Lesertelefon Sorgenfreies Leben trotz Epilepsie  

Epilepsie ist eine der häufigsten Erkrankungen des Nervensystems. Und doch ist das Wissen darüber begrenzt. Viele Menschen sind überfordert, wenn sie zufällig einen epileptischen Anfall beobachten. Unsere Experten haben Fragen am Telefon beantwortet.

Lesertelefon zu Epilepsie (Foto)
Plötzlich trifft einen der Schlag, der Patient kann sich aber nicht daran erinnern. Das gilt es bei Epilepsie zu beachten. Bild: pr.nrw

Was ist die Ursache für Epilepsie?

Dr. Lothar Burghaus: Wir kennen einige Ursachen, beispielsweise Sauerstoffunterversorgung, Stoffwechselerkrankungen, Hirnfehlbildungen oder auch Hirnschädigungen in Folge von Unfällen. Hier sprechen wir von einer symptomatischen oder strukturellen Epilepsie. Manchmal gibt es auch eine genetische Komponente - und manchmal finden wir keine erkennbare Ursache. Epilepsie kann erblich begünstigt sein, ist aber keine Erbkrankheit im herkömmlichen Sinne.

Kann die Krankheit in jedem Alter auftreten?

Burghaus: Prinzipiell ja - am häufigsten sind allerdings Kinder und ältere Menschen betroffen.

Ich hatte erst vor kurzem meinen ersten epileptischen Anfall. Jetzt bin ich mir unsicher, wie ich an meinem Arbeitsplatz und in meinem Bekanntenkreis damit umgehen soll.

Berühmte Epileptiker: Trotz Krankheit weltweit bekannt

Anja Daniel-Zeipelt: Ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, offen mit meiner Epilepsie umzugehen. Ich erlebe auch, dass der Gegenüber umso besser reagiert, je undramatischer ich über die Krankheit berichte. Humor kann ein guter Weg sein, eventuelle Berührungsängste abzubauen. Ich erzähle gerne, dass auch Napoleon und Cäsar an Epilepsie litten - und es trotzdem zur Weltherrschaft gebracht haben!

Was passiert während eines epileptischen Anfalls im Gehirn?

Burghaus: Bei einem epileptischen Anfall ist das Gleichgewicht der Nervenzellen zeitweilig gestört. Viele Nervenzellen entladen sich plötzlich gleichzeitig. Diese nicht normalen Entladungen breiten sich im Gehirn aus und reizen auf unnatürliche Weise einzelne Gehirngebiete oder das ganze Gehirn. Das Bild vom «Gewitter im Gehirn» trifft das Ereignis eines epileptischen Anfalls sehr gut.

Wie häufig kommt es zu epileptischen Anfällen - und wie sehen diese genau aus?

Burghaus: Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Bei manchen Patienten bleibt es bei einem einzigen Anfall, andere erleiden täglich mehrere epileptische Anfälle. Auch kann ein epileptischer Anfall ganz unterschiedlich ablaufen: Das Spektrum reicht vom nur wenige Sekunden andauernden Abwesenheitszustand mit starrem und leerem Blick bis zum Krampfanfall mit wild zuckenden Muskeln und dem Verlust des Bewusstseins.

Wie verhalte ich mich richtig, wenn in meinem Beisein jemand einen epileptischen Anfall hat?

Daniel-Zeipelt: Wenn Sie den Betreffenden nicht kennen und nichts über seine Epilepsie wissen, würde ich immer empfehlen, den Notarzt zu rufen. In der Zwischenzeit sollten Sie den Patienten aus der Gefahrenzone bringen und eine Decke oder eine Jacke unter seinen Kopf legen. Auf keinen Fall sollten Sie ihm etwas zwischen die Zähne schieben! Ist Ihnen die Person dagegen bekannt und hat Sie darüber informiert, was im Anfallsfall zu tun ist, müssen Sie keinen Arzt rufen. Es sei denn, der Betroffene hat sich beim Sturz verletzt, läuft blau an oder der Anfall dauert länger als fünf Minuten.

Lassen sich epileptische Anfälle heute mit Medikamenten unterdrücken?

