Generation Jetlag Ein Leben gegen die innere Uhr

Morgens todmüde, abends hellwach - mindestens die Hälfte der Deutschen kennt das Phänomen: Die innere Uhr tickt anders, als es die Arbeitszeiten vorgeben. Wissenschaftler sprechen vom sozialen Jetlag - und der kann auf Dauer krank machen.

Sozialer Jetlag (Foto)
Müdigkeit und Schwächegefühl - Spätaufsteher leiden häufig unter dem sozialen Jetlag.  Bild: dapd

In unserem Körper ticken viele biologische Uhren, die den Takt vorgeben, nach dem wir leben. Sie geben vor, wann wir wach werden und wann wir schlafen. Die Hauptuhr «sitzt im Gehirn in der unteren Etage, und zwar im Hypothalamus», erklärt Horst-Werner Korf, Direktor des Senckenbergischen Instituts für Anatomie in Frankfurt. Sie steuert das Zusammenspiel aller biologischen Uhren, von denen Milliarden im Körper sitzen: In jeder Zelle unseres Körpers tickt ein eigener Zeitmesser - und alle müssen im gleichen Takt schlagen.

Das körpereigene Taktwerk orientiert sich vor allem am Licht, also dem Tag-Nacht-Rhythmus. Es bestimmt, was wann im Körper abläuft. So fluten nachts vermehrt Schlafhormone wie Melatonin durchs Blut. Der Atem wird flacher, der Blutdruck sinkt, der Körper läuft im Erholungsmodus. Morgens - bereits zwei Stunden vor dem Aufwachen - werden Stressbotenstoffe wie Kortisol ausgeschüttet. Die Leistungskurve steigt, der Kreislauf kommt in Schwung. Diese Abläufe wiederholen sich täglich und folgen dem gleichbleibenden Takt der inneren Uhr.

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Die Gene bestimmen den Takt der inneren Uhr

Die innere Uhr tickt bei jedem Menschen anders. Bei dem einen schneller, bei dem anderen langsamer. Unter den Menschen gibt es «Eulen» und «Lerchen», formuliert es Korf. Der Typ «Eule» schläft gerne lange, kommt früh nur schwer in Gang und läuft am Abend zur Höchstform auf. «Lerchen» hingegen geben dem frühen Vogel den Vorzug. Sie sind beizeiten wach und gehen abends früh ins Bett. Dazu gibt es noch den Normaltyp, der irgendwo dazwischen liegt. «Die meisten Menschen sind so ein Mitteltyp», erklärt der Neurobiologe.

Während kleine Kinder und Ältere meistens «Lerchen» sind, kommen Jugendliche früh eher schwer aus dem Bett. Im Erwachsenenalter entscheiden dann die Gene darüber, ob man Frühaufsteher, Spätaufsteher oder Normaltyp ist. Die ChronotypenEin Begriff, der Menschen kategorisiert nach: Frühaufsteher, Spätaufsteher und Normaltyp. seien eine Ausprägung der inneren Uhr, die physiologische und biochemische Prozesse sowie bestimmte Verhaltensweisen eines Menschen in Zyklen ablaufen lasse, so Professor Till Roenneberg, Chronobiologe von der Universität München.

Das Problem sind die Arbeits- und Schulzeiten, die unsere innere Uhr ignorieren. «Lerchen» haben mit ihnen kein Problem, sie kommen ihnen sogar entgegen. Anders sieht es bei den «Eulen» aus. Gemessen an den Wach- und Schlafzeiten, welche die Gesellschaft vorgibt, geht bei ihnen die innere Uhr nach. Der körpereigene Weckdienst versagt.

Die Produktion bestimmter Hormone wird nicht rechtzeitig - wie bei den «Lerchen» zwei Stunden vor dem Wachwerden - angekurbelt. Die Folge: Spättypen schlafen körperlich eigentlich noch, müssen jedoch früher aufstehen, als es ihre innere Uhr vorgibt. Dies bezeichnen Chronobiologen als «sozialen Jetlag» - vergleichbar mit dem Jetlag, den Menschen nach Flügen in andere Zeitzonen erfahren. Bei «Eulen» kommt es zu einem beträchtlichen Schlafdefizit in der Woche. Dieses wird häufig erst am Wochenende ausgeglichen. Es können aber auch «Lerchen» unter sozialem Jetlag leiden - etwa, wenn sie Schichtarbeit leisten, viel zu spät ins Bett kommen und wie gewohnt früh wach werden.

