Embryonenschutz
Die Antworten zur PID-Frage

Der Bundestag hat der Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland zugestimmt. Doch auch nach der Abstimmung bleibt das Thema umstritten. News.de hat die wichtigsten Fakten zum Gentest an Embryonen aus künstlicher Befruchtung zusammengefasst.

Der Bundestag entscheidet heute, ob zukünftig der Gentest an Embryos aus künstlicher Befruchtung in Deutschland erlaubt ist. Bild: dapd

Das waren die Vorschläge

Zur Abstimmung standen drei Vorschläge. Vor der Abstimmung waren nach Bundestags-Angaben 178 der 621 Abgeordneten noch unschlüssig.

Die Parlamentarier sind mehrheitlich dem Vorschlag der Bundestagsmitglieder Peter Hintze (CDU) und Ulrike Flach (FDP) gefolgt, die sich für eine begrenzte Zulassung der PID aussprechen. Den Gentest können demnach Paare in Anspruch nehmen, die genetisch so vorbelastet sind, dass ihre Kinder mit hoher Wahrscheinlichkeit als Tot- oder Fehlgeburt zur Welt kommen. Wer die PID an sich machen lassen darf, darüber soll im Einzelfall eine Ethikkommission entscheiden - der Eingriff darf nur in spezialisierten Zentren vorgenommen werden, die aber noch konkretisiert werden müssen.

FOTOS: Debatte um PID Designerbabys aus dem Reagenzglas?

Beispiel: Hatte ein Paar schon mehrere Fehlgeburten und zeigt sich bei den Untersuchungen, dass entscheidend veränderte Chromosomen für den Abgang verantwortlich sind und dass die Mehrheit aller Eizellen der Frau diese Defekte aufzeigen, darf der Arzt zusammen mit dem Paar bei der künstlichen Befruchtung den aussichtsreichsten Embryo aussuchen.

Dem gegenüber standen die PID-Gegner um CSU-Gesundheitsexperten Johannes Singhammer. Dieser befürchtet, dass Embryonen mit Defekten aussortiert werden - also ein Nein zu behindertem Leben immer mehr in der Gesellschaft zunimmt.

Der dritte Vorschlag war der Mittelweg aus Pro und Contra. Dieser Lösung, die Bundestagspräsident Norbert Lammert mit initiiert hat, folgte nur ein geringer Prozentsatz. Diese schlugen vor, die PID grundsätzlich zu verbieten, aber Ausnahmen zuzulassen - beispielsweise bei der erblichen Vorbelastung der potenziellen Eltern. Der Gentest soll dann aber nur in einem Zentrum möglich sein.

Wie kam es zu der Debatte?

Die PID galt bis zum Juli 2010 als generell verboten. Ein Urteil des Bundesgerichtshofes bewertete dies anders. Auslöser war der Berliner Mediziner Mathias Blöchle, der vor fünf Jahren die PID bei Paaren angewandt hatte. Das Problem ist das völlig überalterte Embryonenschutzgesetz, das die künstlichen Befruchtungen regelt, aber auch viel Interpretation bei der PID möglich machte. Um den Präzedenzfall herbeizuführen, zeigte Blöchle sich selbst an - und wurde freigesprochen.

Was sind die Vorteile der PID?

Den Paaren würde der ohnehin hohe Leidensdruck genommen. Bliebe die PID verboten, gebe es für die Betroffenen nur die Möglichkeit, schwanger zu werden und zu hoffen, dass das Kind sich als überlebensfähig im Mutterleib entwickelt. Denn das Risiko einer Fehlgeburt bleibt hoch und nimmt mit jedem weiteren Schwangerschaftsversuch zu. Alternativ bliebe, eine spätere Diagnose abzuwarten und dann über eine Abtreibung zu entscheiden, falls das Kind behindert sein wird.

Die PID kann umso effizienter eingesetzt werden, wenn der Humangenetiker weiß, nach welchem Gendefekt er suchen muss. Ist dieser bereits vor der Zeugung aus der Familiengeschichte bekannt, kann ein Experte erste Hinweise geben.

Beispielsweise bei Chorea Huntington, bei dem ein fehlendes Protein zu Hirnschäden beim Embryo führt. «In diesem Fall weiß man, wie das auf dem Gen aussieht. Daher kann man einfach nachsehen, ob der Mensch krank oder nur Träger sein wird. Das ist ein vergleichsweise leichter Befund», erläutert Professor Markus Montag von der Abteilung Reproduktionsmedizin an der Uniklinik Bonn.

Neben den genetisch vorbelasteten Paaren profitieren auch Frauen über 40 Jahre. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, nicht die korrekte Zahl an Chromosomen in den Eizellen zu haben. In diesem Fall hat der Embryo mehr oder weniger als die korrekte Zahl von 46 Chromosomen (je 23 von Mutter und Vater). Bekanntestes Beispiel dafür ist Trisomie 21, auch als Down-Syndrom bezeichnet. «Bei über 40-Jährigen endet fast die Hälfte der Schwangerschaften in einem Abort, weil sich bis zu diesem Lebensalter bereits viele Chromosomenschäden angesammelt haben», sagt Montag.

Die Aussagekraft der PID wächst dem Experten zufolge unter anderem durch den technischen Fortschritt bei der DNA-Analyse. Schon heute ließe sich das Erbgut eines Embryos vollständig lesen. Die Kosten fallen rasant. Ziel der US-Gesundheitsbehörden ist das 1000-Dollar-Genom. Es scheint nur eine Frage der Zeit, wann es erreicht und unterboten sein wird. «Je mehr Gene und Eigenschaften der DNA man kennt, umso mehr kann man untersuchen», sagt Montag.

Was sind die Nachteile?

Der Fortschritt ist Fluch und Segen zugleich. «Es ist absehbar, dass die Medizin in Bereiche kommt, in denen es ethisch sehr schwierig wird. Gerade deshalb ist es wichtig, differenzierte Regelungen zu finden», gibt der Professor zu bedenken. Und die sind noch nicht gesteckt. Das ist das Hauptargument, das den PID-Gegnern zuspielt.

Das ändert sich jetzt für Paare

Sie müssen nun nicht mehr ins Ausland reisen. Nach dem Ja von Deutschland ist die PID nur noch in Irland und Österreich verboten. In Nachbarländern wie Belgien hingegen ist der Gentest bereits seit 1994 gesetzlich verankert, in Frankreich und Dänemark jeweils seit 1999.

Belgien schien bisher besonders besonders beliebt gewesen zu sein. Nach EU-Angaben haben bis dato über 11.000 Kinder dank der PID ohne den entscheidenden Gendefekt das Licht der Welt erblickt - allein in der Hauptstadt Brüssel sind mehr als 1000 PID-Babys entstanden. In manchen Zentren beträgt die Wartezeit daher bis zu zwei Jahre.

Entscheidet sich ein deutsches Paar für diesen Schritt, kann es nicht auf Hilfe der Krankenkassen hoffen. Diese zahlen unter bestimmten Kriterien nur bundesweit die Künstliche Befruchtung zu einem Anteil von 50 Prozent, jedoch keine PID.

ham/rzf/news.de/dpa/dapd

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