Korr-Inland Diagnose Multiple Sklerose: Ein Tanz wird zum Lebenselixier

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Diagnose Multiple Sklerose: Ein Tanz wird zum Lebenselixier Bild: dpa

Potsdam - Multiple Sklerose ist die Krankheit mit den 1000 Gesichtern - und eine harte Diagnose. In Potsdam ertanzt sich eine Frauengruppe das Leben.

Eine Therapie ist es vielleicht am Rande. Den Frauen geht es um Kunst.

Immer wieder aufstehen. Die Bewegung als Maß aller Dinge. Schon eine Drehung des Körpers oder eine Kniebeuge kann Schmerzen auslösen. Vielleicht werden Beine, Arme oder Hände nicht machen, was der Kopf will. Die Frauen in der Potsdamer Tanzgruppe «Pangea.unique dance» sind in ihrer Bewegung eingeschränkt, mit ihren Gedanken, Gefühlen und Sehnsüchten bewegen sie hingegen eine ganze Welt.

«Das Leben ist zu kurz, um es zu vergeuden», sagt die 51 Jahre alte Sybille Gutsch. Die frühere Lehrerin aus Potsdam leidet an einer heimtückischen Krankheit: Multiple Sklerose. Die, die sich auskennen, reden nur von MS. Wer MS hat, kann im Rollstuhl landen - Schicksal von knapp fünf Prozent der Betroffenen. Auch die anderen müssen sich Zeit ihres Lebens arrangieren - mit verschiedenen Einschränkungen. Erschöpfung, fehlende Motorik, Schwindelgefühl, Sehschwäche oder spastische Lähmungen. MS ist die Krankheit mit den 1000 Gesichtern.

«Pangea.unique dance» sind sieben Gesichter hinter der Krankheit. Das Ensemble entstand 2009 und hat sich nach dem Urkontinent Pangea benannt. Bis vor etwa 150 Millionen Jahren hingen die Landmassen noch zusammen, kein Meer trennte das heutige Europa von Amerika oder Afrika von Australien. Der Mensch war noch kein Thema, die Erde eine Einheit. Für die Pangea-Frauen hat das eine symbolische Bedeutung. Der Urkontinent stellt eine Welt ohne Grenzen dar, ohne Barrieren, Ungerechtigkeit und Geringschätzung.

Jetzt, kurz vor der Premiere ihres neuen Projektes, kommt zu den Beschwerden ein neues Symptom hinzu: Lampenfieber. Die Frauen habe ihr Programm «133 000 + 7 Gesichter» genannt. Rund 133 000 Menschen in Deutschland leiden an der unheilbaren Krankheit. Nicht alle Frauen sind bei jeder Probe dabei. Wenn ein Schub kommt - so heißt die Phase, in der sich MS akut zurückmeldet - muss das Ensemble Ausfälle verkraften. Heute sind fünf Frauen gekommen. Sybille Gutsch ist nur eingeschränkt bewegungsfähig, hat eine Flexüle im Arm.

«Ich bin im Moment im akuten Schub, vollgepumpt mit Kortison», sagt die Frau und lächelt. Es gehe ihr gut, weil sie das Medikament «Full Speed» habe durchlaufen lassen. Gutsch gesteht, ein bisschen am Rädchen gedreht zu haben, immer wenn der Arzt mal aus dem Zimmer ging. Normalerweise läuft das Medikament mehr als zwei Stunden durch den Tropf. Aber Gutsch wollte unbedingt pünktlich zur Probe da sein. Denn das Stück, das Tänzerin Anne Gieseke mit den Frauen einstudiert, funktioniert wie ein Uhrwerk an Bewegungen und lebt von Präzision.

Vier Stühle stehen in einer Reihe, zwei gegenüber. Aufstehen, setzen, seitliche Körperdrehung. Die Hände greifen in die Luft, dann sind die Körper in einer lässigen Sitzhaltung völlig entspannt. Zu Beginn, bei der «Trockenübung» ohne Musik, wirken die Bewegungen roboterhaft. Doch als beim zweiten Durchgang elektronische Klänge die Abläufe untermalen, fließen die Bewegungen anders, bekommt die Choreografie Fluss. Die Frauen müssen ihr inneres Metronom anstupsen, jeder Takt zählt für den richtigen Einsatz.

