Diabetes Prävention in Deutschland Schlusslicht

Diabetesplan (Foto)
Deutschland zählt in der Diabetes-Bekämpfung zum europäischen Schlusslicht. Das soll sich jetzt ändern. Bild: dpa

Andreas SchloderVon news.de-Redakteur
Diabetes ist mit über sechs Millionen Patienten längst eine Volkskrankheit. Der Kampf dagegen steckt noch in den Kinderschuhen. In Sachen Prävention ist Deutschland europaweit Schlusslicht. Mit dem Diabetesplan soll sich das jetzt ändern.

Die Bundesregierung - egal ob in Zeiten von Rot-Grün, der Großen Koalition oder aktuell Schwarz-Gelb - hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Und das seit fast zehn Jahren. «Bereits im Jahr 2002 wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeinsam mit der internationalen Diabetes Federation ein Papier verabschiedet, in dem die Regierungen aufgefordert wurden, nationale Programme zur Prävention des Diabetes zu entwickeln», erklärt Dr. Bernhard Kulzer, Geschäftsführer des Forschungsinstituts der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim.

Doch seitdem sei in Deutschland nichts passiert - auch nicht, nachdem die Vereinten Nationen sowie die Europäische Union nachdrücklich die Mitgliedsstaaten dazu aufriefen, eine nationale Strategie zu verfolgen. «Diese Diabetespläne wurden bereits in zahlreichen Ländern in und außerhalb der EU umgesetzt. Bisher allerdings nicht in Deutschland», beklagt Kulzer, der auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Verhaltensmedizin der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) ist.

Diabetes
Promis im Kampf gegen den Zucker

«Es sind zehn verschenkte Jahre»

Wie notwendig eine schnelle Umsetzung in der Bundesrepublik ist, wird anhand dieser Zahlen ersichtlich: Bereits heute ist in Deutschland fast jeder Dritte über 70 Diabetiker. Pro Tag erkranken 700 Deutsche neu an der Volkskrankheit. Bis 2030 erwarten die Experten einen Anstieg von über 1,5 Millionen auf acht Millionen Patienten. «Dabei ist schon jetzt ein weiterer Anstieg für unser Gesundheitssystem nicht mehr zu stemmen», mahnt Kulzer. Allein zwischen 2000 und 2007 sind die Ausgaben für die Diabetesbehandlung und deren Begleiterkrankungen um 47 Prozent gestiegen - Tendenz stark zunehmend. Allein zwölf Prozent aller Diabetiker müssen Kulzer zufolge aufgrund ihrer Depressionen als Folgeerkrankung klinisch behandelt werden.

Diabetes Typ 2
Mit 600 Kalorien gegen zu viel Insulin
Video: AP

Das ist aber nicht das einzige ungelöste Problem: Wie die Ergebnisse aus bevölkerungsbasierten Erhebungen zeigen, ist die Zahl der unentdeckten Diabeteserkrankungen sehr hoch. «Sowohl in der Altersgruppe der 35- bis 59-Jährigen als auch in der Gruppe der 55- bis 74-Jährigen kommt nach den vorliegenden Zahlen auf einen diagnostizierten Diabetesfall ein unentdeckter», sagt Kulzer.

Umso wichtiger ist es, mit einer einheitlichen Strategie der Volkskrankheit endlich zu Leibe zu rücken. «Es sind zehn verschenkte Jahre», kritisiert der DDG-Experte. Doch die verlorene Zeit mache eines deutlich: «Es fühlt sich niemand für die Prävention verantwortlich. Es gibt keinen strukturierten Plan, zudem müsse seitens der Politik nicht nur das Gesundheitsministerium eingebunden werden», nennt Kulzer die Gründe. «Dabei würde eine frühe Therapie helfen, Geld zu sparen.»

Der Krebsplan als Vorbild

Mittlerweile ist Bewegung in den Nationalen Diabetesplan gekommen. Die Gesellschaften DDG und diabetesDE haben sich mit ihren Forderungen an das Gesundheitsministerium gewandt. Der amtierende Wirtschaftsminister Philipp Rösler hat angeregt, den Diabetesplan nach dem Vorbild des Nationalen Krebsplanes zu gestalten, der seit 2008 in Kraft ist. «Hierfür sollen die wichtigsten Organisationen, Institutionen und Patientenverbände eingebunden werden, die für die Prävention, Versorgung und Forschung von Diabetes in Deutschland verantwortlich sind», erklärt Kulzer. Neben den Diabetesgesellschaften hält der Experte die Einbindung des Verbandes der Hausärzte als Schlüssel zum Erfolg, da dieser den Praxisbezug hat.

Dem DDG-Vertreter zufolge gebe es fünf Handlungsfelder, die in dem nationalen Plan berücksichtigt werden müssen: die Prävention, die Früherkennung, ein Datenregister, das Einblick in die Qualität der Versorgung bringen soll, die Versorgungsforschung sowie die Rolle des Patienten zu stärken, indem ihm eine gezielte Unterstützung gegeben werden muss - beispielsweise in Form von Beratungsstellen.

Dass die Politiker den Krebsplan kopieren wollen, kommt nicht von ungefähr: Wie das Gesundheitsministerium im Internet schreibt, haben sich die Überlebenschancen krebskranker Menschen dank der verbesserten Früherkennung und Therapie seit den 1970er Jahren deutlich verbessert. «Nach der letzten Veröffentlichung des Robert Koch-Instituts für den Berichtszeitraum 2000 bis 2004 betragen die relativen Fünf-Jahres-Überlebensraten für alle erfassten Krebserkrankungen bei Frauen 60 Prozent und bei Männern 53 Prozent. Bei Frauen bedeutet dies eine Steigerung um zwei und bei Männern sogar um fünf Prozentpunkte im Vergleich zum Berichtszeitraum 1994 bis 1998», heißt es auf der Homepage.

Für einige Krebsarten sind die Überlebenschancen inzwischen sehr gut. So liegen die relativen Fünf-Jahres-Überlebensraten von Brustkrebspatientinnen bei 81 Prozent und bei Männern mit Hodenkrebs bei nahezu 100 Prozent. Erfreulicherweise haben sich auch die Überlebensraten bei krebskranken Kindern in den letzten Jahrzehnten erheblich verbessert. Während die 5-Jahres-Überlebensraten für die Anfang der 1980er Jahre erkrankten Kinder bei 67 Prozent lagen, betragen diese mittlerweile 80 Prozent.

Doch die Zeit drängt, bis September muss die Strategie stehen, da sich in diesem Monat der UN-Gipfel mit den Thema beschäftigt. «Der Druck auf die Politik ist jetzt groß genug», meint Kulzer.

zij/som/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Rudolf Micknass
  • Kommentar 1
  • 05.07.2011 03:55

Im alten China zahlte man an die Aerzte,solange man gesund war.Im Krankheitsfall musste der Arzt dann schnell aktiv werden,damit die Einnahmen weiter flossen. Jetzt wird an der Krankheit verdient,und das nicht schlecht! Auf meine Bitte,einmal meine Theorie zu ueberpruefen oder zu beurteilen,dass die Zunahme des Diabetes mit der Abnahme der Bitterstoffe in unserer Ernaehrung zusammenhaengen koennte ( dafuer gibt es Anhaltspunkte),keine Antwort von aerztlichen Kapazitaeten oder na,ja,aber wir koennen nicht allen Hinweisen nachgehen.Ein Hinweis-keine Verurteilung!

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig