Sa., 26.05.12

Lesertelefon 10.11.2011 Diabetes im Griff

Diabetes  (Foto)
Der beste Schutz vor einer Diabetes-Erkrankung ist ein gesunder Lebensstil: Achten Sie auf eine vollwertige Ernährung mit wenig Fett und Zucker und sorgen Sie für regelmäßige Bewegung. Bild: dapd

Mit guter Schulung und Behandlung lässt sich Typ-2-Diabetes in den Griff bekommen. Diabetologen standen diesbezüglich unseren Lesern mit Rat zur Seite. Sehen Sie hier, welche Erkenntnisse die Experten verrieten und welche Tipps sie gaben.

Anlässlich des Welt-Diabetes-Tages 2011 drehte sich an unserem Lesertelefon alles um die Behandlung und Tipps für ein Leben mit Typ-2-Diabetes. Etwa sechs Millionen Menschen leben in Deutschland mit dieser Diagnose - und die Zahlen steigen weiter an. Ein schlecht eingestellter Blutzucker birgt das Risiko für schwerwiegende Folgeerkrankungen wie Schlaganfall, Nierenversagen oder Erblindung - gut behandelt können die Betroffenen jedoch ein aktives Leben führen. Hier das Wichtigste zum Nachlesen:

Warum wird Typ-2-Diabetes häufig erst spät erkannt?

Dr. Veronika Hollenrieder: Im Gegensatz zu Typ-1-Diabetes kann Typ-2-Diabetes über einen langen Zeitraum ohne Symptome verlaufen - oder die Symptome sind so mild, dass sie von den Betroffenen nicht wahrgenommen werden. Damit die Krankheit möglichst früh diagnostiziert wird, sollte jeder Mensch seine persönlichen Risikofaktoren kennen. Dazu zählen insbesondere eine familiäre Häufung von Diabetes-Fällen, deutliches Übergewicht oder erhöhte Leberwerte. Liegen Risikofaktoren vor, sollte der Hausarzt den Blutzucker regelmäßig kontrollieren. Symptome, die auf eine Diabetes-Erkrankung hindeuten, sind andauernder Durst, häufiger Harndrang, Mattigkeit und Infektanfälligkeit sowie Juckreiz, Heißhunger oder Sehstörungen.

Wie kann ich der Entstehung von Typ-2-Diabetes vorbeugen?

Dr. Daniela Petersen-Miecke: Der beste Schutz vor einer Erkrankung ist ein gesunder Lebensstil: Achten Sie auf eine vollwertige Ernährung mit wenig Fett und Zucker und sorgen Sie für regelmäßige Bewegung. Ernährt ein Mensch sich dauerhaft übermäßig fett- und zuckerreich, reicht die normale Insulinmenge irgendwann unter Umständen nicht mehr aus, um den Blutzuckerspiegel zu senken. Mangelnde Bewegung verstärkt das Problem - je weniger körperliche Aktivität, desto weniger Zucker wird verbrannt.

In meiner Familie kommen gehäuft Fälle von Typ-2-Diabetes vor. Gibt es eine erbliche Komponente?

Dr. Elmar Jaeckel: Ja, es gibt eine deutliche genetische Disposition. Wir wissen heute, dass Menschen, bei denen ein Elternteil an Typ-2-Diabetes erkrankt ist, ein Risiko von 40 Prozent für eine eigene Erkrankung haben - sind beide Elternteile betroffen, sind es sogar 60 Prozent. Wir können allerdings nicht vorhersagen, wer erkranken wird und wer nicht. Menschen mit einem erhöhten Krankheitsrisiko sollten ganz besonders auf viel Bewegung und eine gesunde Ernährung achten.

Diabetes Typ 2
Mit 600 Kalorien gegen zu viel Insulin
Video: AP

Was genau ist mit Ernährungsumstellung gemeint - dass ich nur noch spezielle Produkte für Diabetiker essen darf?

