Familie Gefahrenquelle Haushalt - Was bei einer Vergiftung zu tun ist

Berlin - In jedem Haushalt befinden sich unzählige giftige Stoffe, die auf den ersten Blick harmlos wirken. Ob jemand eine Vergiftung hat, ist für Laien oft nur schwer zu erkennen.

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Gefahrenquelle Haushalt - Was bei einer Vergiftung zu tun ist Bild: dpa

Giftnotrufzentralen bieten rund um die Uhr Hilfe.

In den deutschen Giftnotrufzentralen klingelt das Telefon im Minutentakt. Da hat die alte Frau, weil sie schlecht sieht, aus Versehen mit Nagellackentferner mundgespült, das Kleinkind die «Bonbons» aus Mamas Medikamentenkästchen geschluckt oder der Jugendliche Trennungsschmerz mit Alkohol bekämpft. «Wir haben es täglich mit den verschiedensten Vergiftungsfällen zu tun, wobei ein großer Teil von ihnen sich in der häuslichen Umgebung ereignet», erklärt Daniela Acquarone vom Giftnotruf Berlin.

Zuhause findet sich weit mehr Giftiges, als den meisten bewusst ist: angefangen bei Reinigungsmitteln und Giftpflanzen über verdorbene Lebensmittel bis zu Alkohol und Medikamenten. «Genau genommen ist nichts harmlos. Jede Substanz kann in einer bestimmten Dosis giftig sein, sogar Wasser», erklärt Peter Sefrin von der Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands. Trinke man in kurzer Zeit übermäßig viel, zerstöre das den Salzhaushalt des Körpers und könne im Extremfall zum Tod führen.

Vergiftungen mit Wasser machen aber nur einen Bruchteil der rund 200 000 Vergiftungsfälle aus, die es pro Jahr in Deutschland gibt. Ähnliches gilt für Schlangen- und Pilzgift und viele weitere Substanzen. Relativ häufig dagegen sind Lebensmittel-, Brandgas- und Alkoholvergiftungen sowie Unfälle mit Haushaltsreiniger, Toilettenartikeln und Co.: «Durch sie kommt es sehr oft zu Giftnotfällen - vor allem bei Kindern, weil die sie wegen ihrer Optik oder ihres Geruchs für ess- oder trinkbar halten», sagt Prof. Thomas Zilker, Toxikologe von der TU München.

Spitzenreiter sind jedoch Medikamente. Experten zufolge sind sie für den Großteil der Giftnotfälle bei Erwachsenen verantwortlich und auch bei Kindern ganz weit oben anzusiedeln. «Wobei es sich bei den Arzneimittelvergiftungen im Erwachsenenalter meist um Suizidversuche handelt, während Kinder sich beinahe ausschließlich versehentlich vergiften - etwa, weil sie denken, bunte Pillen wären Bonbons», sagt Zilker.

Die Gefährlichkeit und die Stärke einer Vergiftung hängt von vielen Faktoren ab: etwa davon, wie giftig ein Stoff ist, von seiner Dosis und von der Dauer, die der Betroffene ihm ausgesetzt war. Außerdem spielt dessen körperliche Verfassung und die Art eine Rolle, in der die giftige Substanz auf ihn eingewirkt hat: «Beispielsweise ist es für ein Kleinkind weniger gefährlich, eine Zigarette zu essen, als eine Flüssigkeit zu trinken, in der über Nacht Zigarettenkippen lagen», erklärt Acquarone. Grund sei, dass das Nikotin dann in gelöster Form vorliege und so schneller aufgenommen werde.

«Je nachdem, welches Gift auf welchem Weg in den Körper gelangt, kann jedes Organ angegriffen und geschädigt werden», erklärt Sefrin. So kann das Einatmen von Chlordämpfen zu Lungenproblemen führen, eine Überdosis Paracetamol die Leber angreifen und der blaue Eisenhut beim Verzehr zu Herz-Kreislauf-Versagen führen. Dementsprechend gibt es auch kein unverkennbares Leitsymptom, das auf eine Vergiftung hinweist.

Selten ist ein spezifisches Anzeichen, das auf den Verursacher hindeutet - etwa erweiterte Pupillen, schneller Puls und roter Kopf als Reaktion auf Tollkirschengift. «Häufig sind Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Atem- und Kreislaufstörungen und Bewusstseinstrübungen», erklärt Acquarone. Daneben gibt es noch viele andere Symptome, die von einer Vergiftung herrühren können.

Das macht es gerade für den Laien schwierig, eine Vergiftung zu erkennen. Dennoch gibt es einige hilfreiche Verdachtsmomente: etwa ein plötzliches Eintreten der Beschwerden aus voller Gesundheit heraus sowie das parallele Erkranken mehrerer Personen, die etwas gemeinsam haben - zum Beispiel denselben Arbeitsplatz oder dieselbe Speisenfolge. Oder Hinweise in der Umgebung, ergänzt Zilker: eine leere Pillendose oder Giftpflanzenreste zum Beispiel.

Besteht Verdacht auf eine Vergiftung, sollte man sich Hilfe vom Fachmann holen. Hausmittel können gefährlich sein: So beschleunigt etwa Milch die Wirkung mancher Gifte. Das aktive Herbeiführen eines Übergebens kann zur Folge haben, das Erbrochenes in die Luftröhre gelangt und der Betroffene in Atemnot gerät.

Ist die betroffene Person bei Bewusstsein und soweit stabil, heißt es: den Giftnotruf anrufen und den Fall detailliert schildern. «Wichtig sind Alter, Geschlecht und Gewicht des vermeintlich Vergifteten und genaue Angaben zu seinem Zustand. Wenn möglich, sollten zudem die vergiftende Substanz, ihre Menge und der Aufnahmezeitpunkt genannt werden», betont Sefrin.

Davon ausgehend erfährt der Anrufer, was zu tun ist: zum Beispiel, ob medizinische Maßnahmen nötig sind oder der Notarzt kommen sollte. Ist jemand bewusstlos oder leidet er unter Atemnot, besteht akute Lebensgefahr. Dann sollte sofort die Notrufnummer 112 gewählt werden.

Liste Giftnotrufzentralen

Infos zum Thema Vergiftungen der Toxikologischen Abteilung der TU München

Bundesamt für Risikobewertung zu Vergiftungen

Broschüre zu Vergiftungsunfällen bei Kindern

Infos zu Vergiftungen vom Netzwerk deutscher Apotheker

Giftnotrufzentren

Giftnotrufzentren bieten Laien und medizinischem Fachpersonal schnelle und kompetente Hilfe in Vergiftungsfällen und Vergiftungsverdachtsfällen. Die Notrufzentralen sind rund um die Uhr besetzt und befinden sich unter anderem in Berlin, Bonn, München und Göttingen. Gemeinsame Nummer ist die 19240 mit der jeweiligen Vorwahl. Die genauen Kontaktdaten finden stehen im Internet.

news.de/dpa

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