Stress Nein, Sie haben keinen Burnout!

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news.de-Redakteurin Corina Broßmann Bild: news.de

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Burnout ist eine irreführende Wortschöpfung. Ausgebrannt hat sich wahrscheinlich jeder schon einmal gefühlt. Überstunden, Rückschläge, Misserfolge - das alles nagt an Berufstätigen. Wer ab und an erschöpft, gestresst und abgespannt ist, ist aber noch lange nicht krank.

In solchen Fällen das Modewort Burnout zu bemühen, ist denen gegenüber anmaßend, die sich tatsächlich am Ende einer Entwicklungslinie befinden, die mit idealistischer Begeisterung begann und über frustrierende Erlebnisse zu Desillusionierung und Apathie, psychosomatischen Erkrankungen, Depression, Aggressivität und einer erhöhten Suchtgefährdung führte.

Entscheidend für die Diagnose Burnout ist, dass sich Ausgebrannte im Gegensatz zu Stressgeplagten nicht mehr erholen können. Psychisch Kranke können auch im wochenlangen Strandurlaub nicht loslassen und verspüren keine Besserung ihrer chronischen körperlichen Beschwerden. Solange Rücken-, Kopf- und sonstige Schmerzen aber an einem langen Wochenende schon nachlassen, sind Sie nicht burnoutgefährdet. Dann arbeiten Sie einfach viel. Ein Arzt kann und muss da nicht eingreifen.

Doch genau dieser Irrglaube ist momentan in Mode: Jeder, der sich gefordert oder überfordert fühlt, hat plötzlich ein Burnout und erwartet professionelle Hilfe statt einfach mal ein paar Tage Urlaub zu nehmen und einen Gang zurückzuschalten. Übertreibung und Hyperchondrie werden zur Selbstaufwertung und Aufmerksamkeitserheischung missbraucht. «Schaut her, wie viel ich arbeite und wie ich meine Gesundheit für den Job opfere!» Das ist nicht märtyrerhaft, das ist nur unvernünftig – und nervt das Umfeld.

Die inflationäre Verwendung des Begriffs Burnout führt zudem zur Gefahr, dass psychisch wirklich stark Belastete pauschal belächelt werden. Da es sich beim Burnout nicht um eine klar definierte Krankheit mit eindeutigen Kriterien handelt, kann sich jeder selbstmitleidige Büroangestellte eifrig mit einordnen - häufig vollkommen zu Unrecht.

Selbst ein ausgewachsenes Burnout ist laut ICD 10, der internationalen Klassifikation von Krankheiten, lediglich ein Problem der Lebensbewältigung, kein Schicksal, dem man hilflos gegenüber steht. Ausgebrannte und solche, die sich dafür halten, brauchen zwar eine Langzeittherapie und müssen ihr Leben von Grund auf neu organisieren und strukturieren. Zuhause und im Büro sitzen und klagen, wie emotional erschöpft und geschwächt man sich fühlt, bringt aber nichts. Außer, dass es die Kollegen mit ins Stimmungstief reißen kann, wenn die sich jeden Tag anhören müssen, wie schrecklich die Umstände sind, unter denen auch sie arbeiten müssen. Tun Sie sich selbst und Ihren Kollegen deshalb den Gefallen, Ihre seelische Lage genau zu analysieren, bevor Sie mit Diagnosekanonen auf Spatzen schießen.

mik/rzf/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Tom
  • Kommentar 1
  • 12.11.2011 19:36

zitat "Übertreibung und Hyperchondrie werden zur Selbstaufwertung und Aufmerksamkeitserheischung missbraucht. «Schaut her, wie viel ich arbeite und wie ich meine Gesundheit für den Job opfere!» " danke, das war sehr gut! wirklich sehr gut! von diesen künstlichen burn-out-jammer-pappnasen habe ich schon die nase voll. ständig das gejammere um einen herum. und das sind meistens die, die pünktlich zur arbeit kommen, eh schon alles vorgekaut bekommen, weil sie nicht selbstständig arbeiten können, und die auch pünktlichst feierabend machen. ich warte schon auf den erste Beamten mit burn-out ...

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