Behandlungsfehler Ärzte schneiden sich ins eigene Fleisch

Die medizinische Qualität in Deutschland leidet, wie Ärzte mittlerweile selbst eingestehen. Europaweit hinken sie hinterher. Die Probleme sind dabei hausgemacht: Unnötige Behandlungsfehler, weil es Defizite in der Aus- und Weiterbildung gibt. Die Urologen gehen jetzt in die Offensive.

Besuch beim Doktor: Das macht einen guten Arzt aus

In fast allen Bereichen gibt es Qualitätsmanagement, um Fehler zukünftig einzudämmen: Stürzt ein Flugzeug ab, wird die Black Box ausgewertet, um die Absturzursache zu finden. Schaltet sich ein Computer von selbst ab, zeigt beim späteren Hochfahren das Protokoll an, wo der Fehler lag. Und in der Medizin? Fehlanzeige.

Wie viele ärztliche Kunstfehler jedes Jahr in Deutschland passieren, lässt sich nur schätzen. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK), der Anfang September seine Zahlen vorgestellt hat, erfasst nur einen Teil der Behandlungsfehler. Denn Patienten können Ärzte auch direkt verklagen oder sich an die regionalen Ärztekammern wenden. Selbst dem Bundesgesundheitsministerium liegen keine konkreten Zahlen vor. Die Spanne liege zwischen 40.000 und 170.000 Fällen von Behandlungsfehlern pro Jahr.

Zwar ist der Arzt nicht immer selbst für den Pfusch verantwortlich - ein nicht unerheblicher Teil der Fälle geht auf eine schlechte Pflege zurück. Macht aber deutlich: Die medizinische Qualität in Deutschland leidet.

Auf dem Kongress der Urologen in Leipzig wurde Tacheles geredet. Und die Deutsche Gesellschaft der Urologie (DGU) sowie der Berufsverband der Deutschen Urologen (BDU) wiesen auf Missstände hin, wo der Laie nur noch den Kopf schüttelt.

Die Probleme sind hausgemacht. Und die liegen vorwiegend in der Ausbildung, wie DGU-Präsident Professor Stefan Müller kritisiert. Das fange schon vor dem Studium an. «Der Zugang zum Studium wird über Abiturnoten und länderspezifische Bonus-Systeme geregelt, ohne die wirkliche Motivation und Befähigung der Bewerber zu berücksichtigen», erklärt der Direktor der Klinik für Urologie am Uniklinikum Bonn.

Gerade die Urologie hat im Vergleich zu anderen Fachrichtungen «Nachwuchssorgen». Wobei der Versorgungsbedarf durch den demographischen Wandel stets zunimmt. Müller kritisiert, dass sein Fachgebiet in der Approbationsordnung nur eine untergeordnete Rolle spielt. «Wir haben zu wenig Zeit, die Studenten an die Urologie heranzuführen», so der Tagungspräsident.

Als noch bedenklicher sieht er die Studienordnung an, die mit zu viel Theorie überfrachtet ist. Und Prüfungen, in denen der Student im Multiple-Choice-Verfahren seine Häkchen setzt, hält Müller schlichtweg für praxisfremd. Auch wenn der Student die Tests mit Bravour besteht, so bleibt eine entscheidende Frage völlig unbeantwortet: Ist er auch ein guter Arzt? Und hat er das Potenzial, ein noch besserer zu werden?

Nur eine Unterschrift reicht

Deutschland leistet sich ein System, das mittlerweile seines Gleichen sucht. Denn: «Für die operative Qualifikation eines Urologen zum Beispiel gibt es keine nachvollziehbaren Qualitätskriterien außer der Unterschrift des weiterbildenden Arztes auf einem Blatt Papier», erklärt Müller das Dilemma.

Um als Facharzt zu arbeiten, reicht nach fünf Jahren Ausbildung nur die Unterschrift sowie eine bestandene mündliche Prüfung vor einer der 16 Landesärztekammern. Danach kann er operieren wie er will. Und wird nie wieder kontrolliert. Ohne überhaupt festzustellen, ob er ein guter Operateur ist.

Kein Wunder, dass Deutschland im europaweiten Vergleich weit zurück liegt. Die schriftliche und auch mündliche Prüfung für den europäischen Facharzt sei Müller zufolge inzwischen in vielen Ländern auch national als Facharztprüfung akzeptiert. Die Schweiz geht da noch weiter. Dort müsse vor der Kommission sogar operiert werden.

Dass sich in der Bundesrepublik etwas ändern muss, zeigen die Daten, die auf dem Kongress veröffentlicht worden sind. Nach einer kompletten Prostataentnahme waren nur ein Drittel der Patienten in den ersten Wochen nach dem Eingriff kontinent - nur die Hälfte aller Kliniken hat es geschafft, dass die Betroffenen ihren Harndrang unter Kontrolle hatten.

