Gegen unnötige OPs Die Robin Hoods unter den Ärzten

Die Zahl der Operationen an Hüft- und Kniegelenken ist in Deutschland immens gestiegen. Einer Gruppe von Ärzten geht das zu weit, sie hält einen großen Teil der Eingriffe für überflüssig. Im Internet machen die Chirurgen Meinung gegen unnütze OPs.

Gegen unnötige OPs (Foto)
Inflationär landen Patienten wegen Hüft- und Knieleiden unterm Messer. Ein Dutzend Seniochirurgen geht dagegen vor.  Bild: dpa

Professor Hans Pässler, Chirurg aus Heidelberg, hat lange genug hingesehen. Jetzt will er mit einem guten Dutzend Mitstreiter die Flut an Hüft- und Knieoperationen in Deutschland eindämmen, die für die behandelnden Ärzte ausgesprochen lukrativ sind.

Pässler und seine Mitstreiter gehen offensiv an die Öffentlichkeit. Hinter ihrem Internetportal Vorsicht! Operation stecken Experten für Schulter-, Hüft-, Knie, Hand- und Bandscheibenoperationen, die aber aus Altersgründen nicht mehr als Chefärzte arbeiten dürfen. «Diese Leute haben ein Maximum an Erfahrung, sie haben Zeit. Und sie sind nicht mehr gebunden an eine Klinik und damit unabhängig», sagte Pässler kürzlich in einem Interview mit dem Spiegel. Diese geballte Kompetenz konnte der Heidelberger Chirurg sofort für sich und seine Idee begeistern, mit einer Zweitmeinung eine geplante Operation noch einmal zu durchleuchten.

Hüftoperationen: Weniger ist mehr
Video: sca/news.de/

Dass man der hohen Zahl an Eingriffen Einhalt gebieten muss, liegt Pässler zufolge auf der Hand. Wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat, stieg die Zahl der Operationen an Hüft- und Kniegelenken in den vergangenen Jahren massiv an. Während im Jahr 2003 bei 214.000 Patienten eine Hüft-OP durchgeführt wurde, waren es 2009 bereits über 250.000. Ähnlich bei Operationen an den Kniegelenken: 2003 erhielten 140.000 Patienten ein neues Gelenk, 2009 waren es schon über 213.000.

Gut für den Arzt, unnötig für den Patienten

Die finanziellen Folgen für das Gesundheitssystem sind beträchtlich: 2003 haben die Eingriffe Kosten in Höhe von 2,7 Milliarden Euro verursacht, 2009 stiegen die Ausgaben auf über 2,9 Milliarden Euro an. Das Problem sehen Pässler und Kollegen darin, dass viele niedergelassene Ärzte in nahe gelegenen Operationszentren OP-Säle mieten. Das kostet Geld, das erst einmal erwirtschaftet werden muss. Dieses geschehe auf dem Rücken der Patienten, die viel zu schnell unterm Messer landeten. Denn die Experten sind sich einig: Bis zu 45 Prozent aller Fälle könnten auch konservativ behandelt werden - etwa durch Dehnübungen oder Schuheinlagen.

Doch wie soll die Kontrollarbeit der Seniorchirurgen funktionieren? Wer vor einer Operation steht, kann sich über das Internetportal Vorsicht! Operation bei den Experten melden. Der Betroffene füllt einen Fragenbogen aus, der darin detailliert seine Beschwerden beschreibt. Zudem kann der Patient auf dem Portal Schmerzpunkte einzeichnen. Das ermöglicht dem Experten genau zu sehen, wo die Beschwerden des Users liegen. Digital kann dieser zusätzlich Daten wie Röntgenbilder oder Aufnahmen aus dem KernspinMit der Kernspintomographie kann man Schnittbilder des Körpers erzeugen, die eine Beurteilung der Organe und vieler krankhafter Organveränderungen erlauben. einsenden. Das sollte in den meisten Fällen für eine Diagnose reichen. Wenn nicht, meldet sich der Spezialist selbst.

Das Ziel der Portalbetreiber ist es, innerhalb von zwei Wochen ein Gutachten zu erstellen, das einen geplanten Eingriff befürwortet oder davon abrät. Das wird aber nicht ganz billig. Je nach Aufwand müssen zwischen 200 und 600 Euro für die Einschätzung des Spezialisten hingeblättert werden. Es gibt jedoch Hoffnung, dass der Betroffene die Kosten nicht übernehmen muss. Das sollen in Zukunft die Krankenkassen leisten, die sich Pässler zufolge intensiv für die Zweitmeinung interessieren – können sie bei einer nicht empfohlenen Eingriff doch viel Geld einsparen. 

cvd/news.de

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Leserkommentare (15) Jetzt Artikel kommentieren
  • Sabine Liedtke
  • Kommentar 15
  • 27.11.2012 08:09

Leider kann ich nichts Gutes über "Vorsicht Operation sagen,denn als ich diese Dienste in Anspruch nahm war ich bereits operiert und hätte es nach der geltenden Unfallleitlinie nicht müssen.Aufgeklärt war ich vorher nicht,denn mir wurde gesagt,daß eine OP unumgänglich sei! Als ich um Zweitmeinung bat,da diese Op bei mit Schäden hinterlassen hat,sagte man mir über "Vorsicht Operation.de",daß man mir da nicht helfen könne,sondern nur Therapievorschläge machen könne und man nicht dazu Stellung nimmt,in Form eines Gutachtens,damit der Patient Schmerzensgeld oder Schadensansprüche geltend machen ka

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  • Scarlotta
  • Kommentar 14
  • 01.09.2011 08:05

Meine Knie- OP ist gut verlaufen .Das Op- Team war eben gut und bewies das Können .Entsezt war ich ,als in der REHA die Ärztin mir einen Sozialvertrag am 1. Tag unterjubeln wollte . Lehnte es ab.Zum Schluß der Reha ging es um die Spritzen noch ,na dies obliegt der Human-medzin ,der Pflege ich bezahle Pflegegeld . Spritzen kann ich mich alleine .Bekam dann anstandlos die Spritzen . Sozial vertrag wollte Sie deshalb machen ,da ich alleine wohne .Aber im Krankenblatt gab ich eine Person an ,die sich um meine Belange kümmert . Eigenartig von der Ärztin .

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  • Ralf
  • Kommentar 13
  • 28.08.2011 11:48
Antwort auf Kommentar 3

Sie untergraben ja die Diagnosen eines Facharztes . Ein Orthopäde stellt doch eine Diagnose und wenn er dem Patienten zu einer OP rät ,glaube ich nicht ,daß dies verkehrt ist . Er untersucht den Patienten gründlich und wird auch geröngt.Nach meiner Meinung kann ein Facharzt was ,er hat Wissen .Ein Arzt ,der eine andere Fachrichtung hat ,der geht auch zum Ortopäden .Kein Mensch legt sich zum Vergnügen auf den OP- Tisch .Für meine Person ist die Diagnose eines Facharztes maßgebend und für einen Arzt auch . Die neuen Hüften und Knies sind für alle Menschen da. eusibia

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