Von news.de-Redakteur Christian Mathea
Ein guter Wein muss etwas kosten. Das ist eine der vielen Halbwahrheiten über den märchenhaften Traubensaft. Faszinierend ist, was den Geschmack noch alles beeinflusst. Ein Ausflug in die Psychologie des Weintrinkens.
Männer sind die besseren Weinkenner?
Das stimmt nur zum Teil. Denn normalerweise wären Frauen die besseren Weinkenner. Männer sind ihnen in Geruchs- und Geschmackserkennung unterlegen. Das behauptet zumindest Hans-Georg Häusel, Diplom-Psychologe und geschäftsführender Gesellschafter der Münchener Unternehmensberatung Gruppe Nymphenburg. «Frauen nehmen die Welt auf allen Sinnen etwa zehn Prozent früher und intensiver wahr. Wenn sie eine Frau trainieren im Weintrinken, und wenn sie einen Mann trainieren, wird die Frau besser sein», sagt Hans-Georg Häusel zu news.de.
Warum sind dann die großen Weinkenner trotzdem fast alles Männer? Das habe mit sozialem Status zu tun, den sich Männer versprechen, wenn sie ihr Fachwissen in großer Runde preisgeben könnten: «Die Männer beschäftigen sich sehr intensiv mit Wein. Weil sie sich sehr intensiv damit beschäftigen, kriegen sie natürlich auch Erfahrung. Aber von den grundsätzlichen Möglichkeiten her, Differenzen im Wein selbst zu spüren, wären Frauen besser.»
Teurer Wein schmeckt!
Egal, ob Bordeaux, Rioja oder Chardonnay: Ein guter Schluck Wein muss eben etwas kosten, um richtig zu schmecken. Das haben psychologische Tests am California Institute of Technology nachgewiesen. Dort bekamen alle Testpersonen denselben reinen Wein eingeschenkt. Der einen Gruppe erzählten die Forscher aber, dass der Wein teuer ist. Die anderen Testpersonen gingen davon aus, dass es sich um durchschnittlichen Wein handelt.
Genießen durften die Testpersonen den Traubensaft übrigens in der überaus romantischen Umgebung eines Magnetresonanztomographen. Dadurch hatten die Forscher einen tiefen Einblick in das Gehirn der Verkoster und stellten fest, dass teure Weine wirklich besser schmeckten. Und das nicht nur, weil es die Teilnehmer sagten. Zusätzlich zeigte sich das bessere Geschmacksempfinden in den Gehirnen durch eine höhere Aktivität im medialen orbitofrontalen Kortex. Diese Gehirngegend ist an der Bewertung von Geruch und Geschmack beteiligt.
Daraus lässt sich schließen: Den Erfolg eines Produktes bestimmen nicht nur dessen Inhaltsstoffe, sondern auch die Erwartungen der Weinkäufer.
Übrigens, guter Wein schmeckt schon, bevor er die Zunge und den Gaumen umgarnt. «Der Preis hat eine direkte Belohnungsstruktur», sagt Hans-Georg Häusel. Eine Vielzahl von Untersuchungen hätte gezeigt, dass billige Weine in teuren Flaschen das Belohnungszentrum im Gehirn der Probanden wesentlich stärker aktivieren. Daraus schließt der Psychologe: «Wenn ich sehe, es ist eine teure Flasche, obwohl nur ein Aldi-Wein drin ist, dann leuchtet das Belohnungszentrum im Gehirn doppelt so stark auf als bei einem Aldi-Wein aus der Aldi-Flasche.»
Mit dem richtigen Licht mundet's besser!
Doch nicht nur der Preis, auch die Farben wirken sich auf den Geschmack von Wein aus. Wein schmeckt nämlich bei rotem und blauem Licht besser als bei grünem oder weißem Licht. Wissenschaftler des Psychologischen Instituts der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz haben herausgefunden, dass der Wein unter rotem Licht ungefähr 1,5 Mal süßer schmeckte als unter weißem oder grünem Licht. Auch die Fruchtigkeit wurde bei rotem Licht am höchsten eingestuft.
