Von news.de-Redakteur Andreas Schloder
Mehrmals täglich in den Finger stechen, um mit dem Bluttropfen den Zuckerwert zu kontrollieren. Das ist zwar für Diabetiker notwendig, aber schmerzhaft und lästig. Sie hoffen auf eine Kontrollmethode durch Tränen. Experten aber sind skeptisch.
Es ist noch Zukunftsmusik, aber eine vielversprechende. Millionen von Diabetikern, die mit einem Blutstropfen mehrmals täglich ihre Blutzuckerwerte kontrollieren, könnten bald eine Alternativmethode verwenden. Eine, die keine pochenden und zerstochenden Fingerkuppen hinterlässt. Sie funktioniert ganz einfach: mit Tränen.
Noch gibt es keinen Ersatz für den Pieks. Der Patient sticht sich mit einer Lanzette in den Finger, nimmt das so gewonnene Blut mit einem Teststreifen auf, wertet diesen im Blutzuckermessgerät aus und entscheidet, ob Insulin gespritzt werden muss oder nicht.
Ein Forscherteam aus Michigan hat jüngst jedoch in der Zeitschrift Analytical Chemistry Ergebnisse von Tests vorgestellt, in denen sie mit Hilfe eines elektrochemischen Sensors den Zuckerwert in Tränen bestimmen. Diesen Sensor setzten die Wissenschaftler in einer Testreihe bei zwölf Kaninchen ein.
Ziel war es herauszubekommen, ob der Glukosewert in Blut und Tränenflüssigkeit zusammenhängt. Die Versuchstiere wurden dafür betäubt und der Zuckergehalt über einen Zeitraum von acht Stunden alle 30 Minuten mit dem Tränen-Sensor und im Blut gemessen. Fazit: Die Zuckerwerte in Tränen und Blut stimmten überein. Allerdings räumten die Forscher ein, dass die exakte Korrelation von Tier zu Tier schwankte.
Ergebnis allein reicht nicht aus
Die vorgestellten Ergebnisse rufen nicht überall Freude hervor. Ernüchterung statt Euphorie herrscht bei der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG). «Am Thema Glukosebestimmung in der Tränenflüssigkeit wird schon seit vielen Jahrzehnten geforscht», erläutert Professor Andreas Fritsche, DDG-Pressesprecher aus Tübingen. DDG-Präsident Stephan Matthaei wird noch deutlicher: «Bevor Hoffnungen bei Patienten geweckt werden, sollten die Ergebnisse umfangreicherer Studien abgewartet werden.» So sehr die Gesellschaft jegliche Forschung in diese Richtung begrüße, liege ein verlässlicher und praktikabler Test in Tränen für Patienten doch noch in weiter Ferne, so Matthaei.
Pressesprecher und Diabetologe Fritsche gibt zu bedenken, dass es beim Messen des Blutzuckers besonders darauf ankommt, niedrige Werte zu erfassen. Denn diese weisen auf drohenden Unterzucker hin. «Man weiß noch nicht, ob Tränenflüssigkeit überhaupt dafür geeignet ist, Hypoglykämien frühzeitig zu erfassen.» Zudem sei bei vielen Patienten auch die nächtliche Blutzuckermessung wichtig. Auch hierfür gäbe es keine praktische Erfahrung mit Tränenflüssigkeit.
Auch wenn die Blutzuckermessung am Finger lästig ist, so kann sie relativ schmerzarm durchgeführt werden, wie die beiden Experten erklären. Sie empfehlen, den Stich für die Messung seitlich an der Fingerkuppe zu machen. Dort verlaufen viele Blutgefäße, aber nur wenige Nerven.
Vor dem Messen sei es zudem hilfreich, die Hände mit warmem Wasser zu waschen. Die Durchblutung werde dadurch angeregt und der Blutstropfen sei ausreichend groß. Einstichstelle, Finger und Hand sollten Patienten immer wieder wechseln. Es wird empfohlen, die Lanzette nach jedem Gebrauch zu wechseln.
mik/news.de