Von news.de-Redakteur Andreas Schloder - 15.02.2011, 11.04 Uhr

Querschnittslähmung: «Ich habe keinen Grund zu jammern»

Ronny Ziesmer teilt das Schicksal von Samuel Koch: Er war Turner, topfit - und nun ist er gelähmt. Der ehemalige WM-Teilnehmer macht Samuel Mut: Im Interview erklärt Ziesmer, warum das Leben durch eine Lähmung noch lange nicht zu Ende ist.

2016 will der querschnittsgelähmte Ronny Ziesmer bei den Paralympics im Rennrollstuhl antreten. Bild: gymmedia.de

Der 12. Juli 2004 hat das Leben von Ronny Ziesmer für immer verändert. Der Deutsche Mehrkampfmeister im Kunstturnen und WM-Teilnehmer von 2003 bereitete sich akribisch auf die Olympischen Sommerspiele von Athen vor. Der Cottbusser galt als Medaillenhoffnung. Ziesmer übte seine Wettkampfkür am Reck. Ein Tsukaharaein Überschlag mit anschließendem Rückwärtssalto wurde ihm zum Verhängnis: Er schlug mit dem Kopf auf, brach sich den fünften und sechsten Halswirbel. Seither ist er querschnittsgelähmt.

Herr Ziesmer, hat der Wettunfall von Samuel Koch bei Wetten dass..? Sie an Ihren eigenen Unfall erinnert?

FOTOS: Promis mit Lähmung Sich niemals aufgegeben

Ziesmer: Ich habe den Sturz erst nachträglich auf YouTube gesehen. Das war schrecklich. Es tut mir, wie jedem anderen, beim Zuschauen weh. Aber im derzeitigen Stadium ist alles, was man dazu sagen kann, eine unmögliche Prognose. Ich will nicht unnötig meinen Senf dazugeben.

Sie sind seit etwa sieben Jahren gelähmt. Auch Samuel Koch wird wohl gelähmt bleiben. Wie können er und seine Familie mit der Situation umgehen?

Ziesmer: Ich habe Samuel Koch angeboten, mit mir in Kontakt zu treten und bin offen für alles. Bis jetzt hat er sich nicht gemeldet. Das ist verständlich. Er hat sicher genug mit sich selbst zu tun, der Unfall ist ja erst zwei Monate her.

Sind Sie bei Ihrem Sprung 2004, der zum Unfall führte, ein zu hohes Risiko eingegangen?

Ziesmer: Wer konsequent über Risiken nachdenkt, dürfte gar nicht mehr aufstehen. Leute, die im Winter auf Glatteis ausrutschen, haben auch schon Lähmungen davon getragen. Klar, das Risiko steigt mit dem, was man macht. Aber auf solche Leistungen wie einen Salto über ein Auto oder meinen Doppelsalto rückwärts bereitet man sich jahrelang vor. Turner gehen nicht an so eine Sache, ohne gut trainiert zu haben.

Trotzdem sind Sie nun auf den Rollstuhl angewiesen.

Ziesmer: Es ist leider so, dass Fehler trotz professioneller Vorbereitung passieren. Mit solch schweren Stürzen wie bei Samuel Koch oder mir rechnet man vorher nicht. Das macht das Ganze so schlimm. Andererseits kann ein Leistungssportler bei einer Übung nicht ständig an mögliche Risiken denken, das wäre hinderlich. Respekt - ja, aber Angst ist falsch.

Sie haben es ohne psychologische Hilfe geschafft, mit der Vergangenheit abzuschließen. Wie haben Sie das erreicht?

Ziesmer: Einen hohen Anteil daran hatte auf jeden Fall meine Erfahrung im Leistungssport. Turner erleiden ab und zu Rückschläge und müssen sich immer wieder an die Wettkampfleistung heranarbeiten. Klar, mein Unfall war ein viel schlimmeres Tief als eine leichte Trainingsverletzung. Das Übelste, was es gibt. Aber ich war es vom Leistungssport her gewohnt, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, mich immer wieder neu zu motivieren. Außerdem bin ich ein sehr rationaler Typ. Dadurch bin ich nicht in Depressionen abgerutscht.

Sie wirken trotz der Einschränkungen zufrieden.

Ziesmer: Ich habe keinen Grund zu jammern. Ich habe mein Studium, meine Freundin und Freunde. Was will ich mehr? Es gibt weitaus schlimmere Schicksale als meines.

Seite 2: Wie Ronny Ziesmer kämpfen lernte

Wie lange haben Sie gebraucht, um physisch und mental an diesen Punkt zu kommen?

