Von news.de-Redakteurin Fabienne Rzitki
Die Deutschen spenden zu wenig Organe und das, obwohl mehr als die Hälfte der Bundesbürger dazu bereit wäre. Politiker wollen deshalb die gesetzliche Organspende-Regelung reformieren. Die Chancen stehen gut, dadurch die Spenden zu erhöhen.
In Deutschland warten jährlich mehr als 12.000 Menschen auf ein Spendeorgan. Jeder Vierte geht dabei leer aus. Den Kampf gegen die Zeit verlieren etwa 1000 Menschen jährlich. Der Grund: Es gibt viel zu wenig Spender. Besonders fatal dabei ist die Tatsache, dass ein einziger Spender bis zu sechs Menschenleben retten kann.
Deshalb beraten Politiker bei der Gesundheitsministerkonferenz in Frankfurt über eine neue Organspenderegelung. Zudem will der Bundestag noch am selben Tag Experten zu rechtlichen und ethischen Aspekten befragen. Ziel ist es, die Spenden künftig zu erhöhen.
Debattiert werden derzeit vor allem zwei Vorschläge: Die Entscheidungs- und die Widerspruchslösung, wobei sich offenbar ein parteiübergreifender Konsens für erstere abzeichnet. Doch wie der Präsident der Bundesärztekammer Dr. Frank Ulrich Montgomery news.de verlautbaren ließ, soll noch ein weiteres Konzept zur Diskussion gestellt werden. Es soll die positiven Aspekte sowohl der derzeit geltenden erweiterten Zustimmungslösung wie auch der sogenannten Widerspruchslösung vereinen: die Informations- und Selbstbestimmungslösung mit Erklärungspflicht.
Entscheiden, widersprechen oder ...?
Bei der Entscheidungslösung soll jeder Bürger mindestens einmal im Leben gefragt werden, ob er nach seinem Tod als Spender infrage käme. Dieser Entschluss soll dokumentiert werden - im Personalausweis, Führerschein oder der Krankenversicherungskarte. Bürger sollen aber nicht verpflichtet werden, eine Entscheidung zu treffen.
Dagegen gibt es nur wenige Befürworter der sogenannten Widerspruchslösung. Demnach müsste jeder Deutsche ausdrücklich einer Organspende widersprechen. Wer das nicht macht, wäre automatisch Spender. SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach glaubt, dass diese Lösung die Ängste in der Bevölkerung unnötig schüre. Und auch Bischof Wolfgang Huber mahnt: «Wir verstehen die Organtransplantation als eine durch Fortschritte der Medizin ermöglichte Weise, in der ein Mensch einem anderen aus Liebe zum Leben helfen kann.» Diesen Charakter verliere sie, «wenn aus der Organspende eine Organbereitstellungspflicht wird».
Ziel der Informations- und Selbstbestimmungslösung mit Erklärungspflicht von der Bundesärztekammer sei es, «dass möglichst viele Menschen ihre Bereitschaft für eine Organ- und eine Gewebespende erklären», so Montgomery. Dabei solle das Selbstbestimmungsrecht der Bürger gewahrt bleiben: Wer zu Lebzeiten keine Erklärung zur Organspende abgegeben hat, scheide nicht automatisch als Spender aus. Nach dem Tod würde der mutmaßliche Wille des Verstorbenen durch die Befragung von Angehörigen ermittelt. Stellt sich dabei heraus, dass er einer möglichen Spende positiv gegenüberstand, solle einer Organ- und/ oder Gewebsentnahme nichts mehr im Weg stehen.
Reform zwingend notwendig
Im Bundesdurchschnitt stieg 2010 die Zahl zwar auf 15,9 Spendern pro eine Million Einwohner, was deutlich mehr ist als 2009. Jedoch bekundeten in einer repräsentativen Umfrage 74 Prozent der Befragten ihre Spendebereitschaft. Luft nach oben ist also noch reichlich.
Dass bei einer so hohen Spendebereitschaft nur wenige Menschen einen Organspendeausweis haben, dafür machen viele Politiker die seit 1997 gültige erweiterte Zustimmungslösung verantwortlich. Wieso das letztendlich so wenige tun?
Ein Grund ist, dass es für die Bereitwilligen bisher keinen konkreten Anlass gab, darüber nachzudenken. Ein Weiterer: Viele möchten sich mit dem Thema Tod nicht auseinandersetzen. Zudem spielt Angst eine Rolle, ob jemand überhaupt für das Thema Organspende offen ist. So fürchten sich viele Menschen davor, dass sich Ärzte im Zweifelsfall nicht für den Patienten, sondern für dessen Organe entscheiden. Auch vor Organhandel haben viele Menschen Angst, wie eine Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigt. 47 Prozent der Befragten befürchten Mißbrauch.
«Wir müssen diese Ängste der Bürgerinnen und Bürger ernst nehmen», mahnt Montgomery. Eine Organentnahme ohne Einwilligung nähme den Menschen das im Grundgesetz garantierte Selbstbestimmungsrecht, so der Präsident der Bundesärztekammer gegenüber news.de. «Es gibt in Deutschland auch keine wie auch immer geartete ‹Sozialpflicht› für Leichen», so Montgomery. Er fordert deshalb: «Die Bereitschaft zur Organspende sollte deshalb nicht gesetzlich verordnet werden.»
Die Medaille hat zwei Seiten
Kritik indes hagelt es vom Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Günter Kirste wirft der Politik vor, das Thema zu lange vernachlässigt zu haben. «Erst seitdem es eine EU-Direktive gibt, scheint diese Dringlichkeit angekommen zu sein.» Nach Vorgaben der EU muss bis Mitte 2012 ein neues Transplantationsgesetz verabschiedet werden. «Dass alle nun so alarmiert tun, kommt mir etwas scheinheilig vor.»
Zudem käme es nicht nur auf die Spender an, hieß es bei der DSO gegenüber news.de. Wichtig sei auch, durch das Gesetz neue Strukturen zu schaffen, die die Organspende vereinfachen. Laut DSO müsste es beispielsweise einen Transplantationsbeauftragen in den Krankenhäusern geben.
ham/sis/news.de/dpa
@Ungläubiger: Das gehirn ist tatsächlich tot, es findet keine zentrale Wahrnehmung mehr statt. Das Nervensystem des Menschen, dess Vitalfunktionen künstlich aufrecht erhalten werden, reagiert jedoch noch. Aber solche Bilder sind natürlich schwer zu verstehen udn lassen sich prima instrumentalisieren. Aber genau aus diesem Grund, weil jeder seine ganz persönliche Sichtweise haben darf, darf sich auch jeder frei entscheiden, ob er spenden möchte oder nicht, aus welchen Gründen auch immer. Das ist gut so, egal wie die Entscheidung ausfällt.
jetzt antwortenKommentar meldenMontgomery spricht von "nach dem Tod" und "Verstorbenen". Die Organe werden jedoch dem lebenden Menschen entnommen. Die Bez. "hirntot" ist irreführend. Bericht aus dem OP: "So ist es kein Wunder, dass viele Ärzte und OP-Schwestern beobachten konnten, wie angeblich tote Patienten auf dem Operationstisch sich mit aller Kraft gegen die Organentnahme zur Wehr setzten, um sich schlugen, sich aufrichteten und den Arzt wegzustoßen versuchten. Dieses bei ´Toten` unübliche Gebaren versucht man zu verhindern, indem man zur Sicherheit eine Narkose durchführt oder den Körper festbindet." Wirklich tot?
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