Inkontinenz Die stärksten Methoden gegen schwache Blasen

Inkontinenz ist ein Volksleiden. Und noch immer ein Tabuthema. Was dagegen hilft, zeigt news.de. (Foto)
Inkontinenz ist ein Volksleiden. Und noch immer ein Tabuthema. Was dagegen hilft, zeigt news.de. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Andreas Schloder
Inkontinenz ist noch immer ein Tabuthema, obwohl mehr als acht Millionen Deutsche darunter leiden - mit einer hohen Dunkelziffer. Selbst beim Lachen oder Niesen passiert es und die Betroffenen machen sich in die Hose. Dabei können Prävention und einfache Mittel das Leiden verhindern.

Für Millionen Deutsche ist der unwillkürliche Harnverlust bitterer Alltag. Und beeinträchtigt diesen mehr als den Betroffenen lieb ist. Experten sprechen derzeit von mehr als acht Millionen Deutschen, die unter Inkontinenz leiden. «Die Dunkelziffer ist aber immer noch sehr hoch», erklärt Professor Stefan Schumacher, der als Urologe in Abu Dhabi arbeitet. Denn das Problem werde aus Scham oft verschwiegen. Die Betroffenen haben sich mit der Funktionsstörung abgefunden - ohne je einen Arzt aufgesucht zu haben.

Ob jung oder alt, Mann oder Frau - die Blasenschwäche zieht sich durch alle Gesellschaftsgruppen. Und nimmt mit fortschreitendem Alter zu: Während die Zahl der inkontinenten Männer und Frauen im Alter von bis zu 40 Jahren bei sechs Prozent liegt, ist es bei den über 60-Jährigen schon fast jeder Vierte, der mit unkontrolliertem Harnverlust kämpfen muss. Allein für Behelfsmittel wie Windeln, Betteinlagen und Katheter werden pro Jahr europaweit 2,96 Milliarden Euro ausgegeben.

Vor allem Frauen sind von der Funktionsstörung betroffen - viermal häufiger als Männer. «Die Ursachen sind unterschiedlich. Am häufigsten sind die Belastungsinkontinenz und die Dranginkontinenz», sagt Schumacher im Rahmen des gerade zu Ende gegangenen Urologenkongresses in Leipzig. Während Frauen überwiegend an Belastungsinkontinenz leiden, treibt die Dranginkontinenz bei Männern ihr Unwesen.

Wenn der Beckenboden nachgibt

Die Folgen? Wie der Name schon sagt, verliert der Betroffene bei jeder noch so kleinen Anstrengung wie Lachen, Niesen oder Husten unkontrolliert Urin. Bei der Dranginkontinenz hingegen kann die Blase den Harn nicht mehr ausreichend speichern. Schon bei einer geringen Blasenfüllung wird dem Betroffenen das Gefühl gegeben, als sei sie voll. Die Folge ist ein plötzlicher Harndrang, der nur schwer zu unterdrücken ist. Der Drang beim Mann wird in den meisten Fällen durch eine vergrößerte Prostata hervorgerufen.

Beim zarten Geschlecht macht hingegen insbesondere einer mit der Zeit schlapp: der Beckenboden. Denn im Vergleich zu Männern haben Frauen ein breiteres Becken, aber schwächere Muskeln im Beckenboden. Dieser verliert beispielsweise während oder nach einer Schwangerschaft deutlich an Elastizität. Studien zufolge hat rund jede zweite Frau in den ersten zwölf Monaten nach der Entbindung eine Blasenschwäche - 42 Prozent davon die Belastungsinkontinenz.

Denn bei der Geburt muss der Beckenboden fast schon Unmenschliches aushalten. So erhöht sich das Risiko, je länger die Wehen andauern. Hat das Kind zudem über vier Kilogramm Gewicht, wird es im wahrsten Sinne des Wortes richtig schwer. Muss außerdem bei der Entbindung instrumental eingegriffen werden, ist die Inkontinenzrate zehnmal höher, wie Professor Schumacher deutlich macht.