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Roenneberg zufolge kann das weitreichende Folgen für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit haben. Der Körper gerät aus dem Tritt. Es kommt zu Müdigkeit, Schlafstörungen und Konzentrationsschwäche. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt ebenso wie für Übergewicht. So leiden Schichtarbeiter häufiger an Fettleibigkeit, Diabetes und bestimmten Krebsformen.

Laut Roenneberg hat der soziale Jetlag auch Einfluss auf das Suchtverhalten. Je stärker er sei, desto eher würden Menschen zu Stimulanzien greifen und desto häufiger seien sie Raucher. Dafür werteten die Forscher um Roenneberg die Angaben von mehr als 500 Versuchspersonen aus.

Das Uhrwerk justieren

Die innere Uhr lässt sich nicht einfach austricksen. So bringt es «Eulen» nichts, früher ins Bett zu gehen. Dennoch lässt sich der innere Zeitmesser zum Teil beeinflussen - durch Licht. Dieser äußere Taktgeber kann «Eulen» etwa helfen, früh besser wach zu werden und «Lerchen» länger munter zu bleiben: So stellt Licht am Morgen den inneren Zeitmesser vor, am Abend dagegen nach.

Ein morgendlicher Spaziergang reicht aus, um schneller wach zu werden. Wer es einfacher mag, kann mit einem Lichtwecker versuchen, seine innere Uhr zu takten. Studien haben gezeigt, dass sich dadurch die Kortisolkonzentration nach vorne schieben lässt - die Versuchspersonen wurden eher wach. Spättypen sollten zudem Tageslicht in den Abendstunden vermeiden - etwa eine Sonnenbrille tragen, wenn beispielsweise der Gang zum Supermarkt unvermeidlich ist.

Dieser Effekt lässt sich auch nutzen, um abends länger wach zu bleiben - indem später am Tag Sonne getankt und morgens vermieden wird. Das ist besonders für jene sinnvoll, die in Schichten arbeiten müssen wie Spät- oder Nachtdienst. Generell bleibt in modernen Gesellschaften ein Leben im Einklang mit der eigenen inneren Uhr jedoch stets schwierig.

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zij/krc/news.de/dpa

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Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Carolin1994
  • Kommentar 3
  • 12.05.2012 21:23

Aber habt ihr einen Tipp, was ich machen kann? Das bringt mich nämlich wirklich zur Verzweiflung!! Ich habe Schule von 8-17 Uhr, muss um 6 aufstehen, aber kann ja vor 2 Uhr nie einschlafen... ich schleppe mich immer total übermüdet durch die Woche, während der Schulzeit fallen mir die Augen ständig zu!, jeden Tag nur max. 4h Schlaf und habe grundsätzlich jeden Tag Kopf- und Gliederschmerzen deswegen! Am Wochenende versuche ich mich etwas davon zu erholen und dann das Spiel von vorne :( Das ist echt so furchtbar!

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  • Carolin1994
  • Kommentar 2
  • 12.05.2012 21:14

...und ich dachte, ich bin irgendwie komisch :D Seit Jahren kann ich vor 2 Uhr nicht einschlafen, komme ich morgens nicht aus dem Bett, verschlafe fast jede Woche mindestens einmal die Schule (gibt regelmäßig Ärger und ist total peinlich!!!), kann mich tagsüber überhaupt nicht konzentrieren und ab 22 Uhr laufe ich zu Höchstform auf! Da mache ich dann alle Schularbeiten, Aufsätze, Referate usw. und kann mich soo unglaublich gut konzentrieren! Mein Facharbeit -an die schreiben andere Monatelang!- habe ich in 5(!!!) Nächten jeweils von 23:30 bis 5:30 Uhr geschrieben und die Note 1,0 geschafft!

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  • icke
  • Kommentar 1
  • 24.08.2011 08:58

Ich bin weder Lerche noch Eule! Ich muß mich seit Jahren den Gewohnheiten meiner über mir wohnenden Türkischen Familie anpassen. Den ganzen Tag fast nicht zu hören,aber wehe es geht auf 19:00 Uhr zu,dann fangen die an zu lärmen das im Schrank die Tassen klirrenund das bis weit nach 23:00 Uhr.Das ich dann morgens kaputt bin,ist doch wohl klar.

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