Streit um Magen-OPs Der Kampf ums Fett tobt

Magen-OPs (Foto)
Immer mehr Ärzte sprechen sich dafür aus, den Kampf gegen Übergewicht und dessen Folgeerkrankungen wie Altersdiabetes auf dem OP-Tisch auszutragen.  Bild: dapd

Andreas SchloderVon news.de-Redakteur , Leipzig
Immer mehr Ärzte sprechen sich dafür aus, den Kampf gegen Übergewicht und dessen Folgeerkrankungen wie Altersdiabetes auf dem OP-Tisch auszutragen. Eine radikale Lösung mit vielen Vorteilen, doch der Widerstand ist zu groß - noch. 

Deutschland in der Fettfalle: Mehr als die Hälfte aller Bundesbürger ist zu dick, über eine Million schwerst adipös, also gesundheitsgefährdend fettleibig. Im europaweiten Vergleich heißt das: negativer Spitzenreiter. Und die Zahl der Übergewichtigen und Fettleibigen nimmt im wahrsten Sinne des Wortes rasant zu.

Quo vadis Adipositas? Diese Frage beschäftigt derzeit die Ärzte auf dem Kongress Viszeralmedizin in Leipzig. Experten der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS), deren Abteilung für Endoskopie am Magen-Darm-Trakt und der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) suchen nach der Lösung, wie Fettleibigkeit und deren Folgeerkrankungen in den Griff zu bekommen sind. Denn eines ist sicher: Das Gesundheitssystem kann das «Dickenproblem» nicht ewig stemmen.

Dickes Deutschland
Zahlen mit Gewicht

«Uns erwartet ein ökonomischer Tsunami», warnt Professor Rudolf Weiner, Chefarzt der Chirurgischen Klinik am Krankenhaus Sachsenhausen in Frankfurt/Main. Für ihn und viele seiner Kollegen gibt es deshalb nur eine Lösung, um lebensbedrohliche Krankheiten wie Diabetes auszuschalten: Skalpell statt Insulinspritze. «Eine Magen-OP ist derzeit die einzig effektive und zuverlässige Lösung, das tödliche Quartett von extremer Adipositas, metabolischem Syndrom, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Gelenkerkrankungen durch Übergewicht zu besiegen», argumentiert der Professor.

85 Prozent Heilungsquote

Zwar seien Eingriffe wie Magenband, Magenschlauch oder Magenbypass als letztes Mittel der Adipositas- oder Diabetestherapie anzusehen, denn der Experte spricht sich dafür aus, den Schwerpunkt in der Prävention zu sehen. «Doch ist starkes Übergewicht nun einmal eingetreten, muss man handeln», so Weiner. Denn: «Operative Eingriffe am Magen per Endoskopie können Diabetes nicht nur lindern, sondern die Behandlung mit Insulin überflüssig machen», fügt der Chirurg hinzu. In seiner Argumentation stützt er sich auf Studien, in denen bis zu 85 Prozent aller übergewichtigen Diabetiker nach dem Eingriff keine Therapie mehr benötigen. Und die Risiken der chirurgischen Therapie seien deutlich geringer als der Fortbestand von Diabetes.

Diese Meinung vertritt mittlerweile auch die International Diabetes Federation als weltweiter Dachverband. Und geht noch weiter: Bisher wird empfohlen, dass sich Übergewichtige mit einem Body Mass Index von über 40 operieren lassen können - oder mit einem BMI von über 35, wenn eine schwer zu therapierende Diabetes-Erkrankung vorliegt. Jetzt sollen schon Übergewichtige mit einem BMI zwischen 25 und 35 unters Messer dürfen. Denn die ersten Serien von Operationen an Diabetikern in dieser Gewichtsklasse haben zu der erstaunlichen Erkenntnis geführt, dass die Erfolgsquote, den Diabetes loszuwerden, noch gravierender war als bei adipösen Patienten, so Weiner.