Kaiserschnitt hemmt Harnschwäche

Wie gut, wenn die Geburt durch einen Kaiserschnitt erfolgt. Auch wenn die Sectio viele Nachteile hat, für den Beckenboden ist sie jedoch von Vorteil. Und der Kaiserschnitt liegt voll im Trend: Während im Jahr 1991 sich 15,3 Prozent aller Schwangeren dem Eingriff unterzogen, so war es im Jahr 2010 schon jede Dritte.

Kaiserschnitt
Zu fein zum Pressen
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Zwar entscheiden sich die Damen letztendlich für die Methode, um den Geburtsschmerz zu umgehen und das Risiko für das Kind zu minimieren. Jedoch folgt der Wunsch, eine Belastungsinkontinenz zu verhindern, gleich dahinter. Den Kaiserschnitt aber als Prävention anzusehen, lehnen Schumacher und seine Kollegen ab. «Eine Sectio ist ohne Evidenz ethisch nicht zu rechtfertigen», macht der Experte deutlich.

«Fat gleich wet?»

Was den Professor noch mehr beunruhigt, ist die zunehmende Zahl der Übergewichtigen in Deutschland. Denn durch zu viel Pfunde erhöht sich auch der Druck auf den Beckenboden. Der Urologe nennt es provokant «fat gleich wet» (fett gleich nass). Aber die Daten geben ihm Recht: «Eine kalorienreiche Ernährung erhöht das Inkontinenzrisiko um das Dreifache», so Schumacher. Andersrum: Wer sein Gewicht um bis zu zehn Prozent verringere, halbiere die Anzahl der wöchentlichen Inkontinenzepisoden.

Umso wichtiger wird hier die Prävention. Denn auch hier gilt: Vorbeugen ist besser als heilen. Vor allem dem zarten Geschlecht rät Schumacher: «Sorgen Sie für Normalgewicht durch gesunde Ernährung und mehr Bewegung durch den richtigen Sport.» Der Experte empfiehlt Sportarten, in der ruckartige Bewegungen vermieden werden: Radfahren, Schwimmen, Nordic Walking und Yoga. Sportarten wie Tennis, Squash und andere Ballspiele eignen sich nicht.

Doch eine Übung legt er den Damen besonders ans Herz: Das Beckenboden-Training, das speziell bei Belastungsinkontinenz wirken soll. Dreimal fünf Minuten täglich reichen Schumacher zufolge aus, um die Muskulatur langfristig zu stärken. Dabei lernen die Patientinnen, die Muskelgruppen willkürlich zu kontrahieren und zu entspannen. Als kompetente Ansprechpartner haben sich dabei in den vergangenen Jahren die interdisziplinären Zentren der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft bewährt.

Liege aber eine Harnschwäche schon vor, so gibt es neben dem Beckenboden-Training zahlreiche Therapien. Professor Heinz Kölbl von der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft zufolge sind es bis zu 300 Varianten. So kann bei einer Belastungsinkontinenz beispielsweise ein kleiner Eingriff helfen: Um die Harnröhre zu stützen, wird ein Band darum gelegt. Eine andere Therapieform ist die Gel-Injektion. Mehrfach unterspritzt der Arzt von der Scheide aus die Harnröhre mit einem Hydrogel. Dadurch verengt sie sich, die Schließmuskel dichten auch bei Belastung wieder ab. Erfreulich: Die Kosten beider Methoden werden von den Krankenkassen übernommen.

Wer unter Dranginkontinenz leidet, der kann von einem implantierten Schrittmacher profitieren, der die Funktion der Blase steuert. Zudem kann der Arzt bei einer Blasenspiegelung das Medikament Botulinumtoxin - auch als Botox bekannt - spritzen, welches die Muskel lähmt. Die Wirkung hält etwa ein Jahr. Auch das zahlt die Kasse.

Neues aus der Forschung

An der Klinik für Urologie in Tübingen wird derzeit fieberhaft an einer zellbasierten Therapie geforscht, die bei Belastungsinkontinenz helfen soll. Ziel ist es, in sechs Jahren eine Methode zu entwickeln, bei der nadelfrei implantierte Muskelzellen den Schließmuskelbereich verstärken soll. Die Zellen sollen dabei per Endoskop und luftdruckgesteuert zielgenau und dosiert eingeführt werden.

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loc/news.de

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