Lesertelefon Rückenschmerz sitzt in Körper und Seele

Rückenschmerzen (Foto)
Millionen Deutsche leiden unter Rückenschmerzen. Bild: DAK/Wigger

Chronische Rückenschmerzen sind in Deutschland besonders verbreitet. Häufig lässt sich eine konkrete Ursache jedoch nicht ermitteln. Doch was tun, wenn die Schmerzen das Leben bestimmen? Experten haben bei news.de Leserfragen beantwortet.

Sollte ich mit akuten Rückenschmerzen direkt zum Arzt gehen?

Dr. Thomas Meuser: Ja, aus zweierlei Gründen: Es sollte immer abgeklärt werden, ob schwerwiegende körperliche Ursachen wie ein Bandscheibenvorfall, Nervenentzündungen, Infektionen oder Tumore hinter starken Rückenschmerzen stecken. Zudem ist es wichtig, dass ein akuter Schmerz nicht über längere Zeit unbehandelt bleibt, da sonst die Gefahr der Chronifizierung besteht. Wenn das geschieht, haben wir es mit einer eigenständigen Schmerzkrankheit zu tun, die in ihrer Behandlung sehr zeitintensiv und komplex ist.

Welcher Arzt ist der richtige Ansprechpartner bei Rückenschmerzen - der Allgemeinmediziner, der Orthopäde oder der Schmerztherapeut?

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Meuser: Mit akuten, neu aufgetretenen Rückenschmerzen sollten Sie sich zunächst an den Allgemeinmediziner oder einen Orthopäden wenden. Bei chronifizierten Rückenschmerzen ist der Schmerztherapeut der beste Ansprechpartner, danach der Hausarzt und erst an letzter Stelle der Orthopäde.

Welche Diagnoseverfahren kommen zum Einsatz, um die Ursache des Schmerzes zu klären?

Dr. Carlo Pelzer: Im Vordergrund steht die ausführliche Erhebung der Krankengeschichte sowie eine eingehende körperliche Untersuchung. Hat man den Verdacht auf eine Nervenverletzung, schließt sich eine neurologische Untersuchung an. In besonderen Fällen können bildgebende Verfahren wie Röntgen, Kernspin- und Computertomographie angezeigt sein.

Ich habe alle denkbaren Diagnoseverfahren durchlaufen und trotzdem konnte keine körperliche Ursache für meine Rückenschmerzen gefunden werden ...

Meuser: Sie stehen nicht alleine da: Etwa zwei Drittel aller Patienten leiden an unspezifischen Rückenschmerzen, deren Ursache sich nicht eindeutig feststellen lässt. Bewegungsmangel, starke einseitige körperliche Belastungen sowie Fehlhaltungen können an der Entstehung von Rückenschmerzen mitwirken. Daneben untersuchen Schmerzforscher in den letzten Jahren verstärkt den Anteil der Psyche bei der Entstehung von Rückenschmerzen. Man geht davon aus, dass sie vor allem bei der Chronifizierung eine große Rolle spielt. Wichtig ist, dass auch ein unspezifischer, chronischer Rückenschmerz adäquat behandelt wird: im Idealfall durch einen qualifizierten Schmerztherapeuten.

Wo setzt die Therapie an, wenn sich die Schmerzursache nicht ermitteln lässt?

Pelzer: Beim Schmerz selbst sowie seinen sozialen und psychischen Folgen und Auswirkungen auf die Bewegungsfähigkeit. Im Mittelpunkt steht bei Patienten mit starken chronischen Rückenschmerzen dabei eine kontrollierte Physiotherapie, um Bewegungsabläufe zu verbessern. Unterstützt wird diese durch eine passgenaue medikamentöse Therapie, die auf Dauer, Stärke und die genaue Art des Schmerzes abgestimmt werden sollte. Psychotherapeutische Maßnahmen sind sinnvoll, um den psychischen Veränderungen zu begegnen, die ein chronischer Schmerz nach sich ziehen kann. Mit einer solchen multimodalen Schmerztherapie lässt sich die Lebensqualität der Patienten deutlich verbessern.

Ich nehme bereits ziemlich starke Schmerzmittel, aber der Schmerz ist meistens trotzdem da ...

Meuser: Dann sollte Ihre medikamentöse Therapie überdacht werden. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die unzureichende Schmerzlinderung und bitten Sie gegebenenfalls um Überweisung an einen Kollegen mit einer Zusatzqualifikation in «Spezieller Schmerztherapie». Wichtig ist es, herauszufinden, was für eine Schmerzform bei Ihnen vorliegt. Bei den meisten Patienten mit Rückenschmerzen sind sowohl das Gewebe als auch die Nerven am Schmerzgeschehen beteiligt, wir sprechen dann von einem «gemischten Schmerz». Ist das der Fall, sollten beide Schmerzkomponenten gezielt behandelt werden.

Heißt das, ich muss künftig noch mehr Tabletten einnehmen?

Pelzer: Die Herausforderung für den Arzt liegt darin, die Medikamente so passgenau wie möglich auszuwählen und so die Zahl und die Dosierung der verordneten Präparate so gering wie möglich zu halten - bei ausreichender Schmerzlinderung. Dank moderner Substanzen gelingt das auch immer besser. So gibt es beispielsweise ein Präparat der Wirkstoffklasse der sogenannten MOR-NRI, das auf einem zweifachen Wirkprinzip beruht. Die Substanz bekämpft sowohl den Gewebe- als auch den Nervenschmerz und setzt an unterschiedlichen Stellen der Schmerzwahrnehmung an. Wir haben heute also die Möglichkeit, unterschiedliche Schmerzauslöser mit nur einem Medikament zu behandeln.

Helfen Massagen oder Fangopackungen bei Rückenschmerzen?

Pelzer: Bei akuten Rückenschmerzen können Wärmebehandlungen und Massagen hilfreich sein. Bei chronischen Schmerzen zeigen sie mittel- und langfristig leider keine positiven Effekte. Hier ist wirklich die aktive Bewegungstherapie von großer Bedeutung!

Ist eine Operation bei starken Rückenschmerzen sinnvoll?

Meuser: In bestimmten Fällen kann eine Operation notwendig sein - und zwar bei Patienten mit Ausfallerscheinungen, wie Lähmungen, Missempfinden in den Beinen oder einer gestörten Blasenfunktion, wenn zusätzlich eine körperliche Störung, beispielsweise in Form eines Bandscheibenvorfalls oder einer Spinalkanalstenose, vorliegt. Leider gibt es keine hundertprozentige Erfolgsgarantie für eine Schmerzfreiheit nach der Operation. Zu einer Überlegenheit operativer Verfahren gegenüber einer konservativen Therapie bei Patienten ohne Ausfallerscheinungen liegen keine fundierten Studien vor. Dazu kommt noch, dass sich bei vielen Patienten keine klare körperliche Ursache für den Schmerz finden lässt.

Unsere Experten: Dr. Carlo Pelzer, Facharzt für Spezielle Schmerztherapie, Anästhesiologie und Intensivmedizin, Köln; Privat Dozent Dr. Thomas Meuser, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Marien-Krankenhaus GmbH, Bergisch Gladbach; Dr. Thomas Hofmann, Arzt für Anästhesie/Spezielle Schmerztherapie, Knappschaftskrankenhaus Klinikum Westfalen GmbH, Dortmund

rzf/ham/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Ralf
  • Kommentar 1
  • 22.10.2011 18:45

Wenn es hinten weh tut sollte man vorne aufhören .

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