kosten für alle Impfungen, die von der STIKO empfohlen werden, übernehmen die Krankenkassen – sie zahlen also neuerdings auch für die 2013 in den Impfkalender aufgenommene Rotavirus-Impfung.

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