Ziesmer: Gut vier Jahre hat das gedauert. Das Gefühl, wieder selbstständig leben zu können, war dann aber sensationell. Es gibt keine materiellen Werte, die das aufwiegen können. Mit einer Lähmung vom fünften Halswirbel abwärts liegt ein selbstständiges Leben schon an der Grenze des Machbaren. Dass ich das geschafft habe, hat Einige in meinem Umfeld bestimmt überrascht und sehr gefreut.

Haben Sie keine verzweifelten Momente mehr?

Ziesmer: Ich habe ab und zu miese Tage, so wie jeder andere auch. Und wenn mir fünfmal am Tag was runter fällt, lasse ich es irgendwann frustriert liegen. Bei allem Optimismus würde ich dann alles hergeben, wenn ich mich wieder normal bewegen könnte.

Als Sportler haben Sie den Vorteil, dass Sie mental stärker sind.

Ziesmer: Durch meine fast zwei Jahrzehnte lange Ausbildung als Turner habe ich nicht nur Techniken oder konditionelle Fähigkeiten erworben. In erster Linie sind es auch Charakter- und Willensstärke. Man lernt das harte Kämpfen, also Beharrlichkeit und Ausdauer. Man gibt nicht so schnell auf. Wenn mich heute Eltern fragen, ob ich ihren Kindern das Turnen empfehlen würde: in jedem Fall! Es ist die komplexeste aller Sportarten und deshalb so wertvoll. Dabei geht es nicht erstrangig um spätere Erfolge oder Medaillen, sondern auch der Weg ist das Ziel.

Was könnte Querschnittsgelähmten helfen, die nach der Diagnose verzweifeln?

Ziesmer: Mit Ratschlägen ist das immer so eine Sache: Ich habe mir nach meinem Unfall vor allem damit geholfen, dass ich mir immer wieder kleine Teilziele gesetzt und mit Geduld daran gearbeitet habe. Es hat schon gedauert, bis ich wieder eine Gabel, eine Zahnbürste oder einen Kugelschreiber sinnvoll verwenden konnte.

Wie gehen Sie mit Mitleid um?

Ziesmer: Mitleid bleibt nicht aus, aber ich kann es nicht gebrauchen. Wenn ich ganz normal auf Leute zugehe, kommt meist auch kein Mitleid zurück. Wenn doch, habe ich mir ein dickes Fell zugelegt.

Sie sind jetzt HandbikerDas Handbike ist ein Liegefahrrad, die Pedale werden mit den Händen bewegt. . Machen Sie durch den Sport noch körperliche Fortschritte?

Ziesmer: Funktionell nein, schon seit Jahren nicht mehr. Das ist abgeschlossen. Aber das, was noch geht, kann und muss ich ständig optimieren. Manchmal staune ich selbst, was ich noch hinbekomme.

Sie wollen wieder in den Leistungssport einsteigen. Wieso lässt Sie das nicht los?

Ziesmer: Einmal Sportler, immer Sportler. Im Moment ist das noch mehr Rehabilitation und Hobby für mich als alles andere. Ich fahre draußen an der frischen Luft mit dem Handbike oder übe zu Hause mit einem TherabandEin Gummiband, das Kraft und Beweglichkeit fördert. . Nachdem ich 2009 erstmals und zuletzt im September 2010 am Berlin-Marathon teilgenommen habe, ist nun meine Vision, 2016 bei den Paralympics zu starten, vielleicht im Rennrollstuhl. 2012 in London käme der Einsatz noch ein wenig zu früh für mich.

Wie wird es bis dahin weitergehen?

Ziesmer: Beruflich will ich nach meinem Bachelorabschluss an der Fachhochschule Lausitz im Fach Biotechnologie in diesem Sommer hundertprozentig in die Arbeit bei meiner Stiftung «Allianz der Hoffnung» einsteigen. Die besteht bereits seit 2006 und uns ist es gelungen, Bundeskanzlerin Angela Merkel als Schirmherrin zu gewinnen. Hauptziel der Stiftung ist die Bildung des weltweit ersten «Zentrums für Neuronale Regeneration», welches die Forschung auf dem Gebiet der Regeneration von Nervenzellen im Rückenmarksbereich als Schwerpunkt hat.

Vor allem wollen wir im ersten Schritt das weit gefächerte Wissen auf diesem Gebiet sondieren, erfassen, bündeln, um danach gezielter und effizienter die Forschung zu optimieren. Zurzeit konzentriere ich mich zusammen mit meinem Medienberater, dem ehemaligen ZDF-Sportreporter Eckhard Herholz, auf die Öffentlichkeitsarbeit. Mit meinem Fachwissen aus dem Studium und meiner authentischen Rolle wollen wir möglichst ausreichende Mittel für die Erforschung der Nervenzellenregeneration gewinnen.

ham/zij/reu/news.de

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