Kindesmisshandlung Wenn Ärzte zu Ermittlern werden

Das Schütteltrauma bei Kleinkindern ist eine der häufigsten Formen von Misshandlung - und eine der gefährlichsten. (Foto)
Das Schütteltrauma bei Kleinkindern ist eine der häufigsten Formen von Misshandlung - und eine der gefährlichsten. Bild: dapd

Andreas SchloderVon news.de-Redakteur
Pro Jahr werden in Deutschland rund 4000 Fälle von Kindesmisshandlung angezeigt. Doch zu häufig bleibt es nicht bei blauen Flecken. Vor allem das Schütteltrauma bei Kleinkindern endet oft tödlich. Dabei ist es schwierig, die Grenze zwischen Unfall und Gewalt zu erkennen - außer im Röntgenbild.

Die Tageszeitungen sind voll mit Schreckensgeschichten über Kindesmisshandlungen. Gerade der aktuelle Fall Eddie aus Leipzig, der im Alter von drei Monaten von seiner Mutter tot geschüttelt worden sein soll, zeigt das Ausmaß der täglichen Gewalt. Pro Jahr werden über 4000 Übergriffe auf Deutschlands Nachwuchs polizeilich erfasst. Doch Kinderschutzorganisationen gehen von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus.

Während Knochenbrüche, blaue Flecken oder Verbrennungen noch sichtbare Anzeichen der Gewalteinwirkung sind, geht von unsichtbaren Verletzungen an Kopf und Gehirn eine deutlich größere Gefahr aus. Von allen Folgen körperlicher Aggression gegen die Kleinen können sie entweder tödlich enden oder bleibende Behinderungen hinterlassen.

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Experten sprechen hier vom Schädel-Hirn-Trauma - bei Kleinkindern vom sogenannten Schütteltrauma. «Das Schütteltrauma ist eine der häufigsten Folgen nach Misshandlung. Meist müssen es Babys im Schreialter, also zwischen zwei und sechs Monaten, erleiden», sagt Angelika Seitz, Oberärztin im Bereich Pädiatrische Neuroradiologie des Universitätsklinikums Heidelberg.

Nur jedes dritte Schütteltrauma wird rechtzeitig erkannt

Ein Schütteltrauma entsteht, wenn das Kind am Brustkorb gehalten und massiv durchgeschüttelt werde, wobei der kleine Kopf unkontrolliert den Bewegungen ausgesetzt ist. Die Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie (DGNR) sind entsetzlich: Jedes vierte Schädel-Hirn-Trauma wurde gewaltsam ausgelöst. Bei den unter Zweijährigen sind es sogar 75 Prozent aller Fälle. Doch nur bei einem Drittel der Fälle wird dies auch erkannt.

Denn äußerlich hinterlässt die Schüttelattacke kaum Spuren. Vor allem Laien können die Symptome danach nur schwer einschätzen. Die Kinder seien nach DGNR-Angaben schläfrig oder geistig abwesend. Zudem müssten sie sich mehrmals übergeben und litten unter Krampfanfällen.

Doch wie wird Kindesmisshandlung aufgedeckt? Da kommen die Röntgenärzte ins Spiel, denn die Hirnverletzungen lassen sich meist erst durch bildgebende Verfahren feststellen - also durch Aufnahmen im MRTDie Magnetresonanztomographie, auch als Kernspintomographie bezeichnet, gehört zu den bildgebenden Verfahren. , CTDie Computertomographie (CT) liefert Schichtaufnahmen vom Körper, die mithilfe von Röntgenstrahlen und eines Rechners erstellt werden. oder im Ultraschall. «Die Schädigungen, die wir dann entdecken, variieren je nach Schwere des Schütteltraumas», schildert Seitz und fügt hinzu: «Am häufigsten lassen sich Subduralhämatome, also Blutergüsse unter der Hirnhaut, oft mehrfach und dann unterschiedlichen Alters feststellen.»

In 60 bis 95 Prozent der Fälle folgen dem Schütteltrauma noch Netzhautblutungen, denn durch die Wucht reißen Blutgefäße in den Augen ein. Die Kombination von sogenannten mehrzeitigen Subduralhämatomen und Netzhautblutungen sei Seitz zufolge typisch für das Schütteltrauma: «Ein solches Verletzungsmuster ist bei Unfällen praktisch ausgeschlossen.»