Hollenrieder: Nein, spezielle Produkte für Diabetiker bringen keinen gesundheitlichen Nutzen, sind aber deutlich teurer als herkömmliche Lebensmittel. Diabetiker können sich aus dem normalen Angebot an Nahrungsmitteln bedienen - lediglich die Mengen und die Zusammensetzung der Speisen sind etwas anders. Idealerweise ernährt sich ein Diabetiker möglichst ballaststoffreich, also mit viel Gemüse und Salat. Daneben haben Vollkornprodukte den Vorteil, dass sie den Blutzucker langsam ansteigen lassen, Weißmehlprodukte gilt es dagegen zu vermeiden. Bei Übergewicht ist eine fettarme Ernährung zu empfehlen. Eine ausführliche und maßgeschneiderte Beratung zum Thema Ernährung bieten Ihnen der Diabetologe und sein Team.

Aus Angst vor Unterzuckerungen nehme ich regelmäßig Zwischenmahlzeiten zu mir und meine Blutzuckerwerte sind häufig erhöht. Was kann ich tun, um die Situation zu verbessern?

Professor Oliver Schnell: Besprechen Sie das Problem auf jeden Fall mit Ihrem Arzt, eventuell könnte eine veränderte Medikation die Situation verbessern. Unterzuckerungen kommen häufig bei einigen der älteren Medikamente, wie den Sulfonylharnstoffen, vor. Denn sie zwingen die Bauchspeicheldrüse zur vermehrten Insulinabgabe - unabhängig vom tatsächlichen Blutzuckerwert. Moderne Medikamente, wie zum Beispiel DPP-4-Hemmer, wirken dagegen bedarfsgerecht: Insulin wird nur dann ausgeschüttet, wenn der Zucker zu hoch ist. Schwere Unterzuckerungen sollten auf keinen Fall auf die leichte Schulter genommen werden, denn sie können das Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben, um ein Vielfaches erhöhen.

Wie hoch ist ein «normaler» Blutzuckerwert?

Schnell: Aufschluss über den durchschnittlichen Blutzucker eines Menschen gibt der sogenannte HbA1c-Wert, eine Untergruppe des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin, an das sich Zuckerteilchen angelagert haben. Da ein rotes Blutkörperchen in der Regel eine Lebensdauer von etwa drei Monaten hat, spiegelt der HbA1c-Wert die durchschnittliche Blutzuckereinstellung in diesem Zeitraum wider - ist also gewissermaßen das «Blutzuckergedächtnis». Bei einem gesunden Menschen beträgt der HbA1c-Wert etwa sechs Prozent, unter einer erfolgreichen Diabetes-Therapie liegt der Wert im Allgemeinen unter sieben Prozent, beziehungsweise unter 6,5 Prozent. Der Diabetologe wird den HbA1c-Wert entsprechend der individuellen Situation auf einen für den Patienten idealen Zielwert einstellen.

Diabetes
Lebensrisiko Fußgeschwür
Video: CNN

Die alleinige Therapie mit Metformin reicht bei mir nicht mehr aus, um auf einen guten HbA1c-Wert zu kommen. Deswegen erhalte ich seit einigen Monaten zusätzlich einen Sulfonylharnstoff. Seitdem habe ich zugenommen - kann da ein Zusammenhang bestehen?

Jaeckel: Leider kommt es unter der Einnahme bestimmter Antidiabetika, wie den Sulfonylharnstoffen oder auch beim Insulin, bei vielen Menschen zu einer Gewichtszunahme. Die Behandlung mit einer Kombination aus Metformin und einem DPP-4-Hemmer, wie beispielsweise Sitagliptin, kann eine Alternative sein, mit der sich der Blutzucker ähnlich effektiv senken lässt wie durch die Kombination von Metformin und einem Sulfonylharnstoff - ohne dass die Patienten an Gewicht zulegen. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, welche Therapie für Sie am besten geeignet ist.

Außer meinen Antidiabetika hat mein Arzt mir noch Tabletten gegen Bluthochdruck und für den Fettstoffwechsel verschrieben. Muss ich die wirklich alle nehmen?

