Sa., 26.05.12

Patientenwissen 16.06.2011 Vorsicht vor Dr. Google

Internet taugt als Medizinratgeber nur bedingt (Foto)
Krankengeschichten werden im Internet gern ausgetauscht. Mancher Patient gerät damit aber an falsche Selbstdiagnosen. Bild: dpa

Die Diagnosen der Ärzte mögen zwar verschlüsselt sein. Doch Patienten wollen wissen, was hinter dem medizinischen Fachjargon steckt und suchen deshalb nach Aufklärung im Internet. Mediziner sind davon nicht begeistert.

Patientenforen, Klinikfinder oder Arztnavigatoren im Internet bieten nach Meinung der Gesundheitswissenschaftlerin Sylvia Sänger nur informierten Menschen Orientierung. «Um sich in der Fülle der Internetinformationen zurechtzufinden, muss man Seriöses von Unseriösem unterscheiden können», sagte die Expertin vom Universitätsklinikum Jena. Dies könnten die meisten Menschen nicht. «Viele denken, weil etwas im Internet steht, stimmt's.» Nur ein Bruchteil der Gesundheitsseiten sei seriös.

Sänger leitet am Jenaer Klinikum die Gesundheitsuniversität, die unter anderem Vorlesungen und Kurse für medizinische Laien organisiert. Nach ihren Beobachtungen tun sich Ärzte mit der zunehmenden Nutzung von «Dr. med. Google» durch Patienten schwer. «Viele Ärzte haben regelrecht Angst vor dem informierten Patienten.» Sie argwöhnten, dass Patienten sie kontrollieren wollten. «Das ist natürlich Unfug. Internetbewertungen sind heutzutage einfach normal, es gibt sie ja auch für Hotels oder Flüge.» Statt das Internet zu verteufeln, sollten Mediziner aktiv damit umgehen. «Ärzte müssen in der Lage sein, ihren Patienten gute Seiten zu empfehlen.»

Positiv: Verbraucher können dank Internet auf wissenschaftliche Leitlinien von medizinischen Fachgesellschaften und Informationen zugreifen, die normalerweise nur Ärzten vorbehaltenen sind. Diese sind zwar oft hochfachlich, «aber Patienten können Ärzte informiert fragen - und genau darum geht es», so Sänger.

Patientenforen auf Datenfang

Wichtig für den Verbraucher ist es, die Infomationen im Internet zu hinterfragen - ganz besonders bei Heilsversprechen und Therapien. Auch Internetseiten und -foren zur Patientenselbsthilfe sieht die Expertin zwiespältig: «Es ist natürlich vorteilhaft, wenn Ratsuchende nicht erst irgendwo hingehen müssen, sondern anonym von den Erfahrungen ebenfalls Betroffener profitieren können. Andererseits wissen sie nie, mit wem sie sich da gerade über hochsensible Dinge unterhalten.»

Vorsicht sei geboten, wenn in Foren persönliche Daten wie Mail-Adressen, Telefonnummern oder Krankengeschichten abgefragt würden. Immer wieder gebe es auch Hinweise, dass Patientenforen von Dritten abgeschöpft würden. «Da sind zum Beispiel oft Pharma-U-Boote drin.»

Viele Menschen mache Dr. Google zudem durch ungefilterte Informationen krank. «Wir haben mittlerweile das Krankheitsbild Cyberconder», sagte Sänger. Dabei entdeckten Menschen via Internet vermeintliche Symptome an sich und versuchten diese in Selbstdiagnosen zu deuten.

Erhebliche Unterschiede in der Qualität weisen Ärzte- und Kliniknavigatoren auf. Dort klicken sich nach Sängers Beobachtung häufig Menschen ein, die mit einer Behandlung entweder sehr zufrieden oder absolut unzufrieden seien. «Das Problem ist, dass Verbraucher die Qualität der ärztlichen Behandlung letztlich nicht einschätzen können.» Die Aussagekraft hänge zudem von der Zahl der Bewertungen ab. Am tauglichsten seien Internet-Arzt- und Klinikfinder von Krankenkassen. «Diese fragen strukturiert und beziehen auch Qualitätsberichte von Kliniken ein, da kommt eine große Anzahl von Bewertungen zusammen.»

ham/beu/eia/news.de/dpa
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