Bei dem Experiment sollten die 500 Versuchsteilnehmer außerdem angeben, wie viel Geld sie für einen bestimmten Wein bereit sind auszugeben. Ergebnis: Für die gleiche Flasche Riesling wollten die Testpersonen bei rotem Licht einen Euro mehr bezahlen als bei grünem Licht. Wer also billigen Wein serviert, sollte auf eine farblich abgestimmte Beleuchtung achten.
Die richtige Musik zum Wein
Einen vergleichbaren Effekt hat auch die Musik. Um das nachzuweisen, riefen schottische Wissenschaftler der Heriot Watt University in Edinburgh zu einer Weinverkostung mit 250 Studenten auf. Die Forscher stellten fest, dass sich der Geschmack von Cabernet Sauvignon stärker bei mächtiger und schwerer Musik wie Carmina Burana von Carl Orff entfaltet. Chardonnay schmeckt dagegen besser bei schwungvollen und erfrischenden Melodien.
Die Wissenschaftler haben zusätzlich die perfekte Songauswahl für den maximalen Weingenuss vorgelegt. Demnach sollte man zu einem Cabernet Sauvignon All Along The Watchtower von Jimi Hendrix, Honky Tonk Woman von den Rolling Stones, Live And Let Die von Paul McCartney sowie Won't Get Fooled Again von The Who hören. Chardonnay schmeckt am besten bei Atomic von Blondie, Rock DJ von Robbie Williams, What's Love Got To Do With It von Tina Turner und Spinning Around von Kylie Minogue.
Viele Halbwahrheiten über Wein
Stimmt es eigentlich, was die selbsternannten Weinkenner erzählen? Der französische Weinbauer Frédéric Brochet hatte deren Kompetenz einst arg angezweifelt. So stellte er beispielsweise fest, dass sich Weinexperten bei der Beschreibung des Geschmacks sehr stark von der Farbe leiten lassen.
In einer kleinen Studie hatte der Franzose Rot- und Weißweine testen lassen. Die eingeladenen Weinkenner sollten ihre vollmundigen Bewertungen auf einen Zettel aufschreiben. Diese Notizen bewahrte Brochet auf und präsentierte seinen Testpersonen kurz darauf dieselben Weine, dann aber entfärbt. Was er feststellte: Die Rotweintester verwendeten bei der zweiten Verkostung weniger rotweintypisches Vokabular. Zudem wurde derselbe Wein unterschiedlich beurteilt, wenn er als billiger Tafelwein getarnt und nicht mit einem schönen Etikett versehen war.
Zum Abschluss ein Bier
Soweit zum Thema Wein. Aber auch Bierkenner lassen sich leicht aufs Glatteis führen, was news.de in einem Bier-Blindtest eindrucksvoll nachweisen konnte. Auch Diplom-Psychologe Hans-Georg Häusel bestätigt, dass die meisten Menschen verschiedene Biere bei einem Blindtest geschmacklich gar nicht auseinanderhalten könnten.
Bier wird seiner Einschätzung nach vor allem wegen der versprochenen Botschaften aus der Werbung getrunken. «Die Marke Becks steht für Abenteuer, für Aufbruch, für Erlebnis. Ganz anders beispielsweise Krombacher mit ihrer idyllischen Seenlandschaft. Oder Radeberger, die mit der alt-ehrwürdigen Semperoper werben.»
Warum junge Menschen zu Becks neigen und ältere Herren sich eher zu Radeberger hingezogen fühlen, liegt laut Häuser an der Anzahl der Hormone und Botenstoffe im Gehirn. In einem Interview im Stern sagte der Psychologe: «Wer jünger ist, hat im Durchschnitt mehr Testosteron im Blut und eine höhere Dopamin-Konzentration zwischen den Gehirnzellen. Dopamin und Testosteron sind im hohen Maße verantwortlich für unser Bedürfnis nach Abenteuer, Leistung, Gewinnenwollen. Becks mit seinem Versprechen nach Abenteuer befriedigt diese Sehnsucht. Bei Älteren nimmt das Testosteron ab, dafür steigt ab 30 Jahre die Menge des Balance-Hormons Cortisol. Ältere suchen daher weniger Veränderung, sondern Ausgeglichenheit - Radeberger eben.»
Na dann: Prost!
rzf/reu/news.de
Interessanter und aktueller wäre zu analysieren, wie man (und die Hintergrunde) zu der Anwendung der nuklearen Energie steht
jetzt antwortenKommentar melden