Das ist leichter gesagt als getan. Vor allem dann, wenn der Kopf nicht ganz frei ist, Schmerzen oder die Angst vor Schmerzen die Abläufe behindern. «Hetz' mich nicht», ruft Henrike Vogel ihren Mittänzerinnen zu. Der Spruch ist zum Teil der Inszenierung geworden. Ursprünglich hatte Vogel ihn tatsächlich so gemeint, als sie bei einer Probe irgendwann nicht mehr hinterherkam. «Wir kommen immer mal wieder an diesem Punkt», sagt Gieseke. Wenn etwas nicht gehe, werde es einfach geändert. «Tanz gibt so viele Möglichkeiten der Bewegung.»

Anfangs hatte Anne Gieseke, die an der Palucca Schule in Dresden Tanzpädagogik studierte und später im niederländischen Arnhem noch ein Studium für Choreografie und Bühnentanz absolvierte, durchaus Berührungsängste. Sie wusste nicht, welche Belastungen für MS-Kranke möglich sind und ob ihnen das alles auch gut tut. Inzwischen weiß sie, dass sie mit den Pangea-Frauen umgehen kann wie mit anderen Schülern auch. «Ich arbeite nicht therapeutisch mit den Frauen, sondern künstlerisch. Das ist unser Anspruch.»

Ganz nebenbei wirkt das Tanztraining für die meisten auch körperlich wohltuend. «Wenn sie die Muskeln bewegen, sollen sie zumindest die richtigen bewegen», meint Gieseke. Die Arbeit mit Pangea empfindet sie als zutiefst befriedigend. «Eine solche Dankbarkeit gibt es ja anderswo gar nicht mehr. Die Frauen vertrauen mir. Ich kann viel geben und bekomme ganz viel zurück», beschreibt die 27-Jährige. Dass bei den Proben viel gelacht wird, ist ein schöner Nebeneffekt.

«Bewegung, und sei es noch die kleinste, ist Leben. Uns vereint die Leidenschaft zum Tanz. Wir lernen durch Tanz unseren Körper neu kennen. Diese Körperlichkeit bringt uns das Gefühl der Weiblichkeit, der Leidenschaft zurück», beschreibt Gutsch. «Was der Tanz in uns bewirkt, sind Emotionen; aufgestaute Ängste können wir raus lassen. Es klingt verrückt, aber ohne MS hätte ich diese wunderbaren Frauen nie kennengelernt und auch die Sicht auf das Leben hat sich verändert.»

Sybille Gutsch und die anderen sind dankbar dafür, dass Gieseke mit ihrer Arbeit den Betroffenen eine neue Welt eröffnet hat. «Wir stärken Ausdauer und Kognition. Wir trauen uns mehr zu, sind offener im Umgang mit unserer Erkrankung geworden, selbstbewusster. Wir wollen uns nicht verstecken. Wir haben die Freude und das Lachen neu entdeckt.» Übereinstimmend berichten die Frauen, dass der Tanz Beschwerden gemildert oder wenigstens stabilisiert hat. Manche haben sich erst jetzt einen Kindheitstraum erfüllt - den vom Tanzen.

Der Tanz ist eine vielschichtige Kunst, braucht ein perfektes Zusammenspiel von Kraft, Eleganz, Rhythmusgefühl, Ausdrucksstärke, Musikalität, Emotionen und Gespür für den anderen. «Es ist nicht selbstverständlich, dass MS-Kranke dieses vielschichtige Konstrukt zusammensetzen können», sagt Gieseke. Denn die Erkrankung habe Tücken, die ein Tanzen im künstlerischen Sinn fast unmöglich machen. «Es gibt MSler, die Felswände hoch klettern und mit dem Fallschirm springen», sagt Gutsch. Aber von MS-Tänzern habe sie noch nie gehört.

Gutsch erhielt ihre Diagnose 1998, nachdem sie zwei Jahre lang ein Arzt zum anderen schickte. «Am Anfang war ich in einem Schockzustand, dann kam die Verdrängung, ich dachte: Die haben sich alle geirrt, mir geht's gut.» Sie machte weiter wie bisher. Es war ein langer Prozess, das anzunehmen. Im Moment, sagt Gutsch, sei sie mit sich im Reinen. «Ich sage mir: Die MS ist meine bucklige Verwandtschaft. Die habe ich mir nicht ausgesucht, die werde ich auch nicht mehr los. Deshalb muss ich sehen, wie ich mit ihr klar komme.»

