Kinesio-Tape Zum Trend geklebt

Kinesio-Tapes
Gut geklebt ist halb gewonnen
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Von news.de-Redakteur Andreas Schloder
Es ist farbenfroh, klebrig und derzeit überall im Leistungssport zu finden: Kinesio-Tape. Kaum ein Sportler will bei zwickenden Muskeln und Gelenken darauf verzichten. Doch bei dem wilden Geklebe bleibt die Frage: Wunderwaffe oder Placebo?

Ob die Wade von Bastian Schweinsteiger, der Rücken von Italiens Fußballzicke Mario Balotelli oder der Bauch von Beachvolleyballerin Kathrin Holtwick - sie alle sind behaftet. Und zwar mit bunten Tapes. Wild und ohne Logik aufgeklebt, so scheint es wenigstens.

Kinesio-Tapes sind nicht mehr aus dem Leistungssport wegzudenken. Spätestens bei den Olympischen Spielen wurde dem Zuschauer bewusst, dass es den Tape-Verband in allen Formen und Farben gibt. Auch immer mehr Durchschnittssportler und Normalbürger lassen auf der Straße durchblicken, dass sie getapt sind. Ein Verband, der zum Trend geklebt worden ist.

Kinesio-Tapes werden zur idealen Waffe gegen zwickende Muskeln, Sehnen und Gelenke hochstilisiert: Die elastischen Pflasterstreifen sollen Schmerzen lindern, Entzündungen hemmen und den Heilungsprozess ankurbeln. Die Methode wurde bereits in den 1970er Jahren vom japanischen Chiropraktiker Kenzo Kase im Rahmen der Kinesiologie entwickelt - einem alternativem Heilverfahren. Gemäß der chinesischen Medizin soll es eine Einheit zwischen Muskeln und Organen bilden.

In der Schulmedizin wird die klebrige Methode nüchterner betrachtet. Angesichts der aktuellen Ausmaße im Profisport sieht Professor Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln nicht nur bei den Farben Rot. «Mir wurde kürzlich ein hautfarbenes Tape mit Mustern gezeigt. Wie ein Tattoo quasi. Es wird immer verrückter», schüttelt der Sportwissenschaftler den Kopf.

Wissenschaftlicher Nutzen fehlt noch immer

Einerseits kann der Experte aus Köln nachvollziehen, dass die Pflaster-Streifen - wenn sie richtig aufgeklebt werden - für eine höhere Elastizität der Muskeln und Sehnen sorgen. Auch die Hautrezeptoren würden dadurch stimuliert. Quasi eine Art Dauermassage.

Andererseits bleiben die Tapes eines noch immer schuldig: «Die wissenschaftliche EvidenzFaktische Gegebenheit. Muss durch wissenschaftliche Studien belegbar sein. durch Studien fehlt», erklärt Froböse. Und der Sportwissenschaftler ist überzeugt: «Es bleibt ein Trend, da die Sportler die Verbände nicht häufiger brauchen als früher.» Vielmehr sieht er eine Gefahr darin, dass sich die Sportler zu stark daran gewöhnen. Und ein Gewöhnungseffekt im Leistungssport wirke sich nicht immer positiv aus. Also doch ein Placebo?

Froböses abschreckendstes Beispiel, wie weit der Trend geht, ist die Beachvolleyballerin Katrin Holtwick. Bei den Olympischen Spielen in London trug sie ein Tape-Meisterwerk am Bauch, das nach Ansicht des Sportwissenschaftlers einer Krake ähnelte. «Das machte medizinisch gesehen überhaupt keinen Sinn, da die Muskelstränge quer verlaufen», erläutert Froböse.

Er ist sich ziemlich sicher, dass der Hype um die Tapes in einigen Jahren vorbei sein wird. Das wäre nicht das erste Mal, dass sportliche Helfer schnell wieder in der Versenkung verschwinden. Bestes Beispiel dafür: Das Nasenpflaster in den 1990er Jahren, welches die Atmung beim Sport erleichtern sollte.

Nicht selbst Hand anlegen

Die Tapes gibt es mittlerweile auch rezeptfrei in der Apotheke. Sogar mit einer Anleitung, um sich selbst behandeln zu können. Doch davon rät Froböse ab: «Man kann sich nicht selbst kleben, weil der Laie die Anatomie seines eigenen Körpers nicht gut genug kennt.» Damit die Streifen aber überhaupt wirken, müssen sie exakt in der richtigen Position und Körperhaltung mit genau dem richtigen Zug auf bestimmte Muskelpunkte geklebt werden. Und da sollten lieber Ärzte und Physiotherapeuten Hand anlegen.

Wer sich solch einer Behandlung unterziehen will, sollte genügend Kleingeld mitnehmen. Viele Therapeuten bieten das Taping als Zusatzleistung an. Pro Sitzung entstehen Kosten von bis zu 20 Euro, die von den Krankenkassen nicht getragen werden. Wer beispielsweise eine Reizung an der Achillessehne behandeln lassen will, muss mit bis zu sechs Sitzungen rechnen – also bis zu 120 Euro dafür berappen.

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ham/loc/news.de

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