Pein im Kreuz Die wichtigsten Tipps bei Rückenschmerzen

Muss ein Bandscheibenvorfall immer operiert werden? Sollte man Rückenschmerzen mit Medikamenten behandeln? Welche Sportart hilft als Vorbeugung? An unserem Lesertelefon beantworteten die Experten Ihre Fragen.

Die Wirbelsäule ist der Dreh- und Angelpunkt unseres Bewegungssystems – und muss im Laufe unseres Lebens viel aushalten. Bewegungsmangel, einseitige Belastungen oder auch seelischer Stress machen ihr zu schaffen, die Folge sind häufig quälende Rückenschmerzen.

Fast jeder Bundesbürger ist mindestens einmal im Leben davon betroffen, laut Robert Koch-Institut ist die Pein im Kreuz hierzulande die häufigste Schmerzform. Welche Strategien die Medizin gegen Rückenschmerzen bereithält, welche Sportarten die Rumpfmuskeln stärken und was Sie Ihrem Rücken sonst noch Gutes tun können, wussten die Experten an unserem Lesertelefon. Hier das Wichtigste zum Nachlesen:

Wie entstehen Rückenschmerzen eigentlich genau?

Dr. med. Peter Kaisser: Meist liegen die Auslöser für Rückenschmerzen in unseren Alltagsgewohnheiten: Wir sitzen und stehen zu viel und bewegen uns zu wenig – das schwächt die Rückenmuskulatur und begünstigt Fehlhaltungen. Die Folge sind Verspannungen, die Druck auf die Nervenbahnen ausüben und Entzündungen verursachen. Die damit verbundenen Schmerzen lösen einen Teufelskreis aus weiteren Fehlhaltungen, Bewegungsblockaden und Verspannungen aus. Nur bei einem kleinen Teil der Patienten stecken schwerwiegende körperliche Ursachen wie Infektionen, ein akuter Bandscheibenvorfall oder Tumore hinter den Schmerzen.

Stimmt es, dass auch Stress und seelische Probleme Rückenschmerzen verursachen können?

Dr. med. Björn Bersal: Aktuelle Studien zeigen, dass Sorgen, Stress und seelische Probleme häufig mit Rückenschmerzen zusammenhängen. Seelische Spannungen können die Rückenmuskulatur verhärten, was Spuren im Stütz- und Bewegungsapparat und im Schmerzempfinden hinterlässt.

Einfache Übungen
Rückenfit im Büro

Wann sollte ich zum Arzt gehen?

Dr. Bersal: Ein Rückenschmerz, der in die Beine ausstrahlt, sollte immer schnellst möglich ärztlich abgeklärt werden, da hier ein Bandscheibenvorfall oder eine Entzündung der Wirbelgelenke vorliegen könnte. Ein isolierter Rückenschmerz ist dagegen meist durch eine stark verspannte Rückenmuskulatur bedingt. Eine organische Ursache lässt sich hier nicht immer finden, so dass wir dann von unspezifischen Rückenschmerzen sprechen – diese machen etwa 85 Prozent aller Fälle aus. Sollte sich dieser Schmerz nicht binnen weniger Tage bessern, ist es auch hier ratsam, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Wie sieht die moderne Therapie von unspezifischen Rückenschmerzen aus?

Dr. med. Jörg Döhnert: Idealerweise sollte bei unspezifischen Rückenschmerzen ein sogenanntes multimodales Behandlungskonzept eingeleitet werden – eine Therapie, die auf unterschiedlichen Säulen ruht und so der Komplexität des Schmerzgeschehens gerecht wird. Orthopädische und physiotherapeutische Therapien kommen zum Einsatz, um Bewegungsblockaden zu lösen und die Rückenmuskulatur gezielt zu stärken. Seelischen Belastungen kann mit Entspannungstechniken oder psychotherapeutischen Maßnahmen begegnet werden, die passgenaue Schmerzmedikation verbessert Lebensqualität und Bewegungsfähigkeit und die Gabe spezieller Nerven-Nährstoffe kann angegriffene Nerven darin unterstützen, sich zu regenerieren.

Ich wusste gar nicht, dass geschädigte Nerven, die Schmerzen verursachen, «repariert» werden können...

Dr. Döhnert: Unser Körper besitzt die Fähigkeit, geschädigte Nerven des peripheren Nervensystems in gewissem Umfang zu reparieren. Dieser Prozess läuft von Natur aus relativ langsam ab. Er kann aber beschleunigt werden, wenn wichtige Nervenbausteine, die sogenannten Pyrimidinnukleotide, von außen zugeführt werden. Die Vitamine B12 und Folsäure unterstützen diesen Regenerationsprozess.

Muss ein Bandscheibenvorfall immer operiert werden?

Dr. Döhnert: Nein, eine Operation ist in der Regel nur dann notwendig, wenn es infolge des Bandscheibenvorfalls zu Ausfallerscheinungen wie Missempfinden in den Beinen, Lähmungen oder einer gestörten Blasenfunktion kommt. Bestehen keine Ausfallerscheinungen, kann ein Bandscheibenvorfall auch konservativ behandelt werden.

Wie funktionieren Entspannungstechniken genau?