Anfangs hätten ihr Mann und ihre zwei Söhne sie in Watte packen wollen. «Setzt dich hin, mach dieses, mach jenes. Das war auch eine schwierige Sache, denen das beizubringen und zu sagen: Hallo, ich bin nicht tot.» Heute nimmt Gutsch mehr am Leben teil als viele Zeitgenossen, die kein MS haben. Nur manchmal kommt der Rollstuhl zum Einsatz, sie nennt ihn liebevoll «Freund und Begleiter». Auch ihre Freundinnen würden gelegentlich von ihm profitieren. «Die müssen sich nirgendwo anstellen, wenn ich mit meinem Rolli dabei bin.»

Sigrid Kemena (49) gehört erst seit einem halben Jahr zu Pangea. Die Betriebswirtschaftlerin hat zuletzt bei der Deutschen Bahn gearbeitet - bis es nicht mehr ging. 2001 wurde ihre MS festgestellt, ständige Erschöpfung hatten sie schon vorher. Ein akuter Schwindelanfall stürzte sie in Verzweiflung. «Ich dachte, ich habe einen Hirntumor und nur noch ein halbes Jahr Zeit.» Über die Diagnose MS sei sie sogar erleichtert gewesen. Selbsthilfegruppen sind bis heute nicht ihr Ding. Auf das Tanzen will sie aber keinesfalls verzichten, auch Klavierstunden gehören nun zum Alltag.

Simona Schubertová, eine gebürtige Pragerin, beschreibt MS als Berg- und Talfahrt. Die 50-Jährige hat in Tschechien Krankenschwester gelernt, mit MS war sie jedoch nie in Berührung gekommen - bis zu ihrem eigenen Fall. Den ersten schweren Schub erlebte sie Ende 2002. «Der Arzt sagte: Sie haben MS. Da brach für mich eine Welt zusammen. Ich habe ein Jahr gebraucht, um das richtig zu verkraften, mich damit auseinanderzusetzen und einen neuen Weg einzuschlagen. Am Ende stand die Akzeptanz.» Schubertová ist überzeugt davon, dass man sich mit der Krankheit arrangieren kann.

Nur bei der richtigen Dosis an Belastung fehlt ihr immer noch das Gespür. «Ein Akku im Handy braucht vielleicht zwei Stunden zum Aufladen, bei mir dauert das zwei Tage oder mehr», sagt Simona Schubertová. Ein MS-Kranker könne immer nur spontan planen, weil vieles von der Tagesform abhänge. «Wenn es mir gut geht, nehme ich mir meist zuviel vor und dann kippt die Form ganz schnell. Das Tanzen sieht sie als Training für Geist und Körper. «Es ist angenehm anstrengend und gut fürs Gedächtnis, man muss sich ja viel merken.»

Am 19. und 20. Mai will Pangea die «133 000 + 7» Gesichter im gläsernen Pavillon auf der Freundschaftsinsel in Potsdam aufführen. Dort können auch Leute von draußen zuschauen, die den direkten Kontakt scheuen. Dabei ist MS nicht ansteckend - nur der Lebensmut vieler Betroffener. Fast scheint es, als wäre beim Umgang mit MS die Öffentlichkeit der Patient. «Wenn ein MS-Kranker in den Medien auftaucht, sitzt er immer im Rollstuhl», ärgert sich Gutsch und nennt ihre Botschaft so: «Leute mit MS, geht raus und habt ein Leben.»

Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft

news.de/dpa

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • sigrid simon- glinka
  • Kommentar 1
  • 01.11.2012 16:52

Oh, ich bin ganz aufgeregt..........der Artikel hat mich sehr angesprochen. Im Mai 2012 wurde bei mir MS diagnostiziert. Ich liebe Bewegung ( Tanz ) . Bin 56 Jahre jung und haette ganz grosses Intresse Euch als Tanzgruppe kennenzulernen. Geht das ? Freue mich auf Antwort Sigrid

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