Telemedizin Gesundheitskontrolle auf Knopfdruck

In die Röhre gucken war gestern. Heute leisten TV-Geräte mehr, als nur zu flimmern. Man kann mit ihnen Podcasts empfangen, Apps herunterladen, im Internet surfen und 3D-Filme downloaden. Seit neuestem dienen sie auch medizinischen Zwecken. Wie das funktioniert, erklärt news.de.

Fernseher (Foto)
Gesundheitskontrolle per Fernseher. Bild: dapd

Für die 63-jährige Renate Weiland ist morgens vor allem eines wichtig: den Fernseher bis 10 Uhr einzuschalten. Doch für sie geht es dann nicht darum, Seifenopern oder Morgenmagazine zu schauen. Die Wiesbadenerin nimmt am Projekt zum «ambient assisted living» teil. Ihr dient es zur Kontrolle des Blutdrucks - per Fernbedienung gibt sie täglich ihre Werte und das Gewicht ein.

Nun soll das Projekt weiter ausgebaut werden. Geplant ist eine Umstellung von der Eingabe der Werte per Hand auf automatische, drahtlose Bluetooth-Übertragung. Technisch auf dem neuesten Stand müssen die Teilnehmer am Wiesbadener Projekt «WohnSelbst» indes nicht sein. Waage und Blutdruckmessgerät werden gestellt, als Steuerzentrale für die medizinischen Angaben reicht ein Fernseher. Über eine Maske geben die Probanden derzeit noch mit der Fernbedienung je nach Erkrankung ihre Werte ein: BlutdruckHypertonie Puls, Gewicht, Blutzucker.

Die Daten gehen an ein Kontrollzentrum, das bundesweit solche Dienste anbietet. Dort werden die Werte überwacht und bei Abweichungen Kontakt mit dem Patienten aufgenommen, wie Armin Hartmann, Partner im Projekt unter anderem für die Horst-Schmidt-Kliniken (HSK), erläutert.

Ein weiterer Projektbeteiligter ist die Wiesbadener Wohnungsbaugesellschaft (GWW). Sie verspricht sich von der Initiative vor allem eine langfristige Bindung ihrer Mieter. «Wir können sagen, dass wir nicht nur eine Wohnung vermieten, sondern auch Dienstleistungspakete mit anbieten können», sagt Berthold Bogner, GWW-Bereichsleiter «Leben und Wohnen im Alter».

Tägliche Kontrolle der Daten

Weiland hat hohen BlutdruckNormal sind Blutdruckwerte unter 140/90 mmHg. Bei der Hypertonie sind diese Werte deutlich erhöht. und Probleme mit dem Herzen. Sie gibt deswegen in ihren Fernseher jeden Morgen nicht nur ihren aktuellen Blutdruck und ihr Gewicht ein, sondern füllt zudem einen Fragebogen aus. Der möchte etwa wissen, ob die Schuhe noch passen oder ihr schwindelig ist. Das sei schon manchmal etwas stressig, da sie ja auch noch berufstätig sei, sagt die Verkäuferin.

Die 63-Jährige schätzt das System vor allem als eine Art Kontrollinstanz. «Es animiert dazu, regelmäßig Blutdruck zu messen. Das habe ich vorher schon ein bisschen schleifen lassen.» Zudem fühlt sie sich ein bisschen sicherer, weil die Werte so oft überprüft werden. Aber sie sei ohnehin jemand, der regelmäßig zum Arzt gehe.

Den Gang zum Hausarzt und den persönlichen Kontakt kann das System nicht ersetzen - und soll es auch nicht, wie Holger Strehlau, Sprecher der Geschäftsführung der HSK-Gruppe betont. Es gehe vielmehr um eine Unterstützung und eine Zusammenarbeit mit dem Hausarzt bei der Diagnose und Behandlung.

Antrag auf weitere Förderung gestellt

Bei den Patienten hat das 2009 gestartete Projekt zunächst allerdings nicht wie erhofft eingeschlagen. Zumindest in Wiesbaden wurden die anvisierten80bis 100 Probanden nicht erreicht. Deshalb wurde das Angebot auf Taunusstein ausgeweitet, wo es nach Angaben der Projektpartner besser angenommen wird. «Die medizinische Versorgungsqualität wird auf dem Land vielleicht subjektiv schlechter wahrgenommen», vermutet Strehlau. Entsprechend sei der Bedarf für Telemedizin höher.

Das Stadt-Land-Gefälle ist ein wichtiger Rückschluss für das Projekt, dessen Förderung eigentlich in einem halben Jahr ausläuft. Um weitere Erkenntnisse zu erlangen, wurde laut Strehlau ein Antrag auf weitere sechs Monate Förderung beim Bundesforschungsministerium gestellt.

Langfristig soll das Angebot aber ohne Unterstützung auskommen, sich als Geschäftsmodell selbst tragen. Die Chance dazu sieht Strehlau vor allem in dem Ansatz, dass nicht nur die gesundheitlichen Daten aufgenommen werden, sondern das System auch Informationen zu Gesundheitsthemen, Angebote von örtlichen Dienstleistern oder einen Lieferdienst von Lebensmitteln umfassen kann. Die Profiteure sollten die Infrastruktur finanzieren, schlägt Strehlau vor, der die Patienten höchstens im niedrigen Euro-Bereich zur Kasse bitten möchte.

Anders sind Teilnehmer wohl ohnehin nur schwer zu gewinnen. In der Projektphase zahlen die Probanden jedenfalls nichts. Einige bekommen für ihre Teilnahme sogar monatlich einen Gutschein in Höhe von zehn Euro für eine Massage oder andere Leistungen mit Gesundheitsbezug. So auch Weiland, die auf die Frage, ob sie das Angebot weiter wahrnehmen würde, wenn es mit Kosten verbunden sei, eine deutliche und rasche Antwort gibt: «Klares Nein.» Dafür habe es ihr persönlich nicht genug gebracht.

rzf/sca/ham/news.de/dapd

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