Dr. Kaisser: Mit Hilfe von Entspannungstechniken können Rückenschmerzpatienten lernen, muskuläre Verspannungen zu bemerken und willentlich zu lösen. Bewährt hat sich hier besonders die sogenannte Progressive Muskelentspannung, die vor über 50 Jahren von dem amerikanischen Arzt Edmund Jacobson entwickelt wurde. Das Grundprinzip dieser Methode beruht auf einer kurzzeitigen, kräftigen Anspannung einzelner Muskelgruppen, die anschließend bewusst gelockert wird. So wird eine deutliche Spannungsabnahme hervorgerufen, die mit der Zeit eine allgemeine körperliche und seelische Entspannung bewirkt.

Können akute Muskelverspannungen auch medikamentös behandelt werden?

Dr. Kaisser: Ja, in einer akuten Situation können Muskelverspannungen kurzfristig mit sogenannten Muskelrelaxantien behandelt werden. Das sind Medikamente, die entspannend auf die Muskulatur wirken. Bei den modernen Präparaten sind Nebenwirkungen, wie starke Müdigkeit oder Benommenheit, auch deutlich reduziert. Für den langfristigen Einsatz sind sie allerdings nicht geeignet – hier sind die Entspannungstechniken uneingeschränkt zu empfehlen.

Wo kann ich die Progressive Muskelentspannung erlernen?

Dr. Bersal: Rückenzentren, Physiotherapeuten, Volkshochschulen oder freie Bildungswerke bieten Kurse zum Erlernen der Progressiven Muskelentspannung an. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen häufig einen Großteil der Kosten – fragen Sie am besten direkt bei Ihrer Kasse nach einem anerkannten Anbieter in Ihrer Nähe. Im Handel bekommen Sie außerdem Bücher und Audio-CDs, mit denen Sie die Übungen selbst erlernen können. Hier finden Sie die Broschüre Progressive Muskelentspannung und weitere Tipps zum kostenfreien Download.

Sollte ich mit meinen Rückenschmerzen eine Rückenschule besuchen?

Uwe Rückert: Um die Rückenmuskulatur langfristig zu stärken und nachhaltig etwas für die Gesundheit Ihres Rückens zu tun, ist der Besuch einer Rückenschule sehr zu empfehlen. Rückenschulen arbeiten mit einem multimodalen Konzept – in die Behandlung sind also therapeutische Ansätze, wie die Physiotherapie, Sporttherapie oder Entspannungstherapien integriert. Die gesetzlichen Krankenkassen stellen bundesweit ein Angebot an Rückenschulen für ihre Versicherten bereit – und übernehmen nach Rücksprache auch die Kosten.

Welche Sportarten sind bei Rückenschmerzen besonders zu empfehlen?

U. Rückert: Rückenschwimmen, Aquajogging, Nordic Walking oder Radfahren sind Sportarten, die gut für Ihre Wirbelsäule sind. Im Winter ist auch Skilanglauf ein hervorragendes Training für Wirbelsäule, Bein- und Rumpfmuskulatur. Wichtig ist, dass Sie regelmäßig Sport treiben und Überlastungen vermeiden.

Was kann ich im fortgeschrittenen Alter für meinen Rücken tun?

Uwe Rückert: Die Progressive Muskelentspannung ist für Menschen jeden Alters geeignet. Des Weiteren gibt es schonende Rückengymnastik oder Yogakurse, die speziell auf die Bedürfnisse älterer Menschen ausgerichtet sind. Wichtig ist auch, dass Sie im Alltag auf rückenschonende Haltungen und Bewegungen achten: also dynamisches Sitzen, bei dem Sie häufig die Haltung wechseln, beim Bücken in die Hocke gehen und beim Stehen und Liegen ein Hohlkreuz vermeiden.

Das waren unsere Experten am Lesertelefon:

Dr. med. Jörg Döhnert; Facharzt für Neurochirurgie, Praxisklinik Am Johannisplatz, Leipzig

Dr. med. Björn Bersal; Facharzt für Orthopädie, Völklingen

Dr. med. Peter Kaisser; Facharzt für Orthopädie, München

Uwe Rückert;Facharzt für Orthopädie, Oberarzt an der Rehaklinik Damp

mik/news.de

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Luisa
  • Kommentar 2
  • 24.03.2012 23:48

Was ist denn eine Physiothermsitzung, wenn ich fragen darf? Davon habe ich noch gar nichts gehört... Klingt aber auf jeden Fall spannend!

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  • Birgit
  • Kommentar 1
  • 23.03.2012 23:03

Rückenschmerzen gehören auf jeden Fall immer vom Arzt abgeklärt, bevor man viel Selbsthilfe zu tätigen versucht - damit kann man sich nur noch mehr schaden. Was immer gut ist, ist Wärme, also etwa Physiothermsitzungen oder warme Bäder - damit kann man nichts anrichten und es entspannt, was oft schon alleine hilft. Für die Psyche ist es auch gut und auch die kann eine Ursache für Rückenschmerzen sein. Wenn das allerdings nichts hilft, dann unbedingt anschauen lassen und erst dann weiterbehandeln.

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