Platzangst Wenn die Masse Panik auslöst

Menschenansammlung (Foto)
Agoraphobiker haben Angst vor Plätzen mit vielen Menschen. Mekka wäre nichts für sie. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Fabienne Rzitki
Sie zählt zu den häufigsten Angststörungen - die Agoraphobie. Betroffene haben Angst vor überfüllten Konzertsälen und Straßenbahnen. Im schlimmsten Fall verlassen die Phobiker nicht mehr das Haus. News.de hat mit einem Experten gesprochen.

Herr Groß, was ist Agoraphobie?

Peter Groß: Agoraphobie - im engeren Sinne Platzangst - ist eine Angststörung. Sie ist meistens mit mehreren Ängsten gekoppelt. Zusätzlich kommt es oft zu PanikattackenPanikattacken sind plötzlich auftauchende Angstanfälle, die für den Betroffenen ohne erkennbare Gründe passieren. . Betroffene haben Angst in vollen Zügen, Konzertsälen oder im Kino - also überall dort, wo sich viele Menschen aufhalten. Die Angst kann auch mit einer Klaustrophobie gekoppelt sein. Das heißt, auch in engen Räumen kommt es zur Angst. Dabei überwiegt das Gefühl, dass es keinen Fluchtweg gibt wie etwa im Flugzeug oder in der U-Bahn. Betroffene haben Angst vor einem Kontrollverlust, verrückt zu werden. Manche befürchten, einen Herzinfarkt zu bekommen oder zusammenzubrechen.

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Wie äußert sich die Angst?

Groß: Körperlich macht sich das mit Schweißausbrüchen, Herzrasen, Zittern und Kurzatmigkeit bemerkbar. Den Leuten wird schlecht und schwindelig. Zusätzlich setzt bei einer Panikattacke das rationale Denken aus. Die Gedanken kreisen nur noch um die Angst.

Wie viele Menschen leiden unter Agoraphobie?

Groß: Schätzungen zufolge haben acht Prozent aller Menschen einmal im Leben Platzangst, Frauen häufiger als Männer. Das Verhältnis beträgt etwa 70 zu 30 Prozent. Die Platzangst tritt häufig im Alter zwischen 20 und 30 auf. Aber auch Kinder können betroffen sein.

Was sind die Ursachen für Platzangst?

Groß: Die meisten Fälle, die ich kenne, sind auf traumatische Erlebnisse zurückzuführen. Manchmal können die Leute sich nicht mehr an das auslösende Moment erinnern, besonders wenn die Angst schon länger besteht.

Gibt es unterschiedliche Schweregrade der Agoraphobie?

Groß: Ja. Bei sehr schwachen Ausprägungen kommt es vor, das die Angst von allein wieder verschwindet. Ist die Ausprägung sehr stark, reicht schon der Gedanke an die angsteinflößende Situation und es wird Angst ausgelöst. Das kann sogar dazu führen, dass der Betroffene das Haus jahrelang nicht mehr verlässt.

Die Angst kann sich demnach verstärken?

Groß: Ja. Typisch bei Angsterkrankungen ist das Vermeidungsverhalten. Dadurch kann man in der Realität nicht mehr überprüfen, ob eine ähnliche Situation wieder so schlimm würde. An die Stelle der Realitätsprüfung tritt dann die Fantasie. Das heißt, eine Erwartungsangst - die Angst vor der Angst - entsteht. Die Angstsymptome tauchen auch auf, wenn nur an eine angsteinflößende Situation gedacht wird. Das Gehirn kann also nicht mehr unterscheiden zwischen einer realen Situation und Phantasie. Es bewertet beides gleich.

Welche Folgen hat eine unbehandelte Angst?

Groß: Menschen, die stark unter Agoraphobie leiden, haben mitunter Angst, allein zu reisen oder mit dem Flugzeug zu fliegen. Das kann sogar dazu führen, dass sie im schlimmsten Fall ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Die Angst schaukelt sich immer weiter hoch. Die Betroffenen befinden sich in einem Kreislauf der Angst, sind dem völlig hilflos ausgeliefert. Sie können das nicht steuern.

Welche Therapie empfehlen Sie?

Groß: Der Kreislauf der Angst muss durchbrochen werden mittels Verhaltenstherapie beziehungsweise Konfrontationstherapie. Dabei wird für den Patienten eine Angsthierarchie erstellt, es werden Situationen ausgewählt, in denen die Angst von «sehr stark» bis «eben noch beherrschbar» auftritt. Beispiel Fahrstuhl: In die erste Etage zu fahren, ist Stufe eins, für den Betroffenen gerade noch zu bewältigen. Der zehnte Stock ist die letzte Stufe, also die schlimmste auslösende Situation. Gleichzeitig werden Entspannungstechniken angewandt.

Wie viele Sitzungen sind nötig?

Groß: Das ist unterschiedlich und hängt davon ab, wie lange jemand eine Angststörung hat. Mit 10 bis 15 Sitzungen kann man die Angst gut in den Griff bekommen - wenn sie nicht schon chronisch ist. Die Krankenkassen übernehmen die Behandlung.

Gibt es noch andere Therapien?

Groß: Einige Kollegen behandeln mittels Reizüberflutung. Dabei soll angeblich manchmal eine Sitzung ausreichen. Ich bezweifle, dass das funktioniert. Denn: Wer gleich mit der extremsten Konfrontation beginnt, kann möglicherweise seine Angst noch verstärken. Es gibt auch Ärzte, die Pillen wie trizyklische Antidepressiva, Tranquilizer oder Serotoninwiederaufnahmehemmer verschreiben. Davon rate ich als einzige Maßnahme eher ab, weil dadurch lediglich die Symptome unterdrückt werden. Die Angst wird zwar reduziert, aber meist noch wahrgenommen. Dadurch entsteht oft eine psychische Abhängigkeit von den Medikamenten, denn der Betroffene meint: Wenn ich das schon mit Pillen noch spüre, wie schlimm muss es dann erst ohne sein! Damit wird der nötige Schritt des Absetzens immer wieder verschoben. Manchmal jahrelang.

Welche Tricks gibt es, um die Angst im Zaum zu halten?

Groß: Wer Angst hat, atmet flach. Deshalb ist es ratsam, in angsteinflösenden Situationen tief ein- und auszuatmen. Zusätzlich kann Bewusstseinstraining wie Meditation helfen. Der Betroffene lernt dabei, die Rolle des Beobachters einzunehmen, seine eigene Angstreaktion sozusagen aus der Distanz wahrzunehmen. Damit verliert die Angst ihre Macht. Das ist vergleichbar mit einem Kinobesuch. Man kann sich in das Geschehen des Horrorfilmes reinziehen lassen oder aber man erinnert sich, dass man in Wirklichkeit bequem und sicher als Zuschauer im Kinosessel sitzt.

Peter Groß ist Diplompsychologe aus Köln. Er beschäftigt sich mit zahlreichen Störungsbildern, darunter auch Flug- und Examensangst.

zij/ham/news.de

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