Jaeckel: Eine erfolgreiche Diabetes-Therapie ruht auf vier Säulen: einem gesunden Lebensstil und der optimalen Kontrolle von Blutzucker, Blutdruck und Cholesterin. Nur dann kann das Herzinfarktrisiko von Diabetikern effektiv gesenkt und eine gute Lebenserwartung erreicht werden. Wenn Sie unter Bluthochdruck und hohen Cholesterinwerten leiden, sollten Sie in jedem Fall die verordneten Medikamente einnehmen.

Wie kann ich durch Sport meine Erkrankung positiv beeinflussen und worauf muss ich dabei achten?

Petersen-Miecke: Generell eignet sich für Diabetiker eine Kombination aus Ausdauer- und Muskeltraining. Geeignete Ausdauersportarten sind beispielsweise Nordic Walking, Radfahren oder Schwimmen. Die positiven Effekte auf Herz und Kreislauf und die gezielte Muskelkräftigung steigern die Insulinempfindlichkeit der Zellen, so dass der Körper insgesamt weniger Insulin benötigt. Um Unterzuckerungen zu vermeiden, sollte das Training nicht mit zu niedrigen Blutzuckerwerten begonnen werden. Insulinpflichtigen Diabetikern rate ich, ihren Blutzucker vor, während und nach dem Training zu kontrollieren, um starke Blutzuckerschwankungen rechtzeitig zu erkennen. Nehmen Sie orale Antidiabetika, fragen Sie Ihren Arzt, ob Blutzuckermessungen während des Sports angezeigt sind. Für Notfälle sollten alle Diabetiker stets Traubenzucker dabei haben.

Ich bin mit meinem Diabetes bisher nur beim Hausarzt gewesen. Ist es ratsam, zusätzlich einen Diabetologen aufzusuchen?

Petersen-Miecke: Jeder Diabetiker sollte eine Diabetikerschulung erhalten, diese bieten neben Diabetologen zum Teil auch Hausärzte an. Bei Problemen mit der Blutzuckereinstellung oder Nichterreichen der Zielwerte ist der Besuch einer diabetologischen Schwerpunktpraxis ratsam. Hier können Sie viel umfassender zu Ihrer Erkrankung beraten werden, als das allein beim Hausarzt möglich ist: so auch zu Themen wie Ernährungsumstellung, Bewegung oder psychologischen Aspekten. Die Diabetologen verstehen sich dabei als Ergänzung zur hausärztlichen Betreuung. Eine bundesweite Übersicht der diabetologischen Schwerpunktpraxen finden Sie beispielsweise auf dem Internetportal www.diabetes-news.de: unter dem Menüpunkt «Ärzte» und hier unter «Schwerpunktpraxen».

Müssen alle Typ-2-Diabetiker irgendwann Insulin spritzen?

Schnell: Der Zeitpunkt, ab dem ein Typ-2-Diabetiker Insulin spritzen muss, hängt von verschiedenen Faktoren ab - unter anderem der Erkrankungsdauer und weiteren Begleitumständen. Einfluss hat auch die Behandlung, die Sie erhalten: Nach ersten wissenschaftlichen Ergebnissen vermutet man, dass neuartige Wirkstoffe einen positiven Effekt auf den Funktionserhalt der Zellen der Bauchspeicheldrüse haben könnten - und so den Zeitpunkt nach hinten verlagern, ab dem Insulin gespritzt werden muss.

Unsere Experten: Professor Oliver Schnell, Diabetologe, Geschäftsführender Vorstand der Forschergruppe Diabetes e.V. am Helmholtz Zentrum München, Institut für Diabetesforschung, München; Dr. Veronika Hollenrieder, Fachärztin für Innere Medizin und Diabetologie, München; Dr. Daniela Petersen-Miecke, Fachärztin für Innere Medizin und Diabetologie, Herrsching; Dr. Elmar Jaeckel, Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie, Oberarzt der Klinik f. Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie, Medizinische Hochschule Hannover.

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