Blutergüsse über Wochen sichtbar

Eine Misshandlung wird umso wahrscheinlicher, wenn die Bildgebung Gewaltspuren der Vergangenheit ans Tageslicht bringt. Im MRT sind die Subduralhämatome nach Seitz' Angaben oft mehrere Wochen, andere typische Verletzungsfolgen des Gehirns selbst durch Sauerstoffmangel oder Schwerverletzungen lebenslang sichtbar.

Wenn die Untersuchung in der Röhre frühzeitig angeordnet wird, kann sie eine durch die von Verletzungen hervorgerufene Störung des Sauerstoff-Kohlendioxid-Austausches in den Blutgefäßen feststellen. Nur eine schnelle Diagnose kann schwere Organschäden oder gar den Tod verhindern.

Auch wenn die Befunde aus der Radiologie die eindeutigsten Beweise für Kindesmisshandlungen liefern: das größte Problem bleibt immer noch, es anzusprechen. Denn der Verdacht darf nur im Zusammenhang mit einer körperlichen Untersuchung und der Befragung der Eltern geäußert werden. Ein mehr als heikles Thema, das viel Fingerspitzengefühl erfordert.

Richtig handeln bei Verdacht von Kindesmisshandlung

Da Gewalt gegen die Kleinen meist in der eigenen Familie ausgelebt wird, sind die Opfer auf Hilfe von außen ausgewiesen. Dennoch ist die Hemmschwelle groß, die Polizei oder das Jugendamt über mögliche Missstände beispielsweise bei den Nachbarn zu informieren.

Die Bedenken sind klar. Wer will schon die Pferde scheu machen, denn nicht hinter jedem blauen Fleck steckt eine Kindesmisshandlung. Noch dazu: Wie steht man da, wenn sich der Verdacht nicht bestätigt hat? Die folgenden Tipps sollen helfen, die Hemmschwelle zu senken - damit häusliche Tyrannen keine Chance mehr haben:

Am Verhalten der Kinder kann man viel ablesen. Zwar sind sichtbare Verletzungen ein deutliches Signal für Gewaltanwendung. Doch die können sie mit Kleidung abdecken. Wenn ein Kind selbst im heißen Sommer lange Hosen und Hemden trägt, könnte das ein Indiz sein.

Psychische Verletzungen hingegen hinterlassen kaum sichtbare Spuren. Umso wichtiger ist es, das Verhalten der Kleinen richtig zu deuten. Ist ein Kind plötzlich besonders aggressiv oder zieht sich komplett aus seinem Umfeld zurück, könnte das auf den sozialen Missstand deuten. Machen sich außerdem ein gravierender Leistungsabfall und Konzentrationsmangel bemerkbar oder das betroffene Kind beginnt wieder, sich einzunässen, sollten die Erzieher oder später die Lehrer alarmiert sein.

Gerade den Bildungseinrichtungen kommt eine Schlüsselrolle zu. Lehrer sind wie Erzieher gesetzlich dazu verpflichtet, bei Verdacht tätig zu werden. In Absprache mit der Leitung der Einrichtung sollten sie zunächst mit den Eltern reden und gegebenenfalls fachliche Beratung vorschlagen. Ist Gefahr im Verzug für das Kind, muss das Jugendamt verständigt werden. Die Polizei einzuschalten, ist nicht zwingend notwendig.

Bei Beratungsstellen und dem Jugendamt werden solche Fälle auf Wunsch vertraulich behandelt. Keine der Stellen ist zur Anzeige verpflichtet. Wird jedoch bei der Polizei ein Verdacht angezeigt, muss strafrechtlich ermittelt werden. Wer sich davon abschrecken lässt, der kann auch den Verdacht anonym melden. Generell gilt aber: Lieber einmal zu viel anrufen als gar nicht. Zum Schutz von Kindern, die sich nicht wehren können.

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loc/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Elster
  • Kommentar 1
  • 16.09.2012 11:10

Hatte es mit vielen Kindern zu tun . Nicht ein Kids kann sagen ,daß ich es schlug .Körperliche Züchtigung ist strafbar und gemein von einem erwachsenen Menschen.

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