Hygiene Desinfektionsmittel braucht kein Mensch

Bakterienkiller sollen unsere Körper, Wäsche, Bad und Küche keimfrei machen und gesund halten. Doch der Schein trügt. Desinfektionsmittel sind überflüssig und schaden eher, als dass sie nützen. Weshalb, das weiß news.de.

Händewaschen (Foto)
Desinfektionsmittel brauchen gesunde Menschen nicht benutzen. Wasser und Seife reichen zum Händewaschen. Bild: DAK/iStockphoto

Keime gehören zum normalen Alltag dazu. Sie sitzen etwa an Türklinken, Tastaturen, in Kloschüsseln und können dort Wochen bis Monate überleben. Ein gefundenes Fressen für die Hygieneindustrie. Sie versucht uns in ihrer Werbung mit eklig aussehenden Toiletten, fiesen Comic-Killerkeimen und animierten Pilzsporen einen riesen Schrecken einzujagen. Überall lauere die krankmachende Keimgefahr - seit Neuestem sogar auf dem Seifenspender.

Damit sich keiner ansteckt und krank wird, braucht es die «Hygiene zum Wohlfühlen», heißt es in einem Werbespot einer großen Firma. Und so steht für möglichst keimfreie Zonen ein ganzes Waffenarsenal in den Regalen der Supermärkte und Drogerien: Allzweckreiniger für Fliesen, Spezialwaschmittel für die Unterwäsche und Seife mit Hygieneplus für die Hände.

Keimschleudern: Die Lieblingsplätze von Bakterien

Die Werbemasche lohnt: Viele Deutsche benutzen Desinfektionsmittel. Allein 2010 gingen 11,47 Millionen Produkte über den Ladentisch. 32,74 Millionen Euro gaben die Bundesbürger im vergangenem Jahr dafür aus. Das entspricht etwa 160 neuen Ferrari 458 Italia oder 106 Einfamilienhäusern im Wert von je 300.000 Euro. Dabei reichen warmes Wasser und normale Reiniger im Alltag völlig aus. «Die übertriebenen Hygienemaßnahmen sind in der Regel überflüssig», sagt Dr. Ute Helke Dobermann, Leiterin der Klinikhygiene am Universitätsklinikum Jena. Das gelte für alle Bereiche des täglichen Lebens wie Geschirrspülen, Wäschewaschen, Toiletteputzen oder die Körperhygiene.

Keime bekämpfen Keime

«Ein gesunder Mensch kommt mit den Erregern von außen gut zurecht», sagt Dobermann im Gespräch mit news.de. Denn auf der gesunden Haut sitzen bereits Keime, die zur physiologischen Hautflora gehören. Sie bekämpfen die sogenannten Kontaktkeime. «Das ist einfach erklärt: Wo schon etwas ist, kann kaum noch etwas hinzukommen», sagt die Expertin. Die Kontaktkeime hätten Dobermann zufolge fast keine Chance, sich dort über längere Zeit festzuhängen. «Das heißt, was ich da aufnehme, verliere ich schnell wieder an einer anderen Oberfläche.»

Im Umkehrschluss heißt das aber nicht, dass Menschen, die sich ständig die Hände desinfizieren, einer höheren Keimbelastung von außen ausgesetzt sind. Das hänge vor allem mit der Einwirkzeit zusammen. «Wer sich die Hände nur 30 Sekunden lang mit Desinfektionsmittel einreibt, unterstützt die schnellere Abtötung der Kontaktkeime. Erst nach zirka 90 Sekunden tötet man auch die Keime der Hautflora ab», erklärt die Medizinerin. Danach bestehe die Möglichkeit, dass sich Kontaktkeime ansiedeln. Zudem bekomme niemand die Haut gänzlich steril. «Ein paar Keime bleiben immer übrig», so Dobermann.

Außerdem schade ein Zuviel an Sauberkeit eher, als dass es nütze. Denn: «Keime sind ganz wichtig, da sie das Immunsystem schulen», erklärt die Expertin. Das Problem sei, dass man bei übertriebener Hygiene den Lerneffekt fürs Immunsystem wegnehme. Die Folgen sind unter anderem eine schwache Körperabwehr und Allergien.

Schaden die Produkte der Haut?

Vor allem Babys und Kleinkinder müssen Kontakt mit Krankheitserregern haben. «Anfangs sind die Kleinen noch durch die mütterlichen Antikörper geschützt, die sie mit der Geburt mitbekommen. Danach entwickelt sich das Immunsystem», sagt Dobermann. Es müsse die Keime kennenlernen. «Nur so wird es stark.» Dafür reicht der Medizinerin zufolge eine normale Grundsauberkeit aus. «Wir haben früher immer gesagt: Die gesündesten Kinder sind die, die im Dreck aufwachsen, und das ist auch oft der Fall», fügt sie hinzu.

