Von news.de-Redakteur Andreas Schloder - 13.12.2011, 11.40 Uhr

Trauerbewältigung: Der Liebste geht, die Trauer bleibt

Es ist schwer, den Tod eines nahestehenden Menschen zu verarbeiten. Doch bei jedem Siebten heilt die Zeit keine Wunden. Dann gilt: Trauer macht krank. Wer gefährdet ist, lässt sich anfangs nur schwer erkennen.

Trennungsschmerz, der über Jahre anhält: Komplizierte Trauer führt die Betroffenen in die Isolation. Bild: dpa

Weihnachten steht vor der Tür: Viele Deutsche müssen den Heiligen Abend und die Feiertage zum ersten Mal seit langem ohne Partner oder Familie verbringen. Endgültig von Menschen Abschied zu nehmen, die einem ans Herz gewachsen sind, tut weh. Doch der Schmerz lässt normalerweise mit der Zeit in seiner Intensität nach - bei bis zu 15 Prozent aller Trauernden in der Bundesrepublik jedoch nicht.

Bei ihnen heilt die Zeit keine Wunden, der Trennungsschmerz ist genauso intensiv wie am ersten Tag. Und das über Monate bis Jahrzehnte hinweg. Psychologen sprechen von einer prolongierten, also verlängerten, Trauer.

Diese ist erst seit wenigen Jahren in den Fokus der Psychologie gerückt, zuvor gab es kaum Untersuchungen dazu. Der Grund ist einfach: Der Unterschied zwischen normaler und krankhafter Trauer ist in den ersten Wochen nach dem Verlust selbst für Experten schwer zu unterscheiden. Erst nach einem halben Jahr lassen sich die Symptome einer verlängerten Trauer feststellen.

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Kleinste Details reichen für Gefühlsausbruch

Kurz nach dem Ableben eines geliebten Menschen ist es Professorin Rita Rösner von der Ludwig-Maximilians-Universität in München zufolge normal, an den Verstorbenen zu denken und sich an schöne, gemeinsame Erlebnisse zu erinnern. Krankhaft Trauernde hingegen können ihre Gedanken selbst nach Jahren nicht aktiv steuern. Selbst kleinste Details reichen aus, um unkontrollierte Gefühlsausbrüche wie Weinen oder Schreien hervorzurufen - sei es der Name oder Bilder und Orte in einem völlig anderen Zusammenhang.

Die Hinterbliebenen können den Tod nicht akzeptieren, damit auch kein neues Leben beginnen. Der Weg in die Isolation ist die Folge, denn soziale Kontakte werden gemieden. Das kann auch dazu führen, dass das Grab nie aufgesucht wird oder aber das andere Extrem: jeden Tag. Manche sprechen auch noch täglich mit dem Verstorbenen, waschen seine Wäsche oder decken den Mittagstisch für ihn mit.

Doch wer ist gefährdet? Professor Hans Jörg Znoj von der Abteilung für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Bern zufolge können nur wenige offen ihre Ängste und Probleme ansprechen. So neigen viele dazu, diese mit Schlaftabletten oder Alkohol wenigstens in der Nacht für ein paar Stunden vergessen zu lassen. Ein Teufelskreis beginnt. «Festgestellt wird komplizierte Trauer häufig erst, wenn bereits andere psychische Erkrankungen das Leben des Betroffenen stark beeinträchtigen», wird der Experte in der Apotheken-Umschau zitiert. Dazu gehören Angst- und Panikstörungen sowie eine Sucht und Depression.

Hinterbliebene plagen Schuldgefühle

Zudem sind besonders Hinterbliebene betroffen, die schon vor dem Schicksalsschlag eine seelische Erkrankung hatten. Dabei spielt auch eine Rolle, wie der Vertraute ums Leben gekommen ist. Je dramatischer, umso schwieriger wird es, das Trauma zu überwinden. Denn die Zurückgelassenen kämpfen oft gegen Schuldgefühle an und hinterfragen, ob sie den Tod nicht verhindern hätten können.

Umso wichtiger ist es, die richtige Therapie zu finden. Der Schlüssel: Eine Verhaltenstherapie, denn verabreichte Medikamente wie Antidepressiva lindern Rosner zufolge nur die Symptome einer Depression, doch die Trauer bleibe. In der Therapie komme es darauf an, sich von Schuldgefühlen zu lösen und sich vom Toten zu verabschieden, aber gleichzeitig mit ihm verbunden zu bleiben.

kat/rzf/news.de

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