Die Fachverbände fordern daher ein schnelles Umdenken. Und sprechen sich dafür aus, dass die angehenden Fachärzte während ihrer Ausbildung anhand von Testbögen bewertet werden müssen. Und ihnen gegebenenfalls nahelegen, doch nicht Operateur zu werden.

Mehr Sicherheit für die Patienten

Um bis dahin die Sicherheit der urologischen Patienten zu verbessern, geht der Berufsverband in die Offensive. Und setzt auf eine internetbasierte Fehlerplattform namens CIRS (Critical Incident Reporting-System). Es wird von der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung propagiert und vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) betreut. Die Ärzte, die einen Pfusch zugeben, bleiben aber anonym. Und müssen keine Konsequenzen fürchten.

Auf den ersten Blick hört sich das kontraproduktiv an, hat aber klare Vorteile, wie Wolfgang Bühmann überzeugt ist. «Das ist wie mit schlechten Schulnoten. Ist wiederholt eine schlechte Arbeit geschrieben worden, wird sie aus Angst vor den Eltern verschwiegen», erklärt der Pressesprecher des Berufsverbandes. Genau jenes Muster des Verschweigens, das es bisher im deutschen Gesundheitswesen gibt. Noch ein Aspekt ist entscheidend: «Ein Arzt wird nie öffentlich einen Fehler zugeben, weil sonst zahlt die Haftpflichtversicherung nicht», so Bühmann.

Laut internationaler Datenlage kommt es bei bis zu zehn Prozent aller Patienten zu einem unerwünschten Zwischenfall im Krankenhaus – ein Prozent davon sind schwerwiegend, die mitunter tödlich enden. Fast die Hälfte der Komplikationen wären vermeidbar, wie der Schweizer Professor Daniel Scheidegger überzeugt ist. Er ist der Konzeptgeber von CIRS.

Die Ursachen sind vielfältig und meist eine Kombination aus Arbeitsbelastung, Ausbildung, Überwachung und mangelnder Kommunikation. Umso wichtiger wird es, auch den kleinsten Fehler oder Beinahe-Schäden zu melden. Damit nicht andere den gleichen Fehler begehen.

Und so geht's: Die CIRS-Version für Urologie ist leicht zu handhaben: Alle Fehler oder kritische Ereignisse werden verschlüsselt online über spezielles Gerichtsformular gesendet. Das ÄZQ prüft die Anonymisierung und gibt den Bericht frei. CIRS-Fachleute analysieren dann den Bericht und verfassen einen ebenso anonymisierten Kommentar als Feedback, der allen Nutzen zum Lesen zur Verfügung steht. Und natürlich zum Lernen.

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Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Elster
  • Kommentar 3
  • 06.10.2012 10:30

Manche werden schon im Auswahlverfahren zielgerichtet angenommen .Die haben Beziehungen .Diejenigen sind verwundert ,daß Mathe auch dabei ist .Muß ein Arzt ja auch können .Als Arzt muß man fachlich gut sein ,ein Gespür für den Menschen haben .Achtung eines Menschens ist sehr wichtig ,dies spürt der Patient sofort .Jeder Mensch kann was ,alle auf seinem Gebiet.Bringt der Arzt die Achtung des Patienten über,hat er sofort Vertrauen gewonnen .Ist sehr wichtig ,bei der Behandlung der Krankheit .

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  • Bärbel Elstermann
  • Kommentar 2
  • 05.10.2012 19:27
Antwort auf Kommentar 1

Dann hast Du gute Ärzte gehabt ,die etwas Können und dies auch unter Besweis stellten . Aber es gibt auch Ärzte ,die nicht rechtens handeln.Ich hatte einen Neurologen ,der meine Person verletzte . Er log auch noch und ordnete dem Hausarzt nicht zu, wo ich jetzt wohne daß er mich in die Klapse bringen wollte-es wurde sogar vor Gericht verhandelt und habe gegen den Arzt gewonnen . . Erst jetzt habe ich wieder Vertrauen zu den Ärzten .Habe hier auch gute Erfahrung gemacht mit den Ärzten in Halle / Saale.

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  • Toni Häring
  • Kommentar 1
  • 04.10.2012 14:20

Eine Armee von Ärztinnen und Ärzten hatten mir mindestens DREIZEHN mal mein Leben gerettet, mich etliche Male aus dem Reiche der Schatten wieder nach München zurück geholt. Ärzte haben bei mir den allerhöchsten Stellenwert!

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