Übergewicht behandeln Ärzte kontra Kassen

Der Kampf gegen Übergewicht wird immer häufiger auf dem OP-Tisch ausgetragen. Doch bei Magenverkleinerung & Co. gibt es große Bedenken. Die Krankenkassen schwören weiterhin auf konservative Therapien - zum Unmut von Patienten und Ärzten.

Übergewicht (Foto)
Rund eine Million Deutsche sind schwerst adipös. Nur bei 2100 von ihnen wurde aber im vergangenen Jahr der Magen verkleinert. Bild: dpa

Auf die Bundesrepublik kommt ein dickes Problem zu. Wie in der aktuellen Nationalen Verzehrstudie ermittelt wurde, sind bereits 51 Prozent der Deutschen übergewichtig. Noch bedenklicher: «Allein 20 Prozent gelten schon als adipös, haben also einen Body-Mass-Index (BMI), der über dem Wert 30 liegt», erklärt Wolfgang Klink. Eine Million Erwachsene weisen sogar einen BMI über 40 auf. Der Barmer-Sprecher weiß, wovon er spricht. Bei rund elf Prozent der derzeit mehr als acht Millionen Versicherten der Krankenkasse wurde Adipositas diagnostiziert, erklärt er auf news.de-Anfrage.

Da ist die Barmer nicht allein. Die Kosten für die Behandlung von adipösen Patienten in Deutschland gehen jährlich in die Milliarden: Über 85 Millionen Euro werden allein für Medikamente ausgegeben. Die Therapie von Begleitererkrankungen wie Diabetes verschlingt jährlich 11,26 Milliarden Euro.

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Hinzu kommen indirekte Kosten wie Arbeitsunfähigkeit in Höhe von 1,6 Milliarden Euro. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. «Bis 2020 werden die Kosten wohl von 15 auf rund 20 Milliarden Euro ansteigen», vermutet Klink.

Die fast schon als epidemisch zu bezeichnenden Zuwächse von Adipositas-Patienten weltweit lassen sich durch Medikamente, Rehakliniken und Diäten nicht mehr in den Griff bekommen. Letzte Chance: die Adipositaschirurgie, bei der beispielsweise der Magen verkleinert wird.

Der Trend zur OP?

«Der Fortschritt in der Chirurgie und das zunehmende Angebot von Kliniken sind
vielmehr als Grund zu sehen, dass der Kampf gegen überflüssige Pfunde vermehrt auf dem OP-Tisch ausgetragen wird», sagt Reinhild Haacker, Sprecherin der DAK. Im vergangenen Jahr habe die Krankenkasse die Kosten von 406 Magenbandoperationen übernommen - fast ein Viertel mehr als 2009.

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Doch von einem Trend in Deutschland zu sprechen, davon kann keine Rede sein. Das verdeutlicht eine aktuelle Studie, die im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht wurde. Zwar stieg die Zahl der weltweit durchgeführten Adipositas-Operationen innerhalb von zehn Jahren um 761 Prozent an. Im Jahr 2008 gab es insgesamt 344.221 Eingriffe - davon allein 220.000 in Nordamerika. Deutschland ist nur Mittelmaß.

Während Frankreich mit 13.722 Operationen Spitzenreiter in Europa ist, rangiert die Bundesrepublik mit 2117 Eingriffen lediglich auf dem achten Platz - noch hinter Griechenland mit 2875 Magenverkleinerungen. «Diese vergleichsweise geringe Operationsfrequenz hierzulande steht im Gegensatz zur Anzahl von mehr als einer Million erwachsenen Deutschen mit morbiderkränklich Adipositas», schreiben die Studienleiter.

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«Die Messlatte ist viel zu hoch»

Genau darüber ärgert sich Professor Edward Shang vom Universitätsklinikum Leipzig. Dass die Adipositaschirurgie in Deutschland ein Schattendasein fristet, liegt dem bariatrischenBehandlung von Schwergewichtigen Chirurgen zufolge an zwei Dingen: Zum einen habe diese Chirurgieform in Deutschland lange Zeit keine Rolle gespielt. «Zum anderen wird die Zahl der genehmigten OPs unverändert durch das zurückhaltende Kostenübernahmeverfahren der Kassen begrenzt. Wie sollen wir die Riesenflutwelle an morbid Adipösen jemals in den Griff bekommen, wenn jedes Jahr immer mehr Patienten hinzukommen?», beklagt Shang.