Diabetes
Promis im Kampf gegen den Zucker

Deutsche Diabetes Gesellschaft wehrt sich

«Und die Wirtschaftlichkeit des Einsatzes derartiger Operationen ist gut belegt», erklärt der Frankfurter Chirurg. In der Schweiz beispielsweise werde deswegen der operative Eingriff an Diabetikern ab einem BMI von 25 nun als Leistung der Krankenkassen aufgenommen. Nur Deutschland verweigere sich, in diese Richtung zu gehen. «Deutschland ist in der Adipositas-Chirurgie Schlusslicht, weil die Ignoranz und die Lobbyarbeit dagegen so groß ist», kritisiert Weiner.

Er bezieht sich auf eine Stellungnahme der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), die die Magenoperation nicht als Allheilmittel ansieht und vor «undifferenziertem Heilversprechen für Menschen mit Diabetes» warnt. Die Gesellschaft sehe darin eine «wissenschaftlich nicht belegte Propagierung einer langfristig nicht geprüften Therapieoption», wie DDG-Sprecher Professor Andreas Fritsche schreibt.

Bei der Adipositas-Chirurgie handle es sich um eine große Operation mit beträchtlichen Nebenwirkungen, «insbesondere bei Risikopatienten mit Typ 2 Diabetes», so Fritsche. Sie reichen von Vitaminmangel, Unterzuckerungen bis hin zu Depressionen mit erhöhter Suizidrate. 

Eine aktuelle Studie aus den USA gießt zudem Öl ins Feuer. Demnach steigert der Gewichtsverlust durch den operativen Eingriff nicht die Lebenserwartung bei älteren Männern - wenigstens nicht während der ersten sieben Jahre. 

Vorgängerstudien, die größtenteils junge Frauen im Blick hatten, hatten suggeriert, dass die OPs die Lebenserwartung nach zwei Jahren um bis zu zehn Jahre erhöhen. Demgegenüber liefert die neue Studie an vorwiegend älteren Männern zwei Haupteinsichten: Erstens profitiert nicht jeder gleichermaßen vom chirurgischen Eingriff, zweitens erhöhen sich die Chancen älterer Männer, länger zu leben, erst nach einigen Jahren der Nachbehandlung. Dafür war die Sterblichkeitsrate der Probanten im Vergleich zu anderen Studien viermal höher.

zij/news.de

Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • gerhard kreuter
  • Kommentar 3
  • 08.10.2011 14:10

Eine radikale Lösung mit vielen Vorteilen, und man möchte ergänzen mit noch mehr Nachteilen. Das Prof. Weiner für noch mehr Operationen Stimmung macht, ist verständlich. Schließlich lebt er davon. Was Langzeitwerte etc. angeht beziehe ich mich auf die deutsche Diabetes-Gesellschaft und meine eigenen Erfahrungen. Gewichtszunahmen, Vitaminmangel und Depressionen mit oft folgendem Suizidversuch sind langfristig eher die Regel. www.adipositas.blog.de

Kommentar melden
  • Frager
  • Kommentar 2
  • 16.09.2011 21:45
Antwort auf Kommentar 1

Recht haste!

Kommentar melden
  • Mister Mammon
  • Kommentar 1
  • 16.09.2011 18:51

"Erstens profitiert nicht jeder gleichermaßen vom chirurgischen Eingriff, zweitens erhöhen sich die Chancen älterer Männer, länger zu leben, erst nach einigen Jahren der Nachbehandlung. Dafür war die Sterblichkeitsrate der Probanten im Vergleich zu anderen Studien viermal höher." Ja, da ist doch alles klar, es muss sich rechnen, und rechnen für Gevatter Staat und die globalen Wirtschaftsräuberbanden tut sich ja nur der tote Rentner. Sehr positive, wunderbare Sache. Vielleicht sollte man die viermal höhere Sterblichkeitsrate noch pontenzieren, damit es sich auch lohnt.

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig
Anzeige
Neueste Dossiers
news.de auf Facebook
Follow us on Facebook!
News.de auf Twitter
Follow us on Twitter!
Anzeige