Grundsätzlich schaden die Produkte sowie ihre häufige Anwendung der Haut nicht, erklärt Dobermann. «Bei uns im Krankenhaus desinfizieren wir uns ständig die Hände, ohne dass es Auffälligkeiten der Haut gibt. Die Mittel sind so aufgebaut, dass sie das Hautfett kaum angreifen, teilweise sogar noch rückfetten.»

In Ausnahmefällen sind Desinfektionsmittel nötig

Eine gezielte Desinfektion sei jedoch bei Personen mit besonderer Anfälligkeit für Krankheiten sinnvoll. «Personen mit Immunschwäche sowie Patienten, die eine Chemotherapie erhalten oder eine Organtransplantation bekommen haben, sollten da sehr auf spezielle Hygienemaßnahmen achten», so die Ärztin. Das könne auch sinnvoll sein, wenn bestimmte Gruppen vor speziellen Erregern geschützt werden sollen «wie Kleinkinder, bei denen man die normalen Hygienemaßnahmen so nicht voraussetzen kann».

In bestimmten Fällen können Keime auch gefährlich werden, wenn sie beispielsweise von Menschen stammen, die eine Infektion haben - wie EHEC oder Masern. Auch dann sind besondere Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen wichtig.

Wie sollte eine gesunde Hygiene aussehen?

Um Kontaktkeime wieder loszuwerden, reicht normales Waschen mit lauwarmem Wasser. «Wer möchte, kann das noch mit Seife unterstützen», rät die Ärztin. Das entfernt 90 bis 95 Prozent der oberflächlichen Mikroorganismen. Dobermann erachtet es als besonders wichtig, sich nach dem Gang zur Toilette gründlich die Hände zu waschen. Außerdem empfiehlt sie das Händewaschen nach Betreten der Wohnung. «Unterwegs fasst man viele Dinge an. Wer sich dann zu Hause mit den Händen an die Nase oder Augen greift oder etwas isst, überträgt die Keime an die Schleimhäute oder nimmt sie oral auf», erklärt die Expertin. Das kann zu Durchfall und anderen Erkrankungen führen.

Für den normalen Hausputz reichen Reiniger wie Spülmittel, Essig oder Neutralseife. Regelmäßig gereinigte Putzlappen, saubere Abfalleimer und ein mit warmem Essigwasser gereinigter Kühlschrank - mehr bedarf es im Grunde nicht. Wer am Arbeitsplatz für Sauberkeit sorgen will, greift ebenfalls auf warmes Wasser und Reiniger zurück.

Auch die Wäsche bedarf keines Extra-Bakterienkillers. «Normales Waschpulver bekommt die Kleidung auch bei 30 oder 40 Grad sauber und keimfrei. Außerdem sorgt der intensive mechanische Effekt der Waschmaschine ohnehin für saubere Wäsche», so Dobermann. Selbst wer eine Pilzinfektion hat, braucht kein Superwaschmittel. Ein Waschgang bei 60 bis 70 Grad reicht. «Das heißt natürlich nicht, dass die Waschmittel mit desinfizierender Wirkung das nicht könnten, aber nötig sind sie nicht.»

Für Stofftaschentücher hat die Medizinerin folgenden Tipp: «Gehen Sie nach dem Waschen mit dem Bügeleisen drüber. Das tötet auch den letzten Keim, da brauchen Sie die Tücher noch nicht einmal bei 90 Grad waschen. Im Trockner funktioniert das ebenfalls gut.»

eia/zij/news.de

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Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Johannes Kozuch
  • Kommentar 2
  • 06.09.2013 18:19

Unserer Meinung nach sind Desinfektionsmittel in der Gastronomie-Küche sogar wichtig. Dort lauern die meisten Keime und Bakterien. Für die Zubereitung sensibler Nahrungsmittel wie Eier, Geflügel oder Hackflesch sollte immer sofort nach jedem Arbeitsgang die Arbeitsplatte gewaschen und desinfiziert werden um eine Kreuzkontamination auszuschließen. Das gleiche gilt für Hände und Arbeitsgeräte.

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  • Hans-Jürgen Krein
  • Kommentar 1
  • 06.12.2011 16:24

Ihr Bericht ist nicht ungefährlich. Leider sind nicht alle Aussagen von Frau Dr. Dobermann richtig. Der alte Spruch "Dreck reinigt den Magen" trifft zwar bezüglich des Immunsystems zu, allerdings haben sich auch Bräuche geändert, was zum Teil zusätzliche Maßnahmen nötig macht. Die 30° Wäsche macht die Wäsche eben nicht keimfrei, wie eine Untersuchung des Hygiene-Instituts Gelsenkirchen aussagt.

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