Von Fabian Wahl
Die deutschen Kindertagesstätten (Kitas) sind einer Studie zufolge stark mit hormonellen Schadstoffen belastet. In den rund 60 untersuchten Kitas sei die Menge der Weichmacher dreimal höher als in üblichen Haushalten.
Den Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund) zufolge können die sieben festgestellten PhthalatePhthalate sind farblose, schwer flüchtige und fast geruchlose Flüssigkeiten, die sich in Wasser nicht lösen. das Hormonsystem dramatisch beeinträchtigen. Zudem könnten die Chemikalien Unfruchtbarkeit hervorrufen und das Risiko von Brust- und Hodenkrebs erhöhen.
Die bundesweit 60 Kitas hatten sich freiwillig für die Analyse des Hausstaubes gemeldet. In allen Proben seien Weichmacher nachgewiesen worden, sagte Bund-Chemieexpertin Sarah Häuser. Bei zwei Dritteln sei die Gesamtbelastung höher als in üblichen Haushalten gewesen. Am häufigsten traten die Phthalate DEHP und DINP auf.
Nicht alle Kitas waren im gleichen Maß betroffen. Während im Staub der insgesamt am niedrigsten belasteten Kindertagesstätte nur 133 mg DEHP/kg registriert wurden, lag der gesamte Phthalat-Wert in der am höchsten belasteten Kita bei 21.700 mg/kg. Den Angaben zufolge ist die Aufnahme von bis zu 0,05 mg DEHP pro Kilogramm Körpergewicht unbedenklich. In einem Fall lag der Wert bei 0,13. Insgesamt wurde diese Grenze in sechs Kitas überschritten.
Kinder können Belastung schlecht kompensieren
Der Grund für die hohen Werte ist laut Bund die häufige Nutzung von Weichmacher-Produkten in Kitas, darunter PVC-Böden, Turnmatten, Plastiktischdecken oder Gymnastikbälle.
Nach Angaben des Toxikologen Ibrahim Chahoud wirken Phthalate giftig. Kinder seien besonders gefährdet, da sich ihre Organe noch nicht ausreichend entwickelt hätten. Zudem hätten bei Kindern schon niedrige Dosen eine Wirkung, sagte der Professor der Berliner Universitätsklinik Charité. Durch die Belastung könnten bleibende Schäden wie eine verminderte Spermienproduktion entstehen.
Das Umweltbundesamt rät von der Verwendung von Phthalaten für Spielzeug generell ab. Einige von den Stoffen sind in Spielzeug grundsätzlich verboten, darunter DEHP. Gesetzliche Grenzwerte, die sämtliche Produkte umfassen, gibt es laut Bund aber nicht.
BUND sieht dringenden Handlungsbedarf
Bund-Chemieexpertin Häuser forderte von Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) einen umfassenden Schutz vor Phthalaten. Weichmacher müssten in allen Produkten, mit denen Kinder in Berührung kämen, verboten werden, sagte sie. Statt Weichmacher könnten alternative Stoffe wie Kautschuk eingesetzt werden. Die jetzige Situation sei nicht akzeptabel. «Kinder werden ohne Not einer großen Belastung ausgesetzt.»
Bundesregierung bleibt bei Dildos hart
Freiwillig der Not setzen sich Freunde der Lust aus, die beim Sexspiel auf Dildos und andere Lustmacher setzen. Doch die Bundesregierung plant keinen nationalen Alleingang gegen riskante Weichmacher im Sexspielzeug. «Die Verwendung von gefährlichen Stoffen für die Herstellung von Erotikartikeln ist kein auf Deutschland begrenztes Problem», heißt es in der Antwort auf eine Anfrage der Grünen, auf die der Pressedienst des Bundestags hinwies. Nationale Alleingänge könnten auch kaum Internetbestellungen und Importe regeln. Deutschland unterstütze ein harmonisiertes europäisches Vorgehen bei gefährlichen Stoffen.
Die Grünen hatten unter Berufung auf eine Studie des Magazins Öko-Test aus dem Jahr 2006 darauf hingewiesen, dass in allen der untersuchten Vibratoren Phthalate als Weichmacher gefunden wurden. In knapp der Hälfte wurden zudem polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe entdeckt. Zu den Risiken zählten Hormonstörungen, Diabetes und Krebs. Sexspielzeug bestehe bis zu 58 Prozent aus Weichmachern.
sca/rzf/news.de/dapd