Organspendeskandal ...und schuld bist du!

Leben oder Tod
Prominente Organspender und -empfänger

Von Carsten Hoefer
Im Skandal um die Manipulation von Lebertransplantationen ist zwischen Ärzten und Behörden eine erregte Debatte um die Schuldfrage entbrannt. Gesundheitsminister Daniel Bahr will die Streitköpfe Ende August zu einem Gipfel ins Ministerium zitieren.

Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery hat die Schuldigen am Organspendeskandal schon identifiziert: Die bayerischen Behörden sollen es gewesen sein. Die ärztliche Selbstverwaltung habe 2005 einen Manipulationsfall in Regensburg entdeckt, die Behörden hätten aber nichts unternommen. «Niemand hatte auch nur die Spur eines Interesses, diesen Fall damals zu verfolgen», sagte Montgomery im rbb-Inforadio.

Montgomery hat eine politische Agenda - er zieht sofort den Sinn staatlicher Kontrolle der Ärzte in Zweifel: «Ich halte überhaupt nichts von einer staatlichen Aufsicht oder von staatlichen Gremien», meinte er in einem zweiten Interview mit der Zeitung Die Welt.

Das ist eine ziemlich steile These, für die Montgomery bislang nicht einmal in der ärztefreundlichen FDP Anhänger findet. Würde der Bankenverband aus einem nicht entdeckten Finanzskandal den Schluss ziehen, eine staatliche Aufsicht über die Bankbranche sei völlig überflüssig - öffentliche Empörung wäre garantiert. Doch für das Ansehen der deutschen Ärzteschaft ist der Fall des mutmaßlich kriminellen «Doktor O.» schädlich. Montgomery versucht nun, die Verantwortung sofort an Politik und Justiz weiterzureichen.

Lebertransplantation in Jordanien

Tatsächlich waren Behörden und Justiz in Bayern damals keineswegs untätig - allerdings verkannten sie die Tragweite des Falls. Es ging seinerzeit darum, dass der beschuldigte Oberarzt jordanische Patienten auf die europäische Warteliste für Lebertransplantationen gesetzt haben soll und eine Leber in Jordanien transplantierte. «Das Sozialministerium hat den Vorgang unverzüglich an die Staatsanwaltschaft Regensburg zur Prüfung weitergeleitet», sagt Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP).

Die Staatsanwaltschaft Regensburg leitete ein Ermittlungsverfahren ein, das aber wieder eingestellt wurde. Laut Staatsanwaltschaft war das Verhalten des Arztes nicht strafbar gewesen, sondern eventuell eine Ordnungswidrigkeit. «Da die jetzt bekannten Verdachtsfälle völlig anders gelagert waren, sind diese im damaligen Verfahren nicht untersucht worden. Im Licht der heutigen Erkenntnisse ist dies tragisch», sagt Heubisch nun.

Bei den jetzigen Ermittlungen geht es in der Tat um etwas ganz Anderes: Der Arzt soll Krankenakten manipuliert haben, um seine eigenen Patienten kranker erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich waren. So rückten sie auf der europäischen Warteliste für Transplantationen nach vorn - obwohl andere Patienten eine neue Leber wahrscheinlich schneller gebraucht hätten.

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