Der Chirurg, der am neuen Forschungszentrum IFB Adipositaserkrankungen im Jahr bis zu 100 Operationen durchführt, hat das Problem längst ausgemacht: den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK), der in einem Gutachten bewertet, ob die Kasse für die Operation aufkommt. «Die Messlatte des MDK ist noch viel zu hoch», kritisiert der Professor.

Das sehen die Krankenkassen ganz anders. Sie warnen vor dem Eingriff. «Eine solche Operation wird deshalb besonders geprüft, weil ein eigentlich gesundes und intaktes Organ verändert wird», begründet Ann Marini, Sprecherin der Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen (GKV). Eine Magenoperation diene zwar der Behandlung von extremem Übergewicht, sei jedoch nur bei ganz bestimmten Patienten sinnvoll, ist Marini überzeugt.

Komplikationen bei Übergewichtigen vielfach erhöht

Barmer-Sprecher Klink gibt zu bedenken, dass eine Magen-Operation noch immer in den Bereich der HochrisikiochirurgieErhöhtes Risiko, nach der Operation Langzeitkomplikationen zu bekommen, die das Leben bedrohen, fällt. Dennoch hat die Krankenkasse 2009 allein 312 Operationen bewilligt - 2006 durften sich gerade einmal 85 Menschen der gefährlichen Operation unterziehen. Zu den schwerwiegendsten Komplikationen, zu denen es bei dem Eingriff kommen kann, zählen Lungenembolie, MagenperforationDer Magendurchbruch ist eine krankhafte Öffnung der Magenwand, meist als Komplikation in Folge einer Verletzung. Dabei kann der Mageninhalt in die Bauchhöhle austreten und das Bauchfell entzünden. und Wundinfektion.

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«Allein die Narkose gilt bei adipösen Menschen schon als risikoreich», erklärt Christine Göpner-Reinecke, Sprecherin der AOK. Zwischen dem ersten und dritten Quartal 2010 hat die Kasse 236 Operationen bewilligt - 2009 waren es 292 Eingriffe. Obwohl die AOK auch auf Magenband-OPs als Behandlungsmaßnahme gegen Übergewicht setzt, legt sie Wert darauf, dass es sich dabei nur um eine von zahlreichen Behandlungsmöglichkeiten handelt.

Auch die Techniker Krankenkasse (TK) vertritt die Meinung, dass erst, wenn alle konservativen Behandlungsmethoden ausgeschöpft wurden und die medizinischen Voraussetzungen erfüllt sind, chirurgische Maßnahmen gegen Adipositas ergriffen werden können, wie TK-Sprecherin Nicole Ramcke mitteilt. Dies war 2010 bei rund 600 Patienten der Fall.

Professor Shang geht das nicht weit genug. «Natürlich müssen die Patienten vor einer OP ein konservatives Programm durchlaufen haben. Es macht aber keinen Sinn, Patienten immer wieder in irgendwelche Programme zu stecken, bis sie dann immer mehr Begleiterkrankungen entwickeln - im schlimmsten Fall irreversible Spätfolgen», kritisiert der Chirurg.

Vorteile der OP sind eindeutig

Bei den Kosten sei die konservative Therapie die günstigere Variante, behaupten zumindest die Vertreter der Krankenkassen. Dem widerspricht Shang. Während die konservative Therapie das Gewicht langfristig nur um ein bis zwei Prozent senkt, liegt die Erfolgsquote bei chirurgischem Verfahren bei bis zu 70 Prozent. Auch 15 Jahre nach dem Eingriff beträgt der Gewichtsverlust noch 48,5 Prozent. Zudem seien die Therapiekosten durch die Senkung von Begleiterkrankungen schon nach drei Jahren postoperativ eingespielt - genauso lange kann es dauern, bis eine OP vom MDK genehmigt wird.

Wie gut, wenn der Patient privatversichert ist: Debeka-Sprecher Christian Arns zufolge übernimmt die Kasse die OP-Kosten, sobald der behandelnde Arzt die medizinische Notwendigkeit bestätigt. Eine entsprechende Prüfung über Sinn oder Unsinn der Behandlungsmethode finde ihrerseits nicht statt.

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mik/ham/som/cvd/news.de

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Gerhard Kreuter
  • Kommentar 1
  • 08.10.2011 14:19

Hochrisikochirurgie ist die richtige Bezeichnung. Nur wer vom Leben nichts mehr zu erwarten hat, stellt sich dieser experimentellen Chirurgie a la Prof. Weiner. www.adipositas.blog.de

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