Blutvergiftung Jeder vierte Sepsis-Tote vermeidbar

Die Gefahr, in Deutschland an einer Blutvergiftung zu sterben, wächst von Jahr zu Jahr. Etwa 80.000 Bundesbürger erkranken jährlich an einer Sepsis, die Hälfte davon stirbt. Dabei wäre statistisch gesehen jeder Vierte zu retten.

Fieber und Abgeschlagenheit: Symptome einer Sepsis (Foto)
Eine Blutvergiftung verläuft oft tödlich - sie muss daher so schnell wie möglich behandelt werden. Bild: dpa

Forscher sind sich sicher, dass sich mit schnellerer Diagnostik, neuen Therapien und strengeren Hygienemaßnahmen die Sterblichkeit um mindestens ein Viertel senken ließe. Die deutsche Sepsis-Forschung ist führend in der Welt, wurde auf dem Sepsis-Kongress 2011 in Weimar vermeldet. Allerdings hapert es an der Umsetzung im klinischen Alltag.

«Es gibt keine Krankheit, die so dramatisch unterschätzt wird wie Sepsis», sagt Professor Konrad Reinhart, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum Jena. Der Vorsitzende der Deutschen Sepsis-Gesellschaft, Professor Tobias Welte, setzt noch eins drauf: «Sepsis wird eines der Mega-Probleme der Zukunft.» Der Grund: Zwei Drittel aller Patienten ziehen sich ihre Sepsis bei Infektionen im Krankenhaus zu. In den Krankenhäusern werden immer mehr ältere und anfälligere Patienten behandelt, die die typischen Sepsis-Kranken sind. Hinzu kommt die steigende Zahl an Operationen. Bei Plastikmaterialien wie Venen- oder Blasenkatheter sowie Beatmungsschläuchen steigt die Gefahr einer Infektion, je länger sie im Körper bleiben.

Die gefährlichsten Bakterien sind nicht etwa die Staphylococcus aureus (MRSA), die im Nasen-und Rachenraum des Menschen vorkommen, sondern Darmbakterien, sagt der Jenaer Professor Frank M. Brunkhorst. Sorgen bereiten auch die multiresistenten Bakterien durch den Übergebrauch von Antibiotika. «Jede dritte virusbedingte Erkältung wird vom Hausarzt fälschlicherweise mit Antibiotika behandelt», kritisiert Brunkhorst. Andererseits investiere die Pharmaindustrie nicht mehr in neue Antibiotika zur Bekämpfung von Infektionen, weil das weniger Gewinn abwerfe, sagt Welte.

Mangelhafte Desinfektion der Hände in Kliniken

Jede fünfte Infektion im Krankenhaus ist vermeidbar, erklärt Reinhart. Die effektivste Methode ist die Desinfektion der Hände beim Personal und besuchenden Angehörigen. Doch bis das im Klinikalltag angekommen ist, werden noch Jahre vergehen, vermutet Reinhart. Studien haben gezeigt, dass in 60 Prozent der Krankenhäuser Hände nicht desinfiziert werden. Auch in Notaufnahmen und auf Intensivstationen fehlt nach Ansicht der Experten zu oft noch das Verständnis für die Gefahr der Blutvergiftung. «Wir haben viele gute Ratschläge, aber wir müssen das Krankenhauspersonal erst noch überzeugen», sagt Reinhart.

Internationale Studien gehen davon aus, dass nur in zehn bis 20 Prozent der Sepsisfälle entsprechend des neuesten Wissenstandes behandelt wird. Dabei ist Zeit ein wichtiger Faktor im Kampf um das Leben des Patienten. Während die Überlebenschance bei einer Antibiotikagabe innerhalb einer Stunde nach Diagnostik bei 80 Prozent liegt, sinkt sie nach 24 bis 36 Stunden auf acht bis zehn Prozent.

Problematisch ist auch der Kostendruck an deutschen Krankenhäusern. Wenn Personal eingespart wird, geht das meist zu Lasten der Hygiene, kritisiert Welte. Dabei ist die Blutvergiftung mittlerweile der wichtigste Kostenfaktor auf Intensivstationen. 1,7 Milliarden Euro - rund ein Drittel aller Kosten auf Intensivstationen - gehen auf das Konto der Sepsis.

Seit mehr als 20 Jahren ist in diesem Sommer erstmals am Jenaer Sepsis-Forschungszentrum eine große Studie zur Infektionsprävention im Krankenhaus angelaufen. Rund 100.000 Patienten werden im Universitätsklinikum in den nächsten drei Jahren systematisch auf Krankenhausinfektionen untersucht, so Reinhart. Herauskommen soll ein Bündel mit Präventionsmaßnahmen, speziell für jede Station und Abteilung, die im im Alltag einfach umzusetzen ist. «Alle im Krankenhaus müssen an einem Strick ziehen», wünscht sich Reinhart.

sca/ham/rzf/news.de/dapd

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