Burghaus: Dank der Medikamente können heute bis zu 70 Prozent der Epilepsiepatienten anfallsfrei leben. Neben den klassischen Präparaten stehen neuere Antiepileptika zur Verfügung, die bei speziellen Formen der Erkrankung bessere Ergebnisse erzielen. Auch werden sie häufig besser vertragen. Welches Medikament für welchen Patienten das richtige ist, muss der behandelnde Arzt entscheiden. Wichtig ist immer, dass die Patienten ihre Medikamente regelmäßig einnehmen, da ein Wirkstoffspiegel im Organismus aufrechterhalten werden muss. Wer seine Medikamente absetzt oder nicht nach Plan einnimmt, riskiert einen erneuten Anfall.

Was kann ich noch tun, um das Risiko für einen epileptischen Anfall zu verringern?

Burghaus: Sie sollten für einen geregelten Tagesablauf mit ausreichend Schlaf sorgen. Meiden Sie übermäßigen Alkoholkonsum oder Drogen sowie Belastungssituationen wie Stress, Lärm oder Reizüberflutung.

Ich bin mir unsicher, was ich als Epilepsiepatient noch machen darf - und was nicht ...

Daniel-Zeipelt: Nach meiner Diagnose bekam ich von dem behandelnden Neurologen eine lange Liste mit Verboten ausgehändigt. Die ersten Jahre habe ich mich auch strikt daran gehalten - bis ich einem Epilepsie-Professor von der Liste erzählte und der lächelnd den Kopf schüttelte. Er riet mir, einfach auszuprobieren, was ich alles tun kann und was mir gut tut. So ist es für mich beispielsweise kein Problem, gelegentlich ein Glas Wein zu trinken - obwohl auf besagter Liste auch ein generelles Alkoholverbot steht. Ich habe gelernt, auf meinen Körper zu hören und weiß mittlerweile, was mir gut tut. Das gilt auch beim Thema Sport: So spiele ich Fußball und trainiere ein Männerballett! Gewisse Aktivitäten bergen allerdings ein beträchtliches Risiko - hier gilt es, vernünftig abzuwägen.

Darf ich mit Epilepsie noch Auto fahren?

Daniel-Zeipelt: Wenn keine Anfallsfreiheit besteht: ein ganz klares Nein! Sind Sie allerdings anfallsfrei, sollten Sie das Thema mit Ihrem Arzt besprechen. Er kann in genauer Kenntnis Ihrer Erkrankung und Medikation entscheiden, ob Sie Auto fahren dürfen. Ich denke, dass jeder Epilepsiepatient grundsätzlich so verantwortungsvoll mit seiner Erkrankung umgehen sollte, dass er weder sich noch Andere gefährdet.

Was ist, wenn sich die Anfälle mit Medikamenten nicht in den Griff kriegen lassen – gibt es dann noch weitere Behandlungsmöglichkeiten?

Burghaus: Manchen Patienten kann mit einer Operation geholfen werden. Eine weitere Behandlungsoption ist die sogenannte Vagusnerv-Stimulation: Ein Gerät ähnlich dem Herzschrittmacher wird unter die Haut eingepflanzt und stimuliert den Vagusnerv, um die Zahl der Anfälle zu verringern. Wenn Sie sich zu diesen Behandlungsmöglichkeiten beraten lassen möchten, sollten Sie ein Epilepsie-Zentrum aufsuchen.

Unsere Experten: Dr. Lothar Burghaus, Facharzt für Neurologie an der Universitätsklinik in Köln; Anja Daniel-Zeipelt, Epilepsie-Patientenbotschafterin in Leun bei Wetzlar.

Informationszentren zu Epilepsie

Die Deutsche Epilepsievereinigung bietet eine Telefon- oder Onlineberatung sowie Informationen zu regionalen Selbsthilfegruppen. Die Epilepsie-Hotline ist Montag bis Donnerstag von 12 bis 18 Uhr bundesweit zum Ortstarif unter der Telefonnummer (01801) 42 42 42 zu erreichen.

Hilfreiche Tools für Epileptiker finden sich im Internet. Dort sind auch Informationen zum Service-Programm «Epilepsie im Griff» verfügbar.

sca/ham/rzf/news.